Überblick Nr. 2, Juli 2017

Schwerpunkt: Die Schwierigkeit mit Diversität umzugehen

Publikationen

Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Geschichte des Rassismus

Einführung

"Rassismus zu definieren heißt also seine Geschichte zu schreiben", so die Soziologin Karin Priester in ihrer Sozialgeschichte des Rassismus. Gleichzeitig setzt der historische Zugang voraus, eine Definition dessen, was Rassismus ist, bereits zu haben, denn ohne Abgrenzungen und Gewichtungen würde das Unterfangen, Rassismus in der Geschichte nachzuzeichnen, ins Bodenlose fallen.

Ab wann können wir von Rassismus in der Geschichte sprechen, oder hat es ihn schon immer gegeben, ist er eine anthropologische Konstante, die folgerichtig die Menschheitsgeschichte begleitet? Diese Ausführungen sollen verdeutlichen, dass dem nicht so ist.

Im Rahmen dieser Darstellung ist eine Engführung auf Europa und die vom hiesigen Rassismus betroffenen Menschen auch außerhalb des Kontinents notwendig. Rassistische Phänomene beispielsweise in China bleiben unbeachtet, obwohl ein Vergleich vielleicht aufschlussreich wäre. Die Legitimation für diese notwendige Engführung liegt in der Tatsache begründet, dass der aktuelle Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland durch die europäische (Kolonial-)Geschichte in ihren globalen Auswirkungen geprägt ist.

Der Beginn der "rassistischen Zeitrechnung" wird von Rassismusforscherinnen und
-forschern wie George M. Fredrickson (2004), Karin Priester (2003) und Mark Terkessidis (1998) mit der Geschichte Spaniens und dem Jahr 1492 verknüpft. Es ist das Jahr der Eroberung und Kolonialisierung Lateinamerikas, das Jahr der sog. Reconquista, der Rückeroberung Granadas nach Jahrhunderte langer Herrschaft der Mauren.
1492 ist als Symbol zu verstehen, denn hier kumulieren verschiedene Faktoren, die bereits Jahrzehnte zuvor ihren Anfang genommen haben, aber nun, zum Ende des 15. Jahrhunderts, sich in ihrer ganzen Wirkmächtigkeit deutlich abzeichnen, so dass die Rede von der "rassistischen Zeitrechnung" ab 1492 legitim ist. Zum Ende dieses Jahrhunderts verdichten sich in Spanien politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und religiöse Phänomene, die den Rassismus nicht nur in seiner individuellen Facette, sondern vor allem in seiner strukturellen Wirkung zu Tage treten lässt. Spanien war nicht das erste Land, das andere Länder eroberte, aber es war das erste Land, dass die Entsendung des "Entdeckers" Kolumbus von vorne herein mit der systematischen Ausbeutung fremder Territorien und der dafür als notwendig erachteten Versklavung der dort lebenden Menschen zur eigenen Wertschöpfung verband. Nicht umsonst steht 1492 für den Beginn des weltweiten Kolonialismus. Dieser ist in seiner Bedeutung für die Herausbildung von Rassismus, gerade auch in den "Mutterländern", von herausragender Bedeutung, auch für Deutschland, dessen relativ kurze Zeit als Kolonialmacht in seiner Bedeutung häufig unterschätzt oder unterschlagen wird.
Spanien ist insofern für diese Darstellung von großem Interesse, als die nationalstaatliche Einigung mit einer systematischen Vertreibung von vermeintlich nicht dazugehörigen, fremden Menschen einherging. Damit wird zum ersten Mal in der europäischen Geschichte auf das zentrale Phänomen des Rassismus verwiesen: Die Konstruktion des Anderen als Anderen aufgrund physiognomischer/biologischer und kultureller Differenzen, einhergehend mit einer Herabwürdigung der/des Anderen und einer angeblichen (kulturellen, wirtschaftlichen und politischen) Überlegenheit des Eigenen. Diese Dichotomisierung der Gesellschaft in das Eigene und das Fremde, das "Wir" und das "Ihr", einhergehend mit der positiven Bewertung des Eigenen und der negativen Beurteilung des Fremden, führt zu einer gesellschaftlichen, strukturellen Legitimation von Diskriminierung, Ausbeutung, ja sogar des Genozids an den Anderen.

Am Ende des Mittelalters, zurzeit der Eroberung Lateinamerikas und der nationalstaatlichen Einheit Spaniens, gibt es noch keine "Rassentheorie". Erst ab dem 18. Jahrhundert werden systematisch und angeblich wissenschaftlich untermauerte Theorien über die vermeintlich verschiedenen "Menschenrassen" entwickelt und damit Ausgrenzung, Diskriminierung und Mord legitimiert. Der vermeintlich wissenschaftlich begründete Rassismus der Neuzeit legitimiert individuelle und vor allem auch strukturelle Vorurteile und Diskriminierungen.

Der Nationalsozialismus erhebt die Rassenideologie zur Staatsdoktrin und führt diese in all ihren Konsequenzen aus. Auch wenn die Eroberung Lateinamerikas mehr Menschenleben gekostet hat als der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden, so besteht seine Einzigartigkeit nicht in der Quantität, sondern in der technokratischen und technologischen Perfektion und in der Systematik, die kaum ein Entkommen ermöglichte.