Überblick Nr. 2, Juli 2017

Schwerpunkt: Die Schwierigkeit mit Diversität umzugehen

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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Rassismus in der Neuzeit

Ab dem 15. Jahrhundert entwickelt sich die rassistische Ideologie fort. Es herrscht ein "genealogischer Rassismus" vor, ein auf die Abstammung abhebendes Bewusstsein auf Seiten des Adels, der angesichts seines wirtschaftlichen Niedergangs und seiner zunehmenden wirtschaftlichen, politischen und vor allem militärischen Bedeutungslosigkeit sein "Wissen" um höhere Abstammung rassistisch konstruiert, d. h. sich und das aufkommende Bürgertum als verschiedene "Rassen" entwirft. Auch hier wird die Reinheit des Blutes beschworen.

Seit dem 18. Jahrhundert werden in Biologie und Medizin Fragen nach der Entwicklung des Menschen durch das aufkommende aufklärerische Gedankengut beeinflusst. Erste Wissenschaftler wagen es, die religiöse Annahme von den Menschen als Abkömmlinge von Adam und Eva, als Geschöpfe Gottes (christliche Monogenese) in Frage zu stellen. Diese kirchenkritischen, "fortschrittlichen Geister" arbeiten aber zugleich rassistischen Auffassungen zu, denn die Lehre der Polygenese, der verschiedenen Herkünfte der Menschen, dient beispielsweise in den angelsächsischen Ländern zur Rechtfertigung der Sklavenhaltung in den Kolonien.

In den Naturwissenschaften wird der Frage nachgegangen, inwieweit ein Zusammenhang besteht zwischen dem äußerlichen Erscheinungsbild des Menschen und seinen psychisch-geistigen Veranlagungen, insbesondere der Vernunftbegabung. Im Zuge dieser Forschungen bürgert sich im 18. Jahrhundert nach und nach der Begriff "Rasse" ein. Ausgehend von Klassifikationen in der Botanik unterteilen auch Gelehrte wie Immanuel Kant die Menschen in vier (und mehr) Varietäten: Weiße, schwarze, gelbe und kupferfarbene Menschen werden von ihm unterschieden. Und mit der Bedeutungszunahme der äußerlichen Differenz geht die charakterliche und intellektuelle Unterscheidung Hand in Hand: Die weißen Menschen gelten als die Schöneren, d. h. die Einteilung der Menschen in verschiedene Varietäten ist von Anfang an nicht neutral, sondern geht mit Bewertungen einher.

"So ordnet der Philosoph Immanuel Kant die ‚Amerikaner', er meinte die amerikanischen Ureinwohner, auf der untersten Stufe der Rangfolge ein, weil sie ‚keine Bildung' annähmen und es ihnen an Antrieb, ‚Affect und Leidenschaft' fehle. Deshalb seien sie ‚nicht verliebt' und ‚auch nicht fruchtbar', sie sprächen ‚fast gar nichts, liebkosen einander nicht, sorgen auch für nichts, und sind faul.' ‚Die Race der Neger' sei dagegen ‚sehr lebhaft, schwatzhaft und eitel'. Sie nähmen ‚Bildung an, aber nur eine Bildung der Knechte, d. h. sie lassen sich abrichten', denn sie seien ‚empfindlich' und fürchteten ‚sich vor Schlägen'. ‚Die Hindus' hätten ‚einen starken Grad an Gelassenheit' und sähen ‚alle wie Philosophen aus'. Sie nähmen ‚Bildung im höchsten Grade an, aber nur zu Künsten und nicht zu Wissenschaft', denn sie brächten ‚es niemals bis zu abstrakten Begriffen'. ‚Ein hindustanischer großer Mann' sei, wer ‚es recht weit in der Betrügerei gebracht und viel Geld hat'. Allein die ‚Race der Weißen', zu der ‚ganz Europa, die Türken, und Kalmucken' gehören, vereine ‚alle Triebfedern und Talente in sich'. Alle ‚Revolutionen' seien ‚immer durch die Weißen bewirkt worden und die Hindus, Amerikaner, Neger haben niemals daran Theil gehabt'." (Morgenstern 2001, S. 10)

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden anatomische Untersuchungen an Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft vorgenommen, u. a. die sog. Schädelindexmessungen, deren "Resultate" zur Unterfütterung der rassistischen "Theorie"bildung genutzt werden. Nach diesen Messungen glichen Schwarze verstandesmäßig eher Affen als Europäern.

Rassismus - MosseDie verschiedenen Gesichtswinkel sollen Aufschluss über charakterliche und intellektuelle Eigenschaften geben. Sowohl die Ableitung dieser Eigenschaften von somatischen Phänomenen als auch die wenige Zeit später konstruierte Beziehung von Schädelform und Tätigkeit der Hirnorgane werden zunächst nicht angezweifelt.

Die Ästhetisierung des äußeren Erscheinungsbildes schreitet im 18. Jahrhundert weiter voran. Stirn und Nase des Apollo werden als Schönheitsideale stilisiert und als Ausweis auch edler Eigenschaften wie Weisheit, Klugheit, Kraft und Gefühlsintensität interpretiert. Von diesem Ideal abweichende Menschen gelten nicht nur als hässlich, ihnen werden vielmehr auch die entsprechenden Tugenden abgesprochen. Damit einher geht die Rechtfertigung von "Missions-, Zivilisations- und Erziehungsauftrag des weißen Mannes, der häufig mit paternalistischer Überheblichkeit verbunden war." (Priester 2003, S. 71).

