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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

"Rassismus" statt "ethnische Vorurteile"

Speziell mit Blick auf die Abwertung ethnischer Minderheiten ist der Vorurteilsbegriff nicht unumstritten. Statt von "ethnischen Vorurteilen" - so insbesondere sozialwissenschaftliche Ansätze - müsse vielmehr von "Rassismus" gesprochen werden, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um ein Problem verirrter oder falsch denkender Einzelner handle, sondern um ein kontinuierliches und kollektives Phänomen moderner Gesellschaften. In deutlicher Kritik zum psychologisch geprägten Vorurteilsbegriff formuliert z.B. Mark Terkessidis:

"(a) Rassismus entsteht nicht durch sich aggregierende persönliche Probleme - Irrtümer, Wahrnehmungsverzerrungen oder pathologische Reaktionen - von Einzelnen. Insofern ist es von vornherein irreführend, den Untersuchungsgegenstand als Vorurteil bzw. ethnisches Vorurteils zu bezeichnen, weil in diesem Begriff die Vorstellung eines individuellen Irrtums angelegt ist.
(b) Aber noch weitere Gründe sprechen gegen die Bezeichnung Vorurteil. Sie setzt voraus, dass ein richtiges Urteil über irgendein bereits existierendes ‚Objekt' möglich ist (...). Tatsächlich wird dieses ‚Objekt' jedoch durch eine bestimmte Praxis und einen bestimmten Diskurs überhaupt erst hervorgebracht. (...)
(c) Um Rassismus begreifen zu können, muss das Augenmerk auf die Beziehungen zwischen Gruppen gelenkt werden. Die Gruppen oder auch Kategorien sind jedoch, wie gesagt, keine präformierten, natürlichen Gegebenheiten. Daher müssen sowohl die konkreten historischen Konstitutionsbedingungen der Gruppen als auch die Bedingungen der Beziehung zwischen ihnen analysiert werden.
(d) Vorurteile oder Stereotype sind keine einfache Verzerrung der Realität, sondern sie geben für die Mitglieder der hegemonialen Gruppe auf spezifische Weise die Beziehung zwischen den Gruppen durchaus ‚angemessen' wieder. Es handelt sich um Formen ‚sozialer Erkenntnis', die für ihre Benutzer die Wirklichkeit einleuchtend erklären und die beständig eine positive Rückmeldung aus dem Konsens der Gruppe erhalten. Um die Begriffe Vorurteil und Stereotyp zu vermeiden, möchte ich den gesellschaftlichen Bestand solcher ‚Erklärungen' als rassistisches Wissen bezeichnen.
(e) Zwischen den in einer Gruppe hegemonialen Werten und den wertenden Gruppenkategorisierungen besteht ein Zusammenhang. Die Inhalte des rassistischen Wissens sind daher nicht beliebig, sondern sie ergeben sich aus dem in der hegemonialen Gruppe verbreiteten kulturellen Wertekanon. Mit der kollektiven Definition der Anderen gemäß der hegemonialen Werte legt die Gruppe dabei auch beständig ihr ‚Selbst' fest.
(f) In den Inhalten des rassistischen Wissens wird daher das konkrete Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Anderen mit Hilfe des Wertekanons der dominanten Gruppe definiert. Sowohl dieses Verhältnis als auch der Wertekanon sind historisch variabel. So kommt es zu beständigen kollektiven Neudefinitionen.
(g) In Definition und Neudefinition des Verhältnisses kommt eine Verteidigung der Position der dominanten Gruppe zum Ausdruck. Rassistisches Wissen legitimiert also laufend die übergeordnete Position einer Gruppe. Solche Legitimation ist notwendig, da die Ungleichheit zwischen den Gruppen angesichts des ‚Gleichheitsethos' als ungerechtfertigt empfunden wird. (...)" (Terkessidis 1998, S. 59f)

Sozialwissenschaftliche Ansätze betonen, dass Rassismus als Ideologie tief in den jeweiligen Gesellschaften verankert ist - in historisch tradierten gesellschaftlichen Normen, Werten und ungleichen Lebenslagen. Rassismus stellt demnach eine gesellschaftliche Kategorisierung nach biologischen bzw. kulturalistischen Merkmalen dar, die sich auch in gesellschaftlich institutionalisierten Abwertungen widerspiegelt. Albert Memmi hat eine Definition vorgeschlagen, die mit der Konstruktion von Unterschieden und ihrer Funktionalisierung für eigene Vorteile Elemente enthält, die mehr oder weniger auch in anderen Definitionen vorkommen:

"Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Täters und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen." (Memmi 1982, S. 103)

Die ideologische Funktion des Rassismus fasst Robert Miles wie folgt zusammen:

"Die rassistische Ideologie hat eine Reihe zusätzlicher Merkmale. Weil sie einen Prozess der Rassenkonstruktion voraussetzt, hat sie, erstens, einen dialektischen Charakter: In der Repräsentation des Anderen spiegelt sich zugleich das Bild des Selbst. Der Rassismus ist eine Repräsentationsform, die Gruppen von Menschen gegeneinander abgrenzt und zwangsläufig als eine Ideologie der Ein- und Ausschließung funktioniert. Aber anders als im Prozess der Rassenkonstruktion, wo Personen etwa durch die Bedeutung der Hautfarbe zugleich ein- und ausgeschlossen werden, funktioniert der Rassismus als ein Spiegel, in dem die negativen Merkmale des Anderen als positive Merkmale des Selbst zurückgeworfen werden. Rassismus setzt also Rassenkonstruktion voraus, geht jedoch darüber hinaus, indem er explizit negativ bewertete Elemente benutzt". (Miles 1989, S. 359)

Während also die Einstellungsforschung (die eher dem Bereich der Psychologie zuzuordnen ist) ein Vorurteil als von Gefühlen bestimmte negative Bewertung beschreibt, die analytisch von diskriminierenden Verhaltensweisen zu unterscheiden ist, interpretieren Rassismusforscherinnen und -forscher (die häufig bei den Sozialwissenschaften einzuordnen sind) Rassismus nicht nur als ein der Gefühlswelt zuzuordnendes Phänomen, sondern als Ausgrenzungspraxis, die mit der damit verbundenen faktischen Macht der Durchsetzung einhergeht. Die Einstellungsforschung widmet sich mehr dem Individuum und seinen Vorurteilsstrukturen, die Rassismuskritik interpretiert vor allem strukturelle Erscheinungsformen von Rassismus und problematisiert Ansätze der Einstellungsforschung als unpolitisch, weil sie die strukturelle und machtvolle Verankerung individueller Vorurteile und Rassismen in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs nicht thematisiere.