Das Konzept „situierten Wissens“ wurde 1988 von der weißenfeministischen Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway für die feministisch-wissenschaftstheoretische Debatte entwickelt. Haraway geht dabei von einer grundsätzlichen Bedingtheit jeglichen Wissens aus. Dies bedeutet: Situiertes Wissen ist stets begrenzt. Auch als universell präsentiertes (wissenschaftliches) Wissen ist nicht neutral, sondern sozial, kulturell und historisch verortet und nur eine mögliche Wissensform unter vielen. Herrschendes Wissen muss folglich stets aus unterschiedlichen Perspektiven heraus kritisch überprüft, dekonstruiert und interpretiert werden.
Migrantisch situiertes Wissen verweist auf das kritische Wissen um die Wirkungsmechanismen und -orte von Rassismus aufgrund der eigenen individuellen und kollektiven Erfahrungen migrantisierter Menschen. Es ist Wissen, was augenscheinlich durch die Betroffenen erschaffen werden muss, obwohl es eigentlich längst vorhanden ist, aber in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen nicht thematisiert oder sichtbar gemacht bzw. aus weißer Perspektive als nicht legitim empfunden wird. Daher muss die Expertise der Betroffenen in der Thematisierung und Aufarbeitung rassistischer Strukturen handlungsleitend sein.
Ein wichtiges Beispiel für die Bedeutung migrantisch situierten Wissens ist die Aufarbeitung der NSU-Morde. Angehörige und Überlebende der Gewalttaten kritisierten eine gesellschaftliche Ignoranz und Ausblendung des strukturellen Rassismus, der u.a. in den Ermittlungspraktiken der Polizei zum Ausdruck kam. Migrantisch situiertes Wissen ist damit Strategie, Gegennarrativ und Perspektive zugleich. Über eigene, widerständige Praktiken der Bedeutungsproduktion und Artikulation bewiesen Angehörige und Betroffene, wie struktureller Rassismus sich trotz Ignoranz und Ausblendung dennoch thematisieren und darstellen lässt.