Auch die Vorstellung, die Seele forme sich den Körper, diente der pseudowissenschaftlichen Untermauerung alltäglicher Vorurteile, denn die Schlussfolgerung, die aus dieser Vorstellung gezogen wurde, hieß: Je weniger das äußere Erscheinungsbild eines Menschen dem klassischen Ideal entspreche, desto geringer sei auch seine geistige Leistungsfähigkeit.

Die schwarze "Rasse" wurde nach und nach als Beispiel eines pathologischen Prozesses interpretiert, als eine "Abart" des ursprünglich weißen Menschen. Auch von der Vorstellung, die Unterschiede in der Pigmentierung lasse auf Differenzen in den Nerven schließen, war es nicht mehr weit zum Rückschluss von Hautfarbe auf geistige Fähigkeiten. Grundsätzlich wird im 18. Jahrhundert das Bestehen von somatischen und sich daraus ableitenden charakterlichen und intellektuellen Differenzen festgeschrieben.

Neben diesen "naturwissenschaftlichen" Untersuchungen und Festlegungen bildeten sich im 18. und 19. Jahrhundert auch philosophisch untermauerte "Rassen"theorien heraus. Als wichtige Wegbereiter der rassistischen Theorienbildung seien hier exemplarisch Arthur de Gobineau (1818 - 1882) sowie Houston Stewart Chamberlain (1855 - 1927) genannt.

Arthur de Gobineau interpretiert innergesellschaftliche soziale Differenzen als "Rassenunterschiede". Er sieht die Vermischung der verschiedenen Ethnien als Ursache für den Untergang der Zivilisation, da sie die einzelnen "Rassen" unfähig zur Bewältigung des Lebenskampfes mache.

Gobineau ethnisiert auch die ständische Ordnung: Die weiße "Rasse" entspräche dem Adel, die gelbe dem des Handel treibenden bürgerlichen Standes und das dienende Volk sei schwarz. Letztlich aber, so Gobineau, gebe es keine reinen "Rassen" mehr, der unwiderrufliche Niedergang der Menschengattung sei durch die Vermischung bereits festgeschrieben.
Gobineau gilt als ein typischer Vertreter des adeligen Rassismus, des adeligen Klassen- und Standesbewusstseins. Sein Ideal ist nicht der ethnisch homogene Nationalstaat, sondern ein Staatsgebilde auf Basis der ethnisch-ständischen Trennung.

Im Unterschied zu Gobineau geht Houston Stewart Chamberlain über rassistische Einteilungen, Differenzen und Bewertungen hinaus und macht die Möglichkeit der Züchtung "reiner Rassen" zum Thema. Er differenziert zwei sich antagonistisch gegenüberstehende "Rassen", nämlich die germanisch-teutonische und die jüdische "Gegenrasse". Damit wird er zum Begründer einer radikalen Rassenideologie, die vor allem deutlich antisemitisch ausgerichtet ist, und er beeinflusste den nationalsozialistischen Antisemitismus nachhaltig. Chamberlain greift bei seinem Rassismusbegriff nicht nur auf biologistische Argumente zurück. So sind Jüdinnen und Juden nicht nur aufgrund ihres Blutes eine andere "Rasse", vielmehr beinhalten seine "Rassentheorien" auch eine subjektive Dimension: Zum Juden wird, wer sich den "jüdischen Geist" zu Eigen macht.

Zeitgleich mit der Herausbildung Deutschlands zum Nationalstaat und seiner kolonialen Expansion gewinnen Sozialdarwinismus und "Rassentheorien" an Einfluss auf das gesellschaftliche Denken. Zu diesem Zeitpunkt wird - nicht nur in Deutschland - der schrankenlose Kapitalismus in Frage gestellt und unter Bismarck die Sozialgesetzgebung vorangetrieben. Gerade die Sozial- und Krankenversicherung sowie humanitäre Einrichtungen für Kranke und Arbeitsunfähige treffen auf Widerstand seitens der Großindustrie. Sie unterlegt ihre Argumente mit sozialdarwinistischen und rassistischen Versatzstücken: Nur wo der Konkurrenzkampf nicht durch Sozialgesetzgebung verzerrt und suspendiert werde, könnten die rassisch besten Anlagen voll zur Geltung kommen.

Der Rassismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt der Brutalisierung und Naturalisierung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in die Hände, die, weil sie angeblich natürlich seien, nicht mehr legitimiert werden müssen. Nach dieser Weltsicht wird der Starke zum Sieger gekürt, der Schwache bleibt auf der Strecke. Hier wird ein Ausleseprozess eingefordert, der die vermeintliche "Degeneration" der germanischen, später der arischen "Rasse" zu verhindern sucht.

Der Sozialdarwinismus anvancierte

"(...) gerade im wilhelminischen Deutschland zur Rechtfertigungsdoktrin einer dynamischen, zukunftsgerichteten, zur Weltmacht strebenden Industrienation. Innenpolitisch galt es, die unter Bismarck eingeleitete sozialpolitische Gesetzgebung zum Schutz der arbeitenden Bevölkerung rückgängig zu machen zu Gunsten eines uneingeschränkten Marktliberalismus. Es galt, (...) durch Abbau von ‚negativen Privilegien' der natürlichen Auslese keine Hindernisse mehr in den Weg zu legen. Wer fällt, den soll man nicht aufhalten. Außenpolitisch glaubten jene, die sich sozialdarwinistischer Argumente bedienten, Deutschlands Stellung im Konzert der imperialistischen Mächte stärken und den Kolonialimperialismus rechtfertigen zu können. Sozialdarwinismus ist nichts anderes als die naturwissenschaftlich verbrämte Rechtfertigung einer Philosophie der Starken zulasten der Schwachen." (Priester 2003, S. 220)