Überblick Nr. 2, Juli 2017

Schwerpunkt: Die Schwierigkeit mit Diversität umzugehen

Publikationen

Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Definition und Erläuterung des aktuellen Rassismus

Rassismus zeigt sich in sehr verschiedenen Spielarten. Aus den Medien und den gesellschaftlichen Diskursen der vergangenen 20 Jahre sind folgende Erscheinungsformen gut bekannt:

  • Tätliche Übergriffe auf Migrantinnen und Migranten bis hin zu Morden;
  • Anschläge auf Asylbewerberheime und Wohnhäusern von Migrierten;
  • Benachteiligung von Migrantinnen und Migranten, aber auch Schwarzen Deutschen auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt;
  • Herabwürdigende Behandlungen - bis hin zu Misshandlungen - auf Ämtern, durch Nachbarinnen und Nachbarn, durch Schaffner, Polizei etc.;
  • Schlechterstellung von Migrantenkindern und -jugendlichen in der Schule;
  • Rassistische Sprüche, Witze, Karikaturen am Stammtisch, im Familienkreis, bei der Arbeit etc.;
  • Rassistische Medienberichterstattung;
  • Asylgesetzgebung und -verfahren, die der Abschreckung potenzieller Asylsuchender dienen;
  • Verschleppung einer Gesetzgebung zum Schutz vor Antidiskriminierung.

Die Liste könnte noch weitergeführt werde. Wichtig ist der Hinweis, dass

  • selbstverständlich nicht jede Schaffnerin oder jeder Schaffner, jede Polizistin oder jeder Lehrer rassistisch agiert;
  • selbst dort, wo Rassismus vorkommt, nicht die Individuen vorschnell des Rassismus bezichtigt werden sollten, denn allzu oft ist es nicht der individuelle Rassismus, der zu Ausschließungspraxen führt, vielmehr eröffnen rassistische Strukturen (z. B. in der Schule, im Ausländeramt ...) häufig nur eingeschränkte Handlungsperspektiven für die agierenden Individuen;
  • Rassismus auf mangelnde Kenntnisse oder fehlende Sensibilität zurückzuführen sein kann;
  • er ist nicht zwangsläufig ein Indiz für mangelnde Moralität oder Charakterschwäche.

Aus dem bislang Gesagten lässt sich eine Definition des aktuellen, in der Bundesrepublik Deutschland virulenten Rassismus ableiten:

Definition

Rassismus ist die Konstruktion von Differenzen äußerlicher und/oder kultureller Art, die mit einer Dichotomie der Gesellschaft in die, die dazu gehören ("wir"), und die, die nicht dazu gehören ("ihr"), einhergeht. Die physiognomischen und/oder kulturellen Differenzierungen werden mit positiven ("wir") oder negativen ("ihr") Merkmalen (Charakter, Moralität, Vernunftbegabung ...) verknüpft. Die bestehenden Machtverhältnisse (Mehrheitsverhältnisse, Gesetzgebung, Geld, Staatsgewalt, Zugang zu Medien ...) setzen die Etablierung eines gesellschaftlichen "Wissens" um diese Differenzen und Zuschreibungen durch und ermöglichen damit Ausgrenzung und Unterdrückung gegenüber den als nicht-dazugehörig Definierten. Gleichzeitig kann Rassismus als Rechtfertigung bestehender Verhältnisse von gesellschaftlicher Ungleichheit und als Legitimation von Herrschaft und Unterwerfung dienen. Die gesellschaftliche, strukturelle Verankerung dieser Gewalt- und Entmenschlichungspraxen verweist auf Rassismus als Phänomen der Mitte der Gesellschaft, das zwar in Handlungen einzelner Individuen zum Ausdruck kommen kann, ohne die gesellschaftliche Verankerung aber nicht erklärbar ist. Rassismus unterliegt unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und manifestiert sich dementsprechend in differenten gesellschaftlichen Praxen, so dass sinnvoller Weise von Rassismen gesprochen wird.

Erläuterung

Zur Konstruktion von Differenzen somatischer und/oder kultureller Art sowie zur Dichotomisierung der Gesellschaft ist unter der Rubrik Geschichte bereits näher eingegangen worden. Auch die Relevanz des Machtfaktors liegt auf der Hand, denn wer keinen Zugang zu den Medien hat, nicht über Polizeikräfte oder andere Repressionsorgane verfügt und kein Geld besitzt, wird kaum die Möglichkeit haben, individuelle Vorurteile gegenüber Anderen durch Unterdrückungs- und Ausgrenzungspraxen zum Ausdruck zu bringen.
Dass aber Rassismus nur in einem gesellschaftlichen Kontext und nicht als isolierte Handlung einzelner, moralisch "schlechter" Menschen zu interpretieren ist, muss angesichts der medial verbreiteten Rede vom Einzeltäter erläutert werden:

"Rassismus ist eine gesellschaftliche und gesellschaftlich vermittelte Handlungsbereitschaft, in der Macht- und Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck kommen, ein Phänomen, das zwar von Individuen vermittelt und getragen wird, das aber nicht in den Handlungen der und des einzelnen aufgeht". (Mecheril 1995, S. 160)

