Rechtsextremismus - War da was?

Informationen zur extremen Rechten in NRW und Anregungen für die pädagogische Praxis, Düsseldorf 2012

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(Auszug)

Überblick Nr. 3, September 2012

Schwerpunkt: Opferperspektive

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Vorurteile - was genau ist das?

"Vielleicht lautet die kürzeste aller Definitionen des Vorurteils: Von anderen ohne ausreichende Begründung schlecht denken." (G. W. Allport)

Diese Formulierung des US-amerikanischen Psychologen Gordon W. Allport verdeutlicht, dass Vorurteile sich auf wie auch immer definierte "Andere" beziehen und diesen "Anderen" negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese einfache Begriffsumschreibung lässt natürlich viele Fragen offen: Wer sind die "Anderen", sind die Negativzuschreibungen falsch, warum werden bestimmte Gruppen stigmatisiert, was unterscheidet Vorurteile von alltäglichen Verallgemeinerungen und Urteilen etc.?

Eine weitgehend geteilte wissenschaftliche Definition des Phänomens, die Antworten auf derartige Fragen bietet, gibt es bislang nicht. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Definitionen, die sich je nach Untersuchungsgegenstand und Erkenntnisinteresse voneinander unterscheiden. Die frühen Studien zur Erforschung von Vorurteilen stammen von US-amerikanischen Psychologen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In vielen Definitionen wird ein Vorurteil seitdem als ein vorschnelles Urteil auf Grundlage unzureichender Informationen gekennzeichnet, das zudem übergeneralisiert ist (nach dem Muster: "Alle Deutschen sind ...", "alle Frauen sind ..."). Es wird zudem als starres Urteil gekennzeichnet, dass auch bei widersprüchlichen Informationen nicht geändert wird, also weitgehend veränderungsresistent ist.

Zu den klassischen und häufig zitierten Definitionen gehören die der US-amerikanischen Forscher Gordon W. Allport und Earl. E. Davis:

"Ein ethnisches Vorurteil ist eine Antipathie, die sich auf eine fehlerhafte und starre Verallgemeinerung gründet. Sie kann ausgedrückt oder auch nur gefühlt werden. Sie kann sich gegen eine Gruppe als ganzes richten oder gegen ein Individuum, weil es Mitglied einer solchen Gruppe ist." (Allport 1971, S. 23)

"Vorurteile sind negative oder ablehnende Einstellungen einem Menschen oder einer Menschengruppe gegenüber, wobei dieser Gruppe infolge stereotyper Vorstellungen bestimmte Eigenschaften von vornherein zugeschrieben werden, die sich aufgrund von Starrheit und gefühlsmäßiger Ladung selbst bei widersprechender Erfahrung schwer korrigieren lassen." (Davis 1964, S. 53)

In vielen Definitionen werden Vorurteile als "falsche" oder nicht auf Tatsachen beruhende Meinungen oder Einstellungen gekennzeichnet. Die Fehlerhaftigkeit oder Sachunangemessenheit unterscheidet ein Vorurteil aber nicht hinreichend von Urteilen. Auch gewöhnliche Urteile können auf falschen Informationen beruhen, und Verallgemeinerungen prägen das alltägliche Denken und die Kommunikation in einer hochkomplexen Welt. In diesem Sinne haben wir alle Vor(aus)urteile. Da es überdies keinen objektiven Maßstab gibt, mit dem richtige von falschen Verallgemeinerungen unterschieden werden könnten, verzichten andere Definitionsversuche auf das Kriterium der Realitätsangemessenheit bzw. heben andere Kriterien hervor.

Zur Unterscheidung von Vorurteilen und alltäglichen Urteilen betont z.B. der Sozialwissenschaftler Rainer Erb (1995) das Merkmal der sozialen Unerwünschtheit. Vorurteile müssen demnach vor dem Hintergrund diskutiert werden, dass Mehrheiten und Minderheiten nicht quasi naturwüchsig entstehen, sondern das Ergebnis von gesellschaftlichen Normen und Entscheidungen sind: Welche Gruppe als "anders" oder "fremd" wahrgenommen wird und sich von den Normalitätsentwürfen einer Gesellschaft unterscheidet, ist demnach das Ergebnis einer sozialen Setzung. Die Wissenssoziologie hat hierfür den Begriff der "sozialen Konstruktion von Wirklichkeit" geprägt.

