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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Gegenmaßnahmen: Abbau von Vorurteilen

"Es ist leichter ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil."(Albert Einstein)

Vorurteile gelten aufgrund ihrer psychischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Funktionen als nur schwer abbaubar. Dies gilt vor allem dann, wenn sie schon in der frühen Kindheit gelernt wurden, stark emotional besetzt und für das Selbstverständnis einer Person oder die Absicherung von gesellschaftspolitischen Machtpositionen bedeutsam sind.

Angesichts der Vielfalt wissenschaftlicher Erklärungsansätze und Definitionen überrascht es kaum, dass die Frage, ob und wie Vorurteile verringert werden können, sehr unterschiedlich beantwortet wird:

  • Individualpsychologische und psychoanalytische Theorien setzen z.B. auf die Veränderung von Erziehungsstilen, Einzelfallhilfe, das Erkennen verborgener Ängste, die Stärkung von Selbstwertgefühl und die Förderung von Eigeninitiative.
  • Kognitive Ansätze verweisen auf die Bedeutung von Bildung und Aufklärung. Die Spannweite geeigneter Gegenmaßnahmen reicht hierbei von der Wissensvermittlung über die jeweils als "fremd" wahrgenommenen "Anderen" bis zur Aufklärung über die Funktionsmechanismen menschlicher Wahrnehmung, die Realität von Diskriminierung und ihre Konsequenzen für die Betroffenen.
  • Konflikttheoretische Ansätze heben hervor, dass es letztlich um einen Abbau von Konkurrenz und Wettbewerb geht und einer Förderung von sozialem Lernen und solidarischem Denken und Handeln.
  • Aus lern- bzw. sozialisationstheoretischer Sicht werden die Vorbildfunktion von Erziehenden und die Abwesenheit von Vorurteilen in Medien und Politik hervorgehoben. Wichtig ist hierbei ein gesellschaftliches Klima, das die Vielfalt der Lebensweisen bzw. Lebensstile begrüßt.
  • Nach sozialpsychologischen bzw. gruppensoziologischen Studien tragen Kontakte zwischen Gruppen zum Abbau von Vorurteilen bei, wenn sie unter Bedingungen von Gleichberechtigung und Kooperation für alle Seiten vorteilhaft sind.

Die Spannbreite möglicher und notwendiger Gegenmaßnahmen zwischen schulischer Bildung einerseits und gesellschaftlichem Klima bzw. öffentlichen Diskursen andererseits illustriert Werner Bergmann:

"Da Vorurteile sich bereits im späten Jugendalter stabilisieren, ist vor allem in der Schulzeit interkulturelle Erziehung von herausragender Bedeutung. Die internationale Forschung hat eine positive Wirkung kooperativer Unterrichtsprogramme auf die gegenseitigen Ressentiments, die schulische Leistung und das Selbstwertgefühl der Beteiligten nachgewiesen. Angelehnt an die Theorie Muzafer Sherifs (...), arbeiten ethnisch heterogene Kleingruppen an der Realisierung einer Gesamtaufgabe, wobei gleichberechtigte und von den Lehrern geförderte persönliche Kontakte im Vordergrund stehen. Andere Möglichkeiten positiver ethnischer Kontakte sind Schüleraustauschprogramme und der Aufbau von E-Mail-Kontakten zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedener Länder. Schule und Bildung können aber auch über indirekte interkulturelle Begegnungen zum Abbau von Vorurteilen beitragen, etwa durch die Verwendung multikultureller Unterrichtsmaterialien und Curricula oder durch Informationsprogramme, wie den "Culture Assimilations". In diesem Selbstlernprogramm werden häufig auftretende Konfliktsituationen vorgegeben, mit deren Lösung Verständnis für kulturelle Differenzen und die Relativität des eigenen Standpunkts entwickelt werden kann.

