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(Auszug)

Überblick Nr. 3, September 2012

Schwerpunkt: Opferperspektive

Überblick_3-12

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Erklärungsansätze: Entstehung und Entwicklung von Vorurteilen

Vorurteile: ErklärungsansätzeEine allgemeine Theorie zu Vorurteilen und ihren Ursachen gibt es nicht. Es liegen vielmehr verschiedene theoretische Ansätze vor, die versuchen zu erklären, wann bzw. warum Menschen Vorurteile haben. Diese Erklärungsansätze stehen weitgehend isoliert nebeneinander und arbeiten auf verschiedenen Analyseebenen und mit unterschiedlichen Erklärungsprinzipien. Sie unterscheiden sich z.B. hinsichtlich der Frage, ob die Ursachen von Vorurteilen in gesellschaftlichen oder in innerpsychischen Bedingungen begründet sind. Manche Ansätze schreiben der vorurteilsbehafteten Person ein Motiv der bewussten oder unbewussten Abwertung von Fremdgruppen zu, andere gehen hingegen nicht von einem Abwertungsmotiv aus.

Da es keine theoretische Integration der verschiedenen Erklärungsansätze gibt, werden nachfolgend vier Theorieschulen exemplarisch mit ihren zentralen Inhalten kurz vorgestellt. Dabei handelt es sich um:

  • Konflikttheoretische Ansätze, die Vorurteile auf Konkurrenz- und Konfliktsituationen zwischen sozialen Gruppen zurückführen;
  • Lerntheoretische Ansätze, die die Übernahme von Vorurteilen im Sozialisationsprozess hervorheben;
  • Psychodynamische Ansätze, die die Ursache von Vorurteilen in der Persönlichkeitsstruktur des Individuums und innerpsychischen Konflikten sehen;
  • Kognitive Theorien der sozialen Wahrnehmung, die Prozesse der Informationsverarbeitung des Menschen für die Entstehung von Vorurteilen verantwortlich machen.


1. Konflikt- bzw. gruppentheoretische Ansätze

Konflikttheoretische Ansätze sehen Vorurteile durch "reale" (bzw. als real wahrgenommene) Interessenskonflikte und Konkurrenzsituationen zwischen Gruppen verursacht. Unvereinbare Ziele, die nur auf Kosten der anderen Gruppe erreicht werden können, führen demnach zu Bedrohungswahrnehmungen, Feindseligkeit und Vorurteilen gegenüber der Bedrohungsursache. Ein klassisches Beispiel aus den 1950er Jahren ist das Experiment des US-amerikanischen Sozialpsychologen M. Sherif mit Jugendlichen in einem Ferienlager. Diese wurden willkürlich in zwei Gruppen aufgeteilt und in Wettbewerbs- und Konfliktsituationen beobachtet. Dabei wurde deutlich, wie im Verlauf des Intergruppenkonfliktes die jeweilige Gruppenidentität erheblich zunahm und sich bei beiden Gruppen negative Meinungen über die jeweils andere Gruppe herausbildeten. Empirische Belege für diesen Ansatz beruhen auf historischen Analysen oder experimentellen Untersuchungen. So wurde z.B. in verschiedenen Studien gezeigt, dass sich negative Einstellungen gegenüber ethnischen Minderheiten im Zuge der Verknappung von Arbeitsplätzen bzw. einer wahrgenommenen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt entwickelten. Die empirische Sozialforschung kann aber keinen eindeutigen, monokausalen Zusammenhang von (wirtschaftlicher) Konkurrenz und Vorurteilen nachweisen.

Mit der "Theorie der sozialen Identität" wurde der konflikttheoretische Ansatz in wichtigen Punkten modifiziert. Die Studien des britischen Sozialpsychologen H. Tajfel und seiner Mitarbeiter zeigten, dass allein eine (willkürliche) Einteilung von Personen in Gruppen ausreicht, um Differenzen zwischen Gruppen und eine Favorisierung der Eigengruppe gegenüber der Fremdgruppe herzustellen. Ein Interessenskonflikt um physische Ressourcen wie Geld, Arbeit oder Territorium ist demnach keine notwendige Voraussetzung für die Ablehnung von Fremdgruppen, es reicht vielmehr, die Welt in "Wir" und "Ihr" zu unterteilen. Erklärt wurden die Ergebnisse mit Identitätsbildungsprozessen: Jede Person - so die Grundannahme - strebt nach einem positiven Selbstbild und dieses wird auch von Gruppenzugehörigkeiten und deren Bewertung bestimmt. Das positive Bild der Eigengruppe ergibt sich durch den Vergleich zwischen Eigen- und Fremdgruppe. Eine positive soziale Identität kann eine Person erhalten, indem sie die Eigengruppe über die Abwertung der Fremdgruppe aufwertet:

"Stereotype und Vorurteile sind dann Waffen im Kampf um eine soziale Ressource, nämlich Ansehen und Status innerhalb einer Gesellschaft." (Stroebe 1988, S. 508)

2. Lern- bzw. sozialisationstheoretische Ansätze

Grundannahme dieser Ansätze ist es, Stereotype und Vorurteile als ebenso erlernt zu betrachten wie andere Lern- und Wissensinhalte auch. Sie entwickeln sich aus dieser Perspektive über die Wahrnehmung von Rollen- oder Statusunterschieden zwischen Gruppen oder werden im Sozialisationsprozess durch die Vermittlung von Eltern, Freunden, Schule oder Medien übernommen. Wer beispielsweise Frauen hauptsächlich in der Rolle der umsorgenden Mutter erlebt, wird diesem Ansatz zufolge Frauen mit Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Wärme assoziieren. Andere Studien konnten einen signifikanten Einfluss von Fremdenfeindlichkeit der Eltern auf die Einstellungen der Kinder nachweisen.

"Hier wirken Lernprozesse durch Imitation, Beobachtung, durch Identifikation mit Vorbildern, durch indirekte Instruktion, durch Gebote, Verboten und Strafen." (Bergmann 2001, S. 8)

Im Gegensatz zu Konflikttheorien werden Vorurteile in lern- bzw. sozialisationstheoretischen Ansätzen nicht selbst durch persönliche Erfahrungen mit Mitgliedern einer anderen Gruppe gebildet und sie dienen auch nicht der Selbstwertsteigerung. Sie werden vielmehr übernommen aus dem in jeder Gesellschaft bestehenden Vorrat an Einstellungen und Normen, die teilweise in einer lang zurückliegenden Vergangenheit entstanden sind.

Diese gesellschaftliche Kommunikation (Diskurse) untersucht die Diskursanalyse, die nicht individuelle Vorurteilsstrukturen in den Blick nimmt, sondern davon ausgeht, dass über gesellschaftliche Diskurse Fakten und Realität sozial organisiert und strukturiert werden. Sie zeigt, auf welche Weise Kategorien wie z.B. "Ausländer", "Flüchtling", oder "Rasse" in Interviews, Schulbüchern, politischen Debatten oder Zeitungsartikeln konstruiert und verwendet werden und deckt so diskriminierende Diskurse über Minderheiten auf.


3. Psychodynamische Ansätze

Individualpsychologische Theorien wie die Psychoanalyse, die "Theorie der autoritären Persönlichkeit", die "Frustrations-Aggressionstheorie" und die "Sündenbock-Theorie" gehen von der Annahme aus, dass Vorurteile wichtige psychische Funktionen für die vorurteilsbehaftete Person erfüllen. Vorurteile sind aus dieser Sicht psychisch nicht adäquat verarbeitete innere wie äußere Konflikte der unterschiedlichsten Art, die durch Projektion und Aggressionsverschiebung nach außen - auf ein anderes Objekt bzw. eine Fremdgruppe - zu lösen versucht werden.

Die von T. W. Adorno und seinen Mitarbeitern in den 1940er Jahren entwickelte "Theorie der autoritären Persönlichkeit" führt Vorurteile auf spezifische Persönlichkeitsstrukturen zurück, die ihren Ursprung in frühkindlichen Identitätsbildungsproblemen und einem unterdrückenden Erziehungsverhaltens der Eltern haben. Vorurteilsvolle Menschen verdrängen demnach die aus Konflikten mit der Familie und der Eigengruppe resultierenden Abneigungen und Aggressionen und übertragen diese auf Außengruppen. Der typisch autoritäre Charakter zeichnet sich überdies durch Unterwürfigkeit gegenüber Stärkeren und ein starres Festhalten an traditionellen Wertvorstellungen (Konformismus) aus.