"Aus dieser wissenssoziologischen Betrachtung des Vorurteils wird deutlich, welche entscheidende Bedeutung dem Gesellschaftsbild als grundlegend bindender Kontext der Vorurteilsbildung bzw. der Vorurteilskritik zukommt. Außerdem wird sichtbar, dass Vorurteile gelernt werden, in Gruppen, in der Sozialisation, in der Aneignung der herrschenden Kultur." (Erb 1995, S. 17)

In der sozialpsychologischen Forschung werden Vorurteile als ein Phänomen zwischen Gruppen betrachtet, bei dem Menschen bestimmte Eigenschaften aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe zugeschrieben werden. Im Fokus stehen hierbei Differenzierungsprozesse zwischen der "Wir"-Gruppe (eigene Bezugsgruppe, Ingroup) und den "Anderen" (Fremdgruppe, Outgroup). Derartige inter-gruppale Differenzierungsphänomene greift z.B. der Psychologe Andreas Zick in seiner Definition ethnischer Vorurteile auf:

"Negative ethnische Vorurteile bezeichnen die Tendenz eines Individuums, ein Mitglied einer Outgroup oder die Outgroup als ganze negativ zu beurteilen und damit die Ingroup, zu der sich das Individuum zugehörig fühlt, positiv zu beurteilen. Ethnische Vorurteile sind negative Einstellungen, die stabil und konsistent sind. Diese Einstellungen werden gegenüber Mitgliedern einer ethnischen Outgroup geäußert." (Zick 1997, S. 39)

Viele Definitionen, die Vorurteile als Abgrenzungsphänomen zwischen "Wir" und "Ihr" beschreiben, beziehen sich auf Vorurteile gegenüber ethnischen Minderheiten. Sie sind aber auch auf Vorurteile gegenüber anderen gesellschaftlichen Minderheiten übertragbar. Die Abgrenzung von Mehrheit (Norm) und Minderheit (Abweichung) - so illustriert die nachfolgende Zusammenstellung hierarchischer Differenzlinien - kann sich auf unterschiedliche Kategorien beziehen:

"Wir haben die folgenden 13 Differenzlinien erarbeitet (...), die wir zwar keineswegs als vollständig oder abschließend betrachten, jedoch hier zur Diskussion stellen:

13 bipolare hierarchische Differenzlinien

Kategorie

Grunddualismus

Geschlecht

männlich - weiblich

Sexualität

hetero - homo

"Rasse"/Hautfarbe

weiß - schwarz

Ethnizität

dominante Gruppe - ethnische Minderheit = nicht ethnisch - ethnisch

Nation/Staat

Angehörige - Nicht-Angehörige

Klasse

oben - unten, etabliert - nicht etabliert

Kultur

"zivilisiert" - "unzivilisiert"

Gesundheit

nicht-behindert - behindert

Alter

Erwachsene - Kinder, alt - jung

Sesshaftigkeit/Herkunft

sesshaft - nomadisch, angestammt - zugewandert

Besitz

reich/wohlhabend - arm

Nord-Süd/Ost-West

the West - the rest

Gesellschaftlicher Entwicklungsstand

modern - traditionell (fortschrittlich - rückständig, entwickelt - nicht entwickelt)

Diese Linien folgen der Logik der Grunddualismen (siehe oben), die komplementär scheinen, aber hierarchisch funktionieren: die linke Seite wird als Norm hantiert, die rechte als Abweichung. (...)
Die Differenzlinien bilden die Grundlagen der Organisation moderner Gesellschaften; sie sind durch Spannungsverhältnisse gekennzeichnet, die sich unter bestimmten Umständen verändern können, aber nicht müssen. So kann sich etwa das Machtverhältnis zwischen alt und jung oder arm und reich im Laufe eines Lebens verändern, ja sogar umkehren. Die verschiedenen Linien sind allesamt Resultate sozialer Konstruktionen; sie sind miteinander verbunden oder verstärken sich gegenseitig (...). Weiter ist es möglich, sie nochmals zu untergliedern und anderen Kategorien zuzuordnen, etwa folgenden:
- körperorientierte Differenzlinien: Geschlecht, Sexualität, ‚Rasse'/Hautfarbe, Ethnizität, Gesundheit, Alter;
- (sozial-)räumlich orientierte Differenzlinien: Klasse, Nation/Staat, Ethnizität, Sesshaftigkeit/Herkunft, Kultur, Nord-Süd/Ost-West;
- ökonomisch orientierte Differenzlinien: Klasse, Besitz, Nord-Süd/Ost-West, gesellschaftlicher Entwicklungsstand.
Hier wird deutlich, dass sich Zuordnungen überschneiden können, d.h., dass Differenzlinien mehrdeutig zu verorten sind." (Lutz/Wenning 2001, S. 20f)

