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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Spanien 1492

Das Jahr 1492 steht für die Entdeckung und Eroberung des lateinamerikanischen Kontinents durch die Spanier und es ist das Jahr der siegreichen Reconquista, der Rückeroberung der Jahrhunderte lang unter maurischer Vorherrschaft stehenden Gebiete des südlichen Spanien. Bereits Jahrzehnte zuvor hatte sich aus religiösem Antijudaismus rassistischer Antisemitismus entwickelt, der in der Vertreibung der Juden, später auch der Mauren, gipfelte. Die ethnische Homogenität wurde von der spanischen Krone als Voraussetzung für die nationalstaatliche Einheit angesehen.

Die Eroberung Lateinamerikas

Die Eroberung des amerikanischen Kontinents, seiner Bevölkerung und seiner Ressourcen, ging gewaltsam und brutal vonstatten und endete im Völkermord an den Indigenen.

Die Vereinten Nationen bezeichnen Völker, die in ihrem ursprünglichen Lebensraum heute eine oft diskriminierte Minderheit bilden, als indigene, "einheimische" Völker, so der Brockhaus multimedia 2003.

Wer nicht durch die kriegerische Eroberung selbst ums Leben kam, wurde durch eingeschleppte Krankheiten (Pocken, Influenza, Masern, Pest), gegen die die Indigenen keine Abwehrkräfte besaßen, bedroht. Und wer auch diese Krankheiten überlebte, drohte unter den Bedingungen der Sklavenarbeit ums Leben zu kommen. Der Ethnologe Tzvetan Todorov schreibt über die Eroberung Lateinamerikas:

"Wenn das Wort Völkermord jemals wirklich zutreffend verwandt worden ist, dann zweifellos in diesem Fall. Es handelt sich dabei (…) nicht nur in relativen Zahlen (Vernichtung in einer Größenordnung von 90 Prozent und mehr) um einen Rekord, sondern auch in absoluten, da wir es mit einer Dezimierung der Bevölkerung um schätzungsweise 70 Millionen Menschen zu tun haben." (Todorov 1985, S. 161)

Völkermord und Versklavung wurden, so der Politikwissenschaftler Fernando Mires, folgendermaßen legitimiert:

  1. Die Indigenen seien von Natur aus minderwertig.
    Manche Kolonisatoren gingen soweit, den Indigenen das Menschsein abzusprechen, da sie angeblich nicht vernunftbegabt seien.
  2. Die Sünden der Indigenen müssten bestraft werden.
    So wurde vor allem die Zwangsmissionierung der Indigenen legitimiert.
  3. Die Indigenen lebten vor der Konquista unter einer ungerechten Herrschaft.
    Mit diesem Argument wurde die Konquista als Befreiung der Indigenen von ihren tyrannischen Herrschern dargestellt.
  4. Die Konquista sei ein notwendiges Übel. Die Ausbeutung und Versklavung sei zwar bedauerlich, aber das in Aussicht stehende Heil werde sie ausreichend für dieses Übel entschädigen

Der Theologe Gustavo Gutiérrez benennt als ausschlaggebendes Argument, das allerdings keinen legitimatorischen Charakter besitzt, sondern die realen Interessen der Krone verdeutlicht:

"Selbst wenn alle Begründungen hinfällig würden, bliebe doch das eine, alles entscheidende Faktum: daß Handel betrieben werden muß (…)." (Gutiérrez 1988, S. 41)

Interview mit dem französischen Philosophen und Buchautoren Claude Ribbe,
Frankfurter Rundschau, 10. Mai 2005


"Der Rassismus gegen Afrikaner geht auf die Sklaverei zurück"