Wenn das politische und öffentliche Klima einen wichtigen Einfluss auf die Vorurteilsbildung und Diskriminierungsneigung ausübt, dann sind Staat und Öffentlichkeit in doppelter Weise gefordert:

- Politiker sollten darauf verzichten, etwa das Thema "Ausländer" oder "Zuwanderung" für Wahlkampfzwecke parteipolitisch zu instrumentalisieren und stattdessen klare positive Ziele für Einwanderung und Integration formulieren. Ähnliche Forderungen betreffen eine sachgerechte Berichterstattung der Massenmedien (...).

- Der Staat sollte Multikulturalität und Integration als wichtige Bildungsziele formulieren, Antidiskriminierungsgesetze erlassen oder benachteiligte Gruppen besonders fördern, was einen Einfluss auf die soziale Stellung von Minderheiten in der Gesellschaft haben und Benachteiligungen erschweren würde. Die auf diese Weise erzwungenen Verhaltensänderungen gegenüber diskriminierten Gruppen führen erfahrungsgemäß auch zu Einstellungswandel. Dies gilt auch in der negativen Richtung: Politische und rechtliche Ausgrenzung bestärkt die Vorurteile gegen solche Gruppen." (Bergmann 2001, S. 9)

Häufig werden soziale Kontakte/Begegnungen sowie Aufklärung/Bildung als Maßnahmen zur Verringerung von Vorurteilen hervorgehoben. Beide Ansätze sind aber keineswegs Allheilmittel.

"Vorurteile können durch Aufklärung, Information oder Begegnungen und konkrete Erfahrungen in Urteile verändert werden. Dies ist - bezogen auf einzelne oder einige wenige Vorurteile - erfolgreich, wenn dadurch die Interessen und deren Vertretung nicht gefährdet werden und wenn diese Aufklärung, Information oder Begegnung als positiv wahrgenommen werden und nicht punktuell erfolgen. Hierdurch werden aber Abgrenzungsbedürfnisse nicht aufgehoben. (...) Die dauerhafte Überwindung eines Vorurteils setzt voraus, dass eine als positiv erlebte Erfahrung mit Angehörigen einer Fremdgruppe nicht als Ausnahme interpretiert, sondern als Erwartung an alle Angehörigen dieser Fremdgruppe gerichtet werden." (Hansen 1995, S. 548)

Soziale Kontakte

Die sog. Kontakt-Hypothese geht davon aus, dass Kontakte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen zu mehr gegenseitiger Akzeptanz führen, weil Kontakte Informationsmängel beseitigen und auf diese Weise Stereotype und Vorurteile korrigieren. Ganz so einfach, wie angenommen, ist es allerdings nicht: Kontakt allein reicht nicht aus und es kommt auch nicht auf die Zahl der Kontakte an. Viele Beispiele belegen, dass sich in Situationen, die durch Konkurrenz, wechselseitige Abgrenzung oder bereits bestehende Spannungen gekennzeichnet waren, Vorurteile noch verstärkten. Wichtig ist vielmehr die Qualität sozialer Kontakte. So formulierte bereits Gordon W. Allport:

"Vorurteile (...) können verringert werden, wenn sich bei gleichem Status zwischen Mitgliedern von Mehrheit und Minderheit Kontakte bei der Verfolgung eines gemeinsamen Zieles entwickeln. Die positive Wirkung ist sehr viel größer, wenn der Kontakt durch öffentliche Einrichtungen unterstützt wird (...). Weiterhin müssen diese Kontakte von einer Art sein, die bei den Mitgliedern der beiden Gruppen die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen und gemeinsamer Menschlichkeit herbeiführt." (Allport 1971, S. 285f)

In Anlehnung an Allport werden in der Fachliteratur folgende Bedingungen für erfolgreiche soziale Kontakte genannt:

1. Gleicher oder ähnlicher Status
Um Kontakte zwischen Mehrheiten und Minderheiten "auf gleicher Augenhöhe" und ein Miteinander zu ermöglichen, sollten große Statusunterschiede z. B. hinsichtlich der formalen Bildung oder der sozialen Lage vermieden werden.

2. Engere bzw. intensivere Kontakte
Da es bei oberflächlichen oder nur gelegentlichen Kontakten allenfalls zu kurzfristigen positiven Effekten im konkreten Kontext, aber nicht zu einer Generalisierung der Erfahrung kommt, sollten Kontakte möglichst dauerhafter angelegt sein und im Idealfall persönliche Freundschaften ermöglichen.