Vorurteile in Abgrenzung zu Stereotypen und Feindbildern

Im alltäglichen Sprachgebrauch und in einigen wissenschaftlichen Ansätzen wird kaum oder gar nicht zwischen Vorurteilen und Stereotypen (Klischees) unterschieden. Demgegenüber grenzt die Einstellungsforschung im sog. Dreikomponenten-Modell die beiden Phänomene deutlicher voneinander ab. Unter Einstellungen wird eine relativ stabile Tendenz von Menschen verstanden, auf bestimmte Objekte mit ganz bestimmten Wahrnehmungen, Meinungen, Vorstellungen, Gefühlen und Verhalten zu reagieren. Der Begriff des Stereotyps bezieht sich dabei auf kognitive Prozesse, der Begriff des Vorurteils auf gefühlsmäßige Be- bzw. Abwertungen. Im Dreikomponenten-Modell wird darüber hinaus eine verhaltensorientierte Komponente unterschieden:

  • Die kognitive Komponente bezieht sich auf Denkprozesse, d.h. subjektiven Überzeugungen, Meinungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen etc. Stereotype sind hier "Bilder in unseren Köpfen", die der effektiven Informationsverarbeitung in einer komplexen Umwelt dienen. Sie stellen kognitive Prozesse der Kategorisierung von Gruppen und der Zuschreibung von Eigenschaften (Attributierung) dar, wobei die Bewertung positiv oder negativ sein kann. Ein Stereotyp in diesem Sinne wären z.B. Aussagen wie: "Alle Deutschen sind fleißig" oder "Ausländer sind anders als wir".
  • Die affektive Komponente drückt Gefühle und Bewertungen aus, d.h. verbale Äußerungen über Gefühle wie Mögen/Nichtmögen oder Wohlbefinden/Unwohlsein. Vorurteile beziehen sich auf diese affektiven Prozesse der Bewertung, wobei es sich vor allem um negative Gefühle handelt und Abwertungen von anderen Gruppen. Vorurteile basieren demnach auf stereotypen Urteilen, sie unterscheiden sich von Stereotypen aber durch ihre gefühlsmäßige Verankerung und ihren zumeist negativen Charakter. Ein Beispiel wäre die Aussage: "Ich mag keine Ausländer, weil ...".
  • Die verhaltensorientierte (behaviorale oder konative) Komponente umfasst die Bereitschaft oder Absicht, sich gegenüber den Vorurteilsobjekten diskriminierend zu verhalten. "Denen würde ich keinen Arbeitsplatz geben!" oder "im Bus stehe ich auf, wenn sich so jemand nehmen mich setzt!" sind Beispiele für eine derartige Handlungsbereitschaft. Diese ist nicht zu verwechseln mit tatsächlichem Verhalten in der jeweiligen Situation, da dieses auch von anderen Faktoren abhängen kann (situative Zwänge, sich widersprechende Einstellungen etc.).

Diese analytische Unterscheidung von kognitiven, affektiven und verhaltensorientierten Komponenten ist hilfreich, weil sie den Prozess von der stereotypen Kategorisierung zur gefühlsmäßigen Ablehnung illustriert: Nicht jeder, der - aus welchen Gründen auch immer - glaubt, dass etwa Schotten oder Schwaben geizig seien, wird deshalb auch Schotten oder Schwaben unsympathisch finden oder gar ausgrenzen. Gleichzeitig gilt aber auch, dass die drei Komponenten in der Realität einen zusammenhängenden Komplex bilden können: Mit der stereotypen Vorstellung, dass eine bestimmte Gruppe "anders ist als wir", kann sich bereits die emotionale Abwertung und die Bereitschaft zur Diskriminierung ankündigen.

Auf Grundlage des Dreikomponenten-Modells können Vorurteile auch von Feindbildern abgegrenzt werden. Feindbilder sind die Extremform eines stets negativen und hoch emotionalen Vorurteils, bei dem die Ausgrenzung der anderen unter Umständen sogar deren fantasierte oder reale Vernichtung impliziert. Typisch ist eine dichotome, von Schwarz-Weiß-Mustern geprägte Weltsicht: Im anderen wird nur das Schlechte und Böse gesehen und diesem negativen Bild wird kontrastierend ein positives Selbst- oder Freundbild gegenübergestellt. Was auf der anderen Seite als schwarz, böse oder feindselig interpretiert wird, wird gemäß dieses Deutungsmusters auf der eigenen Seite als weiß, gut und friedfertig gewertet.