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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 4, Dezember 2016

Schwerpunkt: Blick zurück nach vorn

Verbreitung: Meinungsumfragen zu Vorurteilen und menschenfeindlichen Einstellungen

Repräsentative Umfragen zeigen, dass Vorurteile insbesondere gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten sowie Migrantinnen und Migranten verbreitet sind. Dabei scheinen Sinti und Roma zu den Gruppen zu gehören, die besonders stark von Vorurteilen betroffen sind und abgelehnt werden. So ergab eine 1992 vom Allensbach Institut durchgeführte Umfrage, dass 64% der Deutschen eine negative Meinung von Roma und Sinti haben. 17% der Befragten äußerten sich negativ über Muslime, 12% bekundeten eine negative Meinung über "Gastarbeiter" und 8% über "Menschen mit dunkler Hautfarbe". Den mit Blick auf Roma und Sinti ermittelten sehr hohen Prozentsatz bestätigte eine 1994 von Emnid durchgeführte Umfrage, nach der 68% der Deutschen Sinti und Roma als Nachbarn ablehnen. (Europäische Kommission 1995, S. 12)

In einer empirischen Studie des Fokus-Institutes Halle wurden 2002 negative Wahrnehmungsmuster gegenüber Personengruppen ermittelt, die "dem vorgeprägten Bild einer von vielen Menschen verinnerlichten bzw. gewünschten ‚Normalität' nicht entsprechen" (Fokus-Institut Halle 2003). In der repräsentativen Untersuchung wurde u.a. nach einer "spürbaren Abneigung" bei Begegnungen mit unterschiedlichen Gruppen gefragt. Uneingeschränkte oder teilweise Abneigung äußerten z.B.:

  • 48% gegenüber "Einwandernden aus Osteuropa";
  • 43% gegenüber "Menschen arabischer Herkunft";
  • 40% gegenüber "Personen türkischer Herkunft";
  • 36% gegenüber "Obdachlosen;
  • 30% gegenüber "Schwulen/Lesben";
  • 24% gegenüber "Ausländern allgemein";
  • 16% gegenüber "Menschen jüdischer Herkunft";
  • 16% gegenüber "Menschen mit dunkler Hautfarbe";
  • 15% gegenüber "Menschen asiatischer Abstammung";
  • 8% gegenüber "jungen Menschen";
  • 7% gegenüber "Menschen mit Behinderungen";
  • 6% gegenüber "alten Menschen".

Viele Meinungsumfragen in Deutschland sind einmalige Befragungen aus meist aktuellem Anlass, deren Ergebnisse sich wegen des je spezifischen Untersuchungsgegenstandes und der benutzten Methoden nicht vergleichen lassen. Mangelware sind insbesondere kontinuierliche Umfragen zu von Vorurteilen betroffenen Gruppen, die eine Langzeitentwicklung aufzeigen könnten. Eine Ausnahme ist das auf zehn Jahre angelegte Forschungsprojekt der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" (GMF) des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Im Zentrum des Projektes steht die Frage, wie Menschen mit unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft sowie mit verschiedenen Lebensstilen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden, Anerkennung erfahren oder mit feindseligen Mentalitäten konfrontiert sind. Seit 2002 finden im Rahmen dieses Projektes jährliche Befragungen zu sieben Facetten offener oder verdeckter Menschenfeindlichkeit statt, deren gemeinsames Merkmal die gesellschaftliche Konstruktion von Ungleichwertigkeit ist. Das Ausmaß menschenfeindlicher Einstellungen zeigte sich in der 2004 durchgeführten repräsentativen Befragung z.B. in folgenden Ergebnissen :

  • Fremdenfeindlichkeit zeigt sich laut Studie u.a. darin, dass fast 60% der Befragten der Auffassung sind, dass zu viele Ausländer in Deutschland lebten. Darüber hinaus sind 36% der Meinung, Ausländer sollten in ihre Heimat zurückgeschickt werden, wenn die Arbeitsplätze knapp werden.
    Als Etabliertenvorrechte werden die von Alteingesessenen beanspruchten Vorrangstellungen bezeichnet, die auf eine Unterminierung der Rechte von neu Hinzugekommenen hinauslaufen. Über 35% der Befragten vertreten die Auffassung, dass diejenigen, die schon immer hier leben, mehr Rechte haben sollten als diejenigen, die später zugezogen sind.
  • Verbreitet ist die Abwertung und Abwehr von Homosexuellen, Obdachlosen und Behinderten, die unter dem Begriff der Heterophobie (der "Angst vor dem Anderssein") zusammengefasst werden. Fast 38% der Befragten empfinden Ekel, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen. 45% empfinden Obdachlose als unangenehm und 28% äußern, dass sie sich in der Gegenwart von Behinderten unwohl fühlen.
  • Als Islamphobie werden ablehnende Einstellungen gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islams verstanden. 24% der Befragten sind der Auffassung, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. Und rund 35% fühlen sich durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land.
  • Das Phänomen "klassischer Sexismus" bezieht sich auf geschlechtsdiskriminierende Vorstellungen in der Bevölkerung. So sollen sich z.B. Frauen nach Meinung von etwa 29% der Befragten wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen. Und rund 25% stimmen der Aussage zu, dass es für eine Frau wichtiger sein sollte, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen.
  • Antisemitische Einstellungen zeigen sich bei rund einem Fünftel der Befragten: Fast 22% der Befragten beklagen zu viel Einfluss von Juden in Deutschland. Und ca. 18% sind überzeugt davon, dass Juden durch ihr Verhalten an ihren Verfolgungen mitschuldig seien.
  • Zum Phänomen des Rassismus zählt z.B. die von etwa 13% der Befragten vertretene Meinung, dass die Weißen zu Recht führend in der Welt seien. Und für fast 22% sollten Aussiedler besser gestellt werden als Ausländer, da sie deutscher Abstammung seien.