(…)
Frankfurter Rundschau: Sie sagen, die Bedeutung der Sklaverei für die Kolonialwirtschaft werde völlig unterschätzt. Müssen wir die Geschichte Europas neu schreiben?
Claude Ribbe: Ja, aber es geht um mehr als Geschichtsschreibung, es geht um den Einfluss der Geschichte auf die Gegenwart. Zum Beispiel um den Rassismus und seine heutigen Äußerungen in Europa. Der Rassismus gegen Afrikaner geht direkt auf die Sklaverei zurück. Er ist weitgehend zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden. Um die Sklaverei zu rechtfertigen, stufte man die Afrikaner als minderwertig ein.
FR: Die damaligen Rassentheorien waren also ökonomisch bedingt?
Ribbe: Ja, sie wurden eingesetzt, um mit gutem Gewissen Sklaven halten zu können. Rassismus entsteht nicht einfach so. Im 16. und 17. Jahrhundert, als die koloniale Sklaverei noch nicht verbreitet war, lebten in Frankreich viele Schwarze ohne soziale Probleme. Das Credo der Aufklärung und des Christentums, alle Menschen seien gleich, wurde erst in Frage gestellt, als dies für die theoretische Untermauerung der Sklaverei notwendig wurde. In Frankreich setzte die "wissenschaftliche" Entmenschlichung der Afrikaner in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein; nach Napoleon intensivierte sie sich im 19. Jahrhundert.
(…)
FR: Welchen Anteil hatte die Sklaverei am Aufschwung und Reichtum Europas?
Ribbe: Genau ist das nicht zu sagen, da die nötige Grundlagenforschung fehlt. Die Sklaverei füllte die Staatskassen mit den Steuern der Plantagenbesitzer, und der Menschenhandel finanzierte den weltweiten Austausch von exotischen oder Baumwoll-Produkten. (…) Auf jeden Fall trug die Sklaverei zum Aufschwung des 19. Jahrhunderts bei und ermöglichte in Europa die industrielle Revolution.
(…)
FR: Ist heute noch Wiedergutmachung möglich?
Ribbe: Man muss jedes Verbrechen wiedergutzumachen versuchen. Vor allem, wenn seine Wirkungen weiterhin spürbar sind.
(…)
FR: Frankreich gedenkt nun der Sklaverei jährlich am 10. Mai.
Ribbe: Die Leute in den französischen Überseegebieten waren gegen dieses Datum, da man weniger an die Sklaven denkt als an die Abschaffung der Sklaverei durch Frankreich. Dabei wäre es wichtig, über die Sklaven zu sprechen, über ihr Schicksal, ihre Gefangennahme, ihre Leiden, ihr Überleben und ihr Sterben. Millionen starben bei den Deportationen, noch bevor sie die afrikanischen Küstenhäfen erreicht hatten; ebenso viele ließen ihr Leben auf der Überfahrt; die übrigen endeten in grausamer Knechtschaft. Davon müssen wir sprechen. Nur so könnten ihre Nachfahren mit Stolz darauf zurückblicken. Frankreich feiert aber vor allem weiße Sklavenabschaffer wie Victor Schoelcher. Die heimliche Scham vieler Afrikaner, schwarz zu sein, wird damit nicht ausgemerzt.

Die Konquistadoren wurden von der spanischen Krone nicht mit Geld für ihre Eroberungszüge und die nachfolgende Verteidigung der eroberten Gebiete belohnt, sondern mit Sklaven, deren Arbeitskraft auf den nun entstehenden Plantagen oder in den Gold-, Silber- und Quecksilberminen ausgebeutet wurde: Die Arbeitsbedingungen führten zum Völkermord zunächst an den Indigenen, später an den aus Afrika nach Lateinamerika verschleppten Schwarzen, wie Eduardo Galeano und Fernando Mires aufzeigen. Von 100 in Afrika gefangen genommenen und verschleppten Menschen überlebten nach der oftmals den Tod bringenden Verschleppung und Überfahrt sowie den herrschenden Arbeitsbedingungen auf dem amerikanischen Kontinent nur zwei bis drei. Insgesamt wurden 15 Millionen Schwarze nach Amerika verkauft. Die Frauen traf neben der Ausbeutung der Arbeitskraft zusätzlich die sexuelle Ausbeutung, so Mires.

Vom religiösen Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus

Rassismus und Antisemitismus sind eng miteinander verwandt. Allerdings heben die lange historische Zeitspanne, die unbegrenzte Beliebigkeit der Vorurteile und das höchste bislang bekannte Maß an Hass, der in der Shoah endete, die Geschichte des Antisemitismus von allen anderen Geschichten der Verfolgung und Diskriminierung ab. Die Auffassung, dass es sich beim Judentum nicht um eine Religion, sondern um eine "Rasse" handele, führt Antisemitismus und Rassismus unmittelbar zusammen.

Detaillierte Informationen zum Thema Antisemitismus hier.

Das Christentum kennt von Anbeginn eine in religiöser Intoleranz verwurzelte Judenfeindschaft. Gemäß der christlichen Schöpfungsgeschichte waren alle Menschen göttlichen Ursprungs, bestehende Unterschiede konnten durch Übertritt zum Christentum überwunden werden.

