Überblick Nr. 2, Juli 2017

Schwerpunkt: Die Schwierigkeit mit Diversität umzugehen

Publikationen

Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Fazit

Das nationalsozialistische Regime war nicht das Erste, das aufgrund einer rassistischen Ideologie Völkermord verübte. Wie gezeigt wurde, begingen die spanischen (und bald auch die portugiesischen, britischen, französischen, niederländischen, später auch deutschen) Kolonisatoren bereits im 15./16. Jahrhundert den Genozid an den Indigenen Lateinamerikas. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stehen gleich zwei Völkermorde: Der an den Hereros und Nama 1904 im damaligen Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) und 1915 der Genozid an den Armenierinnen und Armeniern. Der Nationalsozialismus hebt sich von anderen Terrorregimen nicht nur aufgrund der Anzahl der Opfer ab, sondern auch aufgrund der Systematik sowie der industriellen Umsetzung des Völkermordes. Auch nachfolgende Genozide wie etwa 1992 - 1995 in Bosnien an der muslimischen Bevölkerung oder 1994 an den Tutsis in Ruanda wurden nicht auch nur ansatzweise mit einer ähnlichen Systematik und industriellen Umsetzung betrieben wie der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden, der damit einzigartig in der Geschichte des Rassismus steht.
Diese Einzigartigkeit ließe es vielleicht als sinnvoll erscheinen, eine Geschichte des Rassismus auf die Zeit des Nationalsozialismus als dem Beispiel rassistischer Ideologie zu beschränken. Den Nationalsozialismus betrachtet zu haben, hieße demnach, alles vom Rassismus zu wissen. Rassismus aber, so zeigen die vergangenen 500 Jahre, beinhaltet verschiedenartige Facetten und Entwicklungen - neben allen Kontinuitäten. Festzuhalten bleibt demnach:

  • Der Prozess der Darstellung der/des Anderen beinhaltet eine Dichotomisierung zwischen "Uns" und "Ihnen" und diese Differenzierung beinhaltet eine Ein- und Ausgrenzung. "Wir" gehören dazu, stellen das Zentrum und die Normalität dar, "Ihr" hingegen seid Außenseiter, randständig, nicht "normal", "ihr" gehört nicht dazu. Die Darstellung der/des Anderen beinhaltet immer eine Darstellung (Repräsentation) des Selbst. Indem die spanischen Kolonisatoren die Indigenen als nicht-vernunftbegabt disqualifizierten, beschrieben sie sich selbst als vernünftig; stellten die Nationalsozialistinnen und -sozialisten Jüdinnen und Juden als minderwertig dar, so nahmen sie sich selbst als höherwertig wahr. Mit der Dichotomisierung werden nicht nur Unterscheidungen vorgenommen, diese sind auch untrennbar mit Bewertungen verbunden.
  • Der/die Andere muss nicht außerhalb der eigenen Grenzen leben, gar in den weit entfernten Kolonien. Schwarze Deutsche, Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden lebten immer unter denen, die sie anfeindeten, aus"grenzten" und auch ermordeten.
  • Die Wahrnehmung und Repräsentation der/des Anderen ist - je nach "Bedarf" - veränderbar. Es gibt erstens konstituierende Momente - vor allem physiognomischer Art - wie etwa die Hautfarbe als Unterscheidungskriterium zwischen Schwarzen und Weißen. Zweitens gibt es verschiedene Wahrnehmungen ein und desgleichen Subjekts, die sehr unterschiedlich sein können, wie die Rede vom "menschenfressenden Wilden" oder vom "edlen Wilden" zeigen. Drittens fallen Widersprüche auf, die als Indiz für die Beliebigkeit und die ideologische "Sinnhaftigkeit" des jeweiligen Vorurteils zu bewerten sind. So können Jüdinnen und Juden als geldgierige Banker oder kommunistische Umstürzlerinnen gleichzeitig gebrandmarkt werden. Rassistische Feindbilder unterliegen einer zeitlichen Dimension, d. h. sie können sich entwickeln und auch wieder verschwinden, und sind nicht universal, d. h. sie können in einem Land zu Vertreibung und Völkermord führen und im Nachbarland Unverständnis erzeugen. Zwei Beispiele:
    1. Die Jahrhunderte währende Koexistenz von christlichen Spaniern und muslimischen Mauren endet durch die Hegemoniebestrebungen der spanischen Krone in Reconquista und Vertreibung.
    2. Die im 15. Jahrhundert aus Spanien ausgewiesenen Jüdinnen und Juden fanden im Osmanischen Reich freundliche Aufnahme.
  • Somatische Unterscheidungen allein sind noch kein Indiz für eine rassistische Praxis: Die Hautfarbe wurde beispielsweise auch in der Antike als Differenz wahrgenommen, aber sie ging nicht mit einer Abwertung einher bzw. man schloss noch nicht von physiognomischen Merkmalen auf kulturelle oder charakterliche Eigenschaften.
    Somatische Unterscheidungsmerkmale stellten immer nur ein Kriterium der Differenzierung dar, ein anderes ist das der "kulturellen Herkunft": Jüdinnen und Juden wurden nicht aufgrund der Physis, sondern aufgrund ihrer Religion verfolgt. Erst später wurden sie von Antisemiten mit physiognomischen Merkmalen dargestellt. Auch der Adelsrassismus, der beispielhaft bei Gobineau eine Mischung aus "Rassen"- und Klassenzugehörigkeit ist, interessiert sich nicht für äußere, sondern für kulturelle Merkmale.
  • Die Ablösung der Religion als interpretierende Instanz durch die Wissenschaft verhilft zwar der Rationalität zu mehr Geltung und hätte die Konstruktion der/des Anderen als Andere entlarven können, allerdings zeigt sich Rassismus in all seiner Wirkmächtigkeit resistent gegenüber Ungereimtheiten, gar Widersprüchen.