Dieses Zitat verweist auf die Bedeutung des rassistisch aufgeladenen gesellschaftlichen Diskurses, der Übergriffe und Anschläge begleitet. Rassistisch denkende Menschen sehen sich durch Stammtischparolen, Mediendiskurse, Debatten im Parlament (zur Asylgesetzgebung etc.) in ihrem rassistischen Handeln legitimiert.
Der gesellschaftliche Diskurs, die Dichotomisierung der Gesellschaft, die konstruierten Bewertungen und Abwertungen begründen rassistische Vorurteile des Individuums. "Fremdheit", "Andersartigkeit" werden nicht per se vom Menschen als negativ, gar bedrohlich wahrgenommen. Fremdheit und Gewalt stellen keine anthropologischen Phänomene dar, sondern bedürfen der gesellschaftlichen Konstruktion von Differenzen, der negativen Bewertung der bestehenden oder konstruierten Unterschiede und der Erzeugung eines vermeintlichen Bedrohungspotenzials. Erst diese Versatzstücke rassistischer Ideologie führen zu den menschenverachtenden und gewalttätigen Handlungen des Individuums.
Dementsprechend kann das gesellschaftliche Klima, ein rassistisch aufgeladener gesellschaftlicher Diskurs über Migration, aufmunternd auf potenzielle rassistisch agierende Täterinnen und Täter wirken. Auf diesem Hintergrund wurde beispielsweise der Brandanschlag auf das Wohnhaus der Familie Genç im Mai 1993 in Solingen, bei dem fünf Frauen ums Leben kamen, als Konsequenz der Medienberichterstattung über das angeblich "volle Boot" und vor allem als Reaktion auf die Diskussion um die Verschärfung der Asylgesetzgebung interpretiert.

Die Beispiele Rostock-Lichtenhagen und Solingen verdeutlichen besonders drastisch, dass sich Rassismus in einer Atmosphäre der gesellschaftlichen Akzeptanz oder gar Zustimmung flächenbrandmäßig ausbreiten kann. Es ist ja gerade das Gefühl der Sicherheit, das Bewusstsein, dass sie nicht auf Widerstand stoßen werden, das es Rassistinnen und Rassisten so leicht macht, Zonen der Angst (Bushaltstellen, Jugendzentren, U-Bahnen ...) zu besetzen und Migrantinnen, Migranten, Schwarze Deutsche und alle, die sie als "anders" definieren, zu belästigen, zu drangsalieren, zu ermorden. Eine gesellschaftliche Atmosphäre, die rassistische Reden und Handlungen glaubhaft verurteilt, würde wohl manchen Rassistinnen und Rassisten das Wasser abgraben.

Denkweisen und Handlungen, die nicht aus einer rassistischen Haltung des agierenden Subjekts heraus artikuliert oder realisiert werden, können in ihren Konsequenzen durchaus rassistische Züge haben. Ein Kind, das im Geschäft nach einem "Negerkuss" fragt, wird kaum des Rassismus zu bezichtigen sein, obwohl das Wort "Negerkuss" von vielen Schwarzen Menschen als rassistische Beleidigung aufgefasst wird. Eine Lehrerin, die ein Kind mit mangelnden Deutschkenntnissen zur Sonderschule überweist, muss nicht zwangsläufig eine rassistische Haltung haben. Möglicherweise antizipiert sie die Realität mangelnder Sprachförderung an der Schule und spricht sich für die folgenschwere, aber durchaus "gut gemeinte" Überweisung zur Sonderschule aus. Die bestehenden Strukturen von Schule legen diese Entscheidung nahe; eine andere Perspektive auf Kinder mit Migrationshintergrund würde eine migrationssensible Kompetenz voraussetzen, die die aktuelle Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern nicht vorsieht.

"Auch Denkweisen und Handlungen, die nicht explizit rassistisch begründet sind, können in rassistischen Verhältnissen rassistische Entwicklungen unterstützen. Redeweisen können rassistische Bilder transportieren oder entsprechende Wirkungen zur Folge haben, obwohl dies durch die jeweilige Sprecherin oder den jeweiligen Sprecher keineswegs gewollt ist." (Leiprecht 2001, S. 27)

Es wird deutlich: Rassistische Ideologie und rassistische Praxen müssen nicht übereinstimmen, rassistische Praxen des Individuums setzen nicht notwendiger Weise eine rassistische Ideologie bei der Person voraus, aber das rassistisch geprägte Umfeld aktiviert rassistische Redeweisen und entsprechende Praxen.

