Überblick Nr. 2, Juli 2017

Schwerpunkt: Die Schwierigkeit mit Diversität umzugehen

Publikationen

Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Die Rassenideologie des Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten suchten ihre rassistische Politik zunächst durch Gesetze zu legitimieren. Die sog. Nürnberger Gesetze aus dem Jahr 1935 bildeten die juristische Voraussetzung für den systematischen Ausschluss der Schwarzen Deutschen sowie aller Jüdinnen und Juden aus der Gesellschaft: Das sog. Reichsbürgergesetz (ein Teil der "Nürnberger Gesetze") unterschied zwischen den "Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes" und allen "Nicht-Ariern", denen faktisch alle politischen Rechte entzogen wurden.
Die völkisch-rassistische Politik des Nationalsozialismus wird jedoch nicht nur durch diese Gesetzgebung deutlich. Auch die inhaltliche Füllung und Propagierung von Begriffen wie "Volk", "Reich" und "Rasse" waren bedeutsam. "Rasse" beispielsweise wurde interpretiert als eine Menschengruppe, die sich durch somatische und charakterliche Eigenschaft von anderen Menschengruppen unterscheide und in sich homogen sei. Auch die "Rassentheoretiker" des Nationalsozialismus blieben alle wissenschaftliche Untermauerung ihrer Theorie schuldig und griffen auf konstruierte physiognomische und kulturelle Unterscheidungskriterien zurück.

Eine genaue Statistik der Opfer der nationalsozialistischen "Rassenpolitik" bzw. ihrer Gewaltherrschaft in Europa lässt sich angesichts des unvorstellbaren Ausmaßes der Taten, aufgrund der strikten Geheimhaltungspolitik des Regimes, der Vernichtung der meisten einschlägigen Akten, der Verquickung von Ausrottungsaktionen mit Kriegshandlungen und der Unvollkommenheit der demographischen Unterlagen, die aus den osteuropäischen Staaten zur Verfügung standen, nicht erstellen. Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen bis zu Beginn der 1990er Jahre kamen durch verbrecherische Maßnahmen, d. h. ohne die Einbeziehung der Opfer der Kriegshandlungen, insgesamt 13 Millionen Menschen ums Leben.

"Diese Gesamtzahl setzt sich im einzelnen zusammen aus:
- etwa 6 Millionen Juden,
- etwa 3,3, Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen (die man mehr oder weniger absichtlich umkommen ließ),
- etwa 2,5 Millionen christlichen Polen,
- mindestens 100.000 Zwangsarbeitern aus der Sowjetunion,
- mindestens 500.000 in deutschen Arbeitslagern und Konzentrationslagern umgekommenen Jugoslawen,
- mindestens 100.000 tschechoslowakischen Zivilisten,
- mindestens 84.000 ums Leben gekommenen nichtjüdischen Deportierten aus den nord- und westeuropäischen Staaten (einschließlich Italien),
- etwa 219.600 Zigeunern verschiedener Nationalität,
- etwa 100.000 (vorwiegend deutschen) Geisteskranken und Behinderten (sogenannten Euthanasie-Opfern),
- etwa 130.000 nichtjüdischen Personen deutscher Staatsangehörigkeit, die aus politischen oder religiösen Motiven aktiven oder passiven Widerstand gegen das Regime leisteten." (Benz 1994, S. 161f.)

In den Jahren zwischen 1933 und 1945, so Benz weiter, wurden vor allem männliche Homosexuelle kriminalisiert. Tausende Schwule kamen wegen ihrer Homosexualität in Konzentrationslager oder Gefängnisse, viele wurden zwangskastriert und an ihnen wurden medizinische Experimente durchgeführt. In den Jahren des Nationalsozialismus emigrierten 500.000 deutsche Jüdinnen und Juden, 6.000 Mitglieder der sozialdemokratischen Partei, 6.000 Mitglieder der Kommunistischen Partei, 5.000 Oppositionelle anderer politischer und religiöser Richtungen, 5 .000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler.
Nicht aufgeführt in dieser Liste sind die somatischen und psychischen Langzeitschädigungen der überlebenden Opfer und ihrer Nachfolgegenerationen sowie die Enteignungen jüdischen Eigentums.

Zahlen erscheinen unangemessen, um die Konsequenzen der "Rassenpolitik" des Nationalsozialismus adäquat darzustellen. Aber vielleicht vermitteln sie einen Eindruck über die Dimensionen, die eine derartig menschenfeindliche und -vernichtende, rassistisch begründete Politik annehmen kann.