3. Gemeinsame Interessen und kooperative Ziele
Kontakte sollten nicht unter Konkurrenz- bzw. Wettbewerbsbedingungen stattfinden. Sie sollten vielmehr eine kooperative Zusammenarbeit bei der Verfolgung gemeinsamer Ziele ermöglichen.

4. Freiwilligkeit
Die Teilnahme an Kontakten sollte freiwillig sein, um eine grundsätzliche Bereitschaft zum Miteinander herzustellen und Abwehrreaktionen zu vermeiden.

5. Ein positives öffentliches Klima
Ein positives Bekenntnis zur Multikulturalität bzw. zur Vielfalt der von Lebensweisen und Lebensstilen in Politik, Medien und Wirtschaft gilt angesichts der Bedeutung des sozialen Kontextes und sozialer Normen als förderlich.


Aufklärung und Informationen

Aufklärung im Sinne von Wissensvermittlung kann zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Dies wurde unter experimentellen Laborbedingungen nachgewiesen. In vielen empirischen Studien wurde zudem der Zusammenhang zwischen Bildung und Vorurteilen untersucht: Eine höhere Bildung korreliert demnach deutlich mit einer geringeren Ausprägung von Vorurteilen.

Wirksam können Aufklärungskampagnen oder Bildungsangebote aber nur sein, wenn die Informationen auch die Zielpersonen erreichen. Öffentliche Kampagnen etwa über Plakate oder Medienspots oder außerschulische Bildungsangebote erreichen in erster Linie Personen, die bereits für das Problemfeld sensibilisiert sind. Menschen mit Vorurteilen entziehen sich demgegenüber Gegeninformationen und "schalten ab" - im wörtlichen wie übertragenen Sinn.

Der Ansatz der Wissensvermittlung ist deshalb vor allem bei der Prävention von Vorurteilen hilfreich und bei Menschen, die nur oberflächlich Vorurteile übernommen haben. Als wenig oder gar nicht wirksam gilt er, wenn Vorurteile tief in der Psyche des Einzelnen bzw. im sozialen Umfeld verankert sind.

Aufklärungsarbeit gegen Vorurteile kann auf recht unterschiedliche Weise erfolgen: Informationen können sich auf Gruppen beziehen, die Zielscheibe von Vorurteilen sind. Sie können die historische Tradierung oder gesellschaftliche Verankerung bestimmter Vorurteilsstrukturen zum Gegenstand haben. Aufklärungsarbeit kann aber auch die Entstehungs- und Funktionsbedingungen von Vorurteilen zum Thema machen, in dem Kenntnisse über die Prozesse und Mechanismen vermittelt werden, die dem Urteilen und der Ausbildung und Verbreitung von Vorurteilen zugrunde liegen. Letzteres wird in der Pädagogik insbesondere als Präventionsmaßnahme in der Arbeit mit Heranwachsenden favorisiert.

Anmerkungen aus rassismuskritischer Perspektive

Sowohl die Erklärungsansätze von Vorurteilen als auch die Auseinandersetzung mit ihren Funktionsweisen sowie die Entwürfe von Gegenstrategien basieren auf der Grundannahme, dass sich Vorurteile auf ein "fremdes", "anderes" Gegenüber beziehen. Erst die Präsenz des Fremden und Anderen rufe das Vorurteil hervor - das dann ggf. über Generationen hinweg tradiert wird. Diese Annahme wird aus rassismuskritischer Perspektive problematisiert:

Vorurteile, seien sie nun bezogen auf rassistische, sexistische oder andere Differenzlinien, unterscheiden zwischen "Wir" und "Nicht-Wir", zwischen fremd/anders einerseits und nicht-fremd/gleich andererseits. Diese Unterscheidung wird jedoch nicht problematisiert, sondern dient vielmehr als Grundlage der Vorurteilsforschung.