Darüber hinaus verweist die Definition darauf, dass Rassismus ein strukturierendes Moment beinhaltet. Deshalb wird Rassismus, u. a. von Paul Mecheril (2003b), auch als "Ordnungssystem", bezeichnet. Vor allem die Herausbildung der Nationalstaaten hat der Entstehung dieses Ordnungssystems, das unterscheidet zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die nicht dazu gehören, maßgeblich vorangetrieben:

"In dem Augenblick, in dem der moderne Staat seit dem 19. Jahrhundert über die Gewißheit verfügen will, ob es sich in jedem einzelnen Fall um einen seiner Bürger (oder um einen Fremden) und weiterhin, um welchen seiner Bürger (oder welchen Fremden) es sich genau handelt, gewinnen Techniken physischer Identifikation mittels Lichtbild, Hinweise auf körperliche Besonderheiten (Narben, Haar- und Augenfarbe) an Bedeutung. (Stichweh 1995, S. 180)

Der (deutsche, französische, britische ...) Pass als Hinweis auf Zugehörigkeit und "Zertifikat der Eindeutigkeit" schützt jedoch physiognomisch anders aussehende Menschen nicht vor der Erfahrung der Nicht-Anerkennung und der Ausgrenzung. "Ta carte d' identité, c' ta guele" - "Dein Personalausweis, das ist deine Fresse" zitiert Roger Brubaker (1994, S. 253) einen jungen Franzosen maghrebinischer Herkunft, der in drastischen Worten darauf verweist, dass die jeweilige Staatsangehörigkeit, die Sprachkenntnisse oder der Lebensmittelpunkt im entsprechenden Land nicht zwangsläufig mit der Anerkennung als gleichberechtigte/r Staatsbürger/in einhergehen; wenn die Physiognomie eine andere Herkunft suggeriert, wird diese Anerkennung immer wieder verwehrt.

Die Dimensionen des aktuellen Rassismus werden besonders deutlich, wenn man nicht - wie allgemein üblich - die Täterinnen und Täter, die bewusst und willentlich andere Menschen herabwürdigen, diskreditieren, verletzen oder gar umbringen, zu Wort kommen lässt oder nach ihren Motiven sucht, sondern statt dessen die Menschen befragt, die von Rassismus negativ betroffen sind, die Rassismuserfahrungen machen. Paul Mecheril hat folgende subjektiven Bedeutungen von Rassismuserfahrungen aufgelistet:

"Erfahrung von Gewalt
Erfahrung von Geringschätzung
Erfahrung, bedroht zu sein
Erfahrung von Angst und Furcht

Erfahrung von Ohnmacht
Erfahrung von Hilflosigkeit
Erfahrung, daß über mich verfügt wird
Erfahrung von Fremdbestimmtheit
Erfahrung, daß ich als jemand angesehen werde, als die oder der ich nicht angesehen werden möchte
Erfahrung, daß ich keine Möglichkeit habe, mich gegen zugeschriebene Bilder dauerhaft wirkungsvoll zur Wehr zu setzen

Erfahrung, daß mir Möglichkeiten verwehrt werden
Erfahrung, daß ich benachteiligt werde
Erfahrung, daß meine Benachteiligung für andere selbstverständlich, sogar natürlich ist

Erfahrung, nicht anerkannt zu sein
Erfahrung, unerwünscht zu sein
Erfahrung, nicht zugehörig zu sein
Erfahrung, dass ich nie erwünscht sein werde

Erfahrung, ständig auf der Hut sein zu müssen
Erfahrung, niemandem auf der Straße ohne weiteres vertrauen zu können (mit Ausnahme der ebenfalls potentiell Gefährdeten)

Erfahrung, daß die eigene Zukunft, aber auch die Zukunft nahe stehender Menschen und hier vielleicht insbesondere die der eigenen Kinder bedroht und ungewiß ist
Erfahrung, anders behandelt zu werden und anders zu sein
Erfahrung, von anderen (als) unnormal behandelt zu werden und im Zuge dessen auch unnormal zu sein
Erfahrung, als minderwertig behandelt zu werden und im Zuge dessen auch minderwertig zu sein (denn manche, die die Erfahrung machen, ‚nicht-deutsch' auszusehen, geraten in den Strudel dessen, daß ‚ nicht-deutsches-Aussehen' in der deutschen Gesellschaft als Symbol von Minderwertigkeit gehandelt wird)

Erfahrung, auf das äußere Erscheinungsbild reduziert zu werden
Erfahrung, nicht als der oder die erkannt zu werden, als der oder die ich mich kenne
usw." (Mecheril 1995, S. 165)

 

Othering

Die Erfahrungen, "anders", "unnormal" und "minderwertig" zu sein, lassen aufhorchen. Sie verweisen auf ein Phänomen des Rassismus, das als "othering" bezeichnet wird, womit nicht nur die Erfahrung des Fremd-gemacht-werdens, sondern auch die des Fremd-werdens gemeint ist: Mit den immer wiederkehrenden Zuschreibungen, den Herabwürdigungen und Diskriminierungserfahrungen übernimmt das von Rassismus betroffene Subjekt die Sichtweise derer, die mit diesen Zuschreibungen, Herabwürdigungen und Diskriminierungen operieren. Das Opfer von Rassismus sieht sich selbst als anders, als unnormal und auch als minderwertig.