"Konversion war daher in vormodernen Zeiten der Schlüssel zur Akzeptanz, ein Zwang durchaus, mitunter ein blutiger, mörderischer Zwang, aber auch eine Chance, denn das Anderssein war nicht unausweichliches Schicksal. Religionen kann man wechseln, die Hautfarbe dagegen nicht." (Priester 2003, S. 10)

Das änderte sich im 15. Jahrhundert in Spanien. Jüdinnen und Juden, vor allem zum Christentum Konvertierte, überflügelten in der sich langsam entwickelnden bürgerlich-städtischen Gesellschaft in Bezug auf Bildung und wirtschaftliche Prosperität den Adel und die nicht-jüdischen städtischen Bewohnerinnen und Bewohner. Die zunächst christlich begründete Intoleranz wurde durch den aufkommenden Sozialneid um eine Komponente erweitert, die eine nicht-religiöse Erklärung brauchte, denn Bildung und wirtschaftliche Prosperität ließen sich nicht mit der Ablehnung oder unterstellten Tötung des Messias erklären, schon gar nicht bei Konvertiten. Das "Argument", dass nun gefunden wurde, gibt den Blick frei auf die rassistische Konnotation des Antisemitismus: Es liege im jüdischen Blut, dass sie so habgierig seien und ihr Aufstreben richte sich gegen die, die reinen Blutes seien. Die Ideologie der sog. limpieza de sangre, der Blutreinheit, ist die erste rassistisch fundierte Ideologie.

"Erstmalig in der europäischen Geschichte trat hier eine Argumentationsfigur auf, bei der man sich auf die rassenbiologische, durch individuelle Wahl nicht beeinflussbare Andersartigkeit berief. (...) Erst die massenhafte Konversion von Mitgliedern einer sozial als bedrohlich empfundenen Gruppe, die bis in höchste Adelsfamilien aufgestiegen waren und sich als Minister, Bischöfe und Finanziers von Kriegen gewissermaßen in die Zentren der Macht 'eingenistet' hatten, führten zur Suche nach einem neuen, unumstößlichen und unabänderlichen Ausschlusskriterium: der ‚Reinheit des Blutes' (limpieza de sangre)." (Priester 2003, S. 32f.)

Die Ideologie der limpieza de sangre definiert nicht nur eine somatische Differenz und verbindet dieses Unterscheidungsmerkmal mit negativen charakterlichen Eigenschaften; diese Zuschreibung beinhaltet auch eine Selbstwahrnehmung des Eigenen als des Guten, Gerechten sowie eine Warnung vor Vermischung (Bewahrung der Blutreinheit). Sie führt über erste Diskriminierungen bis hin zur Vertreibung der Jüdinnen und Juden zum Ende des 15. Jahrhunderts. Die Inquisition wird 1478 auf Betreiben des spanischen Königspaares durch den Papst wieder genehmigt und ist ein Instrument, dass sich in erster Linie gegen Jüdinnen und Juden bzw. gegen Konvertiten richtet, denn man unterstellt ihnen - oft nicht zu unrecht -, als Tarnung zum Schutz vor Diskriminierung und Vertreibung konvertiert zu sein. Mit inquisitorischen Mitteln wurde nun die Ernsthaftigkeit der Konversion "überprüft".

Nationalstaatliche Einheit

Der angestrebten nationalen Einheit Spaniens stand Ende des 15. Jahrhunderts nach Ansicht des katholischen Königspaares ein entscheidendes Hindernis entgegen: die seit dem 8. Jahrhundert von den muslimischen Mauren bewohnten Gebiete Südspaniens. Zur Durchsetzung der angestrebten nationalen Einheit mussten diese zunächst "zurückerobert" (reconquistar) werden. Die Reconquista wurde 1492 erfolgreich mit der Eroberung Granadas, der letzten Stellung der Mauren, abgeschlossen. Diese wurden gezwungen, den christlichen Glauben anzunehmen, ihre Religion wurde verboten, ihre Kultur systematisch zerstört, später wurden sie vertrieben. Damit nahmen Jahrhunderte der relativ friedlichen Koexistenz und der kulturellen Blüte ein abruptes Ende.

Reconquista und Vertreibung sind nur im Zusammenhang mit dem Willen zur nationalen Einheit zu verstehen, eine Einheit, die nicht nur auf einer territorialen Einheit, sondern auch auf dem Glauben an die Reinheit des Blutes sowie der katholischen Religion als Staatskirche beruhte. Das Staatskirchentum vertrug sich aber nach Auffassung der Krone nicht mit der Präsenz von Juden und Mauren im Land. Nach heutigem Kenntnisstand wurden 60.000 Menschen ausgewiesen.