"Die historisch und gesellschaftlich spezifische Weise, in der zwischen Fremden und Nicht-Fremden unterschieden wird, ist in den psychologischen Erklärungsangeboten bereits vorausgesetzt und wird damit in den ‚anwendungsorientierten' Vorschlägen, die sich auf die Frage ‚Was sollen wir tun?' beziehen, implizit reproduziert. (...) Die sozialen, rechtlichen, kulturellen und historischen Voraussetzungen der spezifischen Unterscheidung zwischen Fremden und Nicht-Fremden sind in der Regel nicht Gegenstand psychologischer Erklärungen. Wenn solche Ansätze nun benutzt werden, um ‚Fremdenfeindlichkeit' zu erklären, tragen sie, eben weil sie letztlich nur über (sozial-)psychologische Mechanismen des Umgangs mit einmal als ‚fremd' Bezeichneten Auskunft geben, durch Nicht-Thematisierung zu einer Bestätigung des weder ‚natürlichen' noch notwendigen, sondern vielmehr historisch kontingenten Schemas bei, dass in einer spezifischen Weise Fremde von Nicht-Fremden unterscheidet." (Mecheril 2004, S. 184f)

Wenn also Vorurteile bekämpft werden sollen, so muss folgerichtig nicht die Frage lauten, wie wir "besser" mit Fremden umgehen. Vielmehr ist die Frage zu thematisieren, warum und in welcher Weise eine Person als fremd/anders definiert wird, warum zwischen "Wir" und "Ihnen" unterschieden wird bzw. diese Unterscheidung an sich wäre in Frage zu stellen. Konkret hieße das, nicht die vermeintlich fremde Kultur, die andere sexuelle Orientierung oder körperliche Differenz in ihrem Anderssein zu fokussieren, sondern vielmehr die Konsequenzen der Diskriminierung, die das fremd-gemacht-werden (Othering) für die jeweils betroffenen Personen mit sich bringen, zu fokussieren. Gleichzeitig gälte es, Gemeinsamkeit mit dem vermeintlich Fremden und Anderen darzustellen bzw. Differenzen in der jeweils als "Wir" interpretierten Eigengruppe wahrzunehmen, d.h. Sensibilität für das vermeintlich Eigene und angeblich Fremde wachzurufen. Damit würden die sozialen Verhältnisse von Diskriminierungserfahrungen, Ausgrenzung und Machtasymmetrie in den Vordergrund der Betrachtung geraten. Die hierarchisierende soziale Ordnung würde ins Blickfeld der Auseinandersetzung kommen und auch die Vorteile, die nicht nur die "bestehende Ordnung" (staatliche Einrichtungen wie Schulen und Behörden etc.), sondern auch die Individuen von der diskriminierenden, unterdrückenden Realität hätten, würde thematisiert werden.

Aus diesem Blickwinkel ließen sich Fragen ableiten, die über das individuelle Verhalten bzw. die Verhaltensänderungen hinaus wiesen. Nur einige mögliche Perspektiven seien hier genannt:

  • Welche Bedeutung kommt dem Nationalstaat und der ‚Festung Europa' im Umgang mit Migrantinnen und Migranten zu?
  • In welcher Weise wirken sich bis heute Kolonialismus und Nationalsozialismus auf unsere Sichtweisen auf Migrantinnen und Migranten, Alte, Menschen mit Behinderungen, Jüdinnen und Juden ... aus?
  • Welche Konsequenzen hat die monolinguale und monokulturelle Schule auf die Bildungschancen von bilingualen und bikulturellen Migrantenkindern?
  • Welche Auswirkungen hat die "freie Marktwirtschaft" auf Menschen mit Behinderungen, alte Menschen, Frauen ..., die dem Kriterium des jungen, dynamischen, allzeit und allseits flexiblen Mannes nicht entsprechen?
  • Warum stellt die Gleichstellung homosexueller Paare mit heterosexuellen Paaren eine solche Provokation für die katholische Kirche und konservative Parteien dar?

Die Liste wäre beliebig fortzusetzen, doch wird wohl schon anhand dieser wenigen Fragen deutlich, wie sehr sich ein hier angedeuteter Ansatz von dem auf den Abbau von individuellen Vorurteilen bezogenen Ansatz unterscheidet.