Frustrationen und ihre Folgen stehen im Mittelpunkt der "Frustrations-Aggressionstheorie", die zur sog. "Sündenbock-Theorie" weiterentwickelt wurde. Frustrationen der unterschiedlichsten Art (Arbeitslosigkeit, Konflikte mit dem Chef etc.) führen demnach zu Aggressionen. Können sich diese nicht gegen die Frustrationsquelle richten - z. B. weil die Ursache nicht genau identifizierbar oder der Verursacher zu mächtig ist -, dann besteht die Möglichkeit, andere Objekte und Fremdgruppen für die erlittene Frustration verantwortlich zu machen. Dieser auch in Alltagstheorien populäre Ansatz bietet eine Erklärung, warum etwa Minderheiten als fremde und schwache Gruppen ein bevorzugtes Objekt von Vorurteilen darstellen. Er erscheint aber nur auf dem ersten Blick als einleuchtend: Ohne Rückgriff auf andere Theorien kann er nicht erklären, warum nur manche Menschen mit der Verschiebung von Aggressionen auf schwächere Personen(gruppen) reagieren, andere hingegen nicht. Der Ansatz erklärt zudem nicht, warum spezifische Minderheitengruppen zur Verschiebung individuell erfahrener Frustrationen ausgewählt werden.

4. Kognitive Ansätze

Sowohl psychodynamische als auch kognitive Ansätze untersuchen innerpsychische Prozesse als Ursachen von Vorurteilen. Beiden Ansätzen liegen aber unterschiedliche psychologische Menschenbilder und unterschiedliche Definitionen von Vorurteilen zugrunde. Während psychodynamische Vorurteilstheorien die gefühlsmäßige Dimension des Vorurteils betonen und Vorurteile als eine Verzerrung der Realität verstehen, betrachten kognitive Ansätze diese Verzerrungen als Ergebnis der begrenzten menschlichen Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung: Jeder Mensch bildet demnach in der hochkomplexen Realität Kategorien, um subjektiv wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen, die Informationsflut zu verringern und handlungsfähig zu bleiben. Im Bereich der interpersonalen Wahrnehmung sind dies z.B. Kategorien wie Geschlecht, Alter, Größe, Nationalität, politische Überzeugung oder Beruf. Solche im Laufe der Erziehung gelernte Kategorien sind zumeist nicht neutral, sondern beinhalten eine Wertung, die auf die kategorisierten Personen übertragen wird.

Rainer Erb hebt drei Grundformen dieser sozialen, d.h. auf Personen bezogenen, Kategorisierung hervor:

- "Dem Vergleich: Personen und Gruppen werden bestimmte Merkmale nicht absolut, sondern im Verhältnis zu anderen zugeschrieben. Bezeichnen sich etwa die Deutschen selbst als fleißig, gelten andere Völker fast automatisch als weniger fleißig, letztlich als faul;

- der Klassenbildung: Die Wahrnehmung der Umwelt ist immer durch unser Wissen, unsere Erwartungen und durch soziale Normen und Situationen vorstrukturiert. Aufgrund dieser stereotypen Wahrnehmung fassen wir Personen oder Gruppen zu allgemeinen Klassen zusammen, wodurch diese uns untereinander als ähnlicher erscheinen als sie tatsächlich sind;

- die Ähnlichkeits- bzw. Differenzakzentuierung: Aufgrund der Klassenbildung werden die Ähnlichkeiten zwischen den Mitgliedern einer Gruppe überschätzt, während zwischen den Gruppen die Differenzen überbetont werden. Obwohl sicher viele Franzosen vielen Deutschen (etwa die Bankangestellten) ähnlicher sind als ihren eigenen Landsleuten, werden die Deutschen untereinander als gleicher und als verschiedener von den Franzosen angesehen." (Erb 1995, S. 19f)

Funktionen von Vorurteilen

Vorurteile: FunktionenDie verschiedenen Erklärungsansätze und empirischen Studien machen deutlich, dass Vorurteile wichtige Funktionen für die einzelne Person bzw. für soziale Gruppen erfüllen können. In Anlehnung an Georg Hansen (1995, S. 546f) können beispielsweise vier Funktionen hervorgehoben werden:

1. Vorurteile dienen der Orientierung in einer komplexen Welt, reduzieren Unsicherheit und bieten Verhaltenssicherheit; sie ermöglichen die Herstellung und Aufrechterhaltung von Selbstwertgefühlen.

2. Vorurteile dienen durch Ein- und Ausgrenzungen der Gruppenbildung und ermöglichen die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts der Eigengruppe und ein negatives Konzept von Fremdgruppen. Sie machen die Verschiebung aggressiver Gefühle auf Fremdgruppen möglich und können so auch die Solidarität innerhalb der Eigengruppe erhöhen.

3. Vorurteile dienen der Legitimierung von Herrschaft und tragen dazu bei, den Status quo der ungleichen Machtverteilung zwischen Majoritäten und Minoritäten zu erhalten;

4. Vorurteile dienen über die Bereitstellung von "Sündenböcken" und Mythenbildungen der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen: Über Fremd- und Feindbilder werden Gruppengrenzen festgelegt, und damit auch die Grenzen der Solidarität.