Aktuelle Veranstaltungen

IDA-NRW Fachtagung "Das Geschäft mit der Angst" Rechtspopulismus als Herausforderung für die Migrationsgesellschaft am 14. Maärz 2017 in Köln.

Rechtsextremismus - War da was?

Informationen zur extremen Rechten in NRW und Anregungen für die pädagogische Praxis, Düsseldorf 2012

Reader des IDA-NRW

Download
(Auszug)

Überblick Nr. 3, September 2012

Schwerpunkt: Opferperspektive

Überblick_3-12

Überblick_3_2012

 

Begrifflichkeit: Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus oder Rassismus?

Der Begriff "Rassismus" wird in der Bundesrepublik Deutschland immer noch relativ selten benutzt. Häufiger hingegen hören und lesen wir von "Ausländerfeindlichkeit" oder "Fremdenfeindlichkeit". Auch die Ermordung von Migranten und Anschläge auf Unterkünfte von Asylbewerberinnen und -bewerbern sowie auf Wohnhäuser von Migrantinnen und Migranten, die vor allem Anfang der 1990er Jahre Schlagzeilen machten, wurden in der öffentlichen Debatte als ausländer- oder fremdenfeindliche Übergriffe und Anschläge bezeichnet.
Die Abwehr des Rassismusbegriffs ist, so u. a. der Rassismusforscher Robert Miles (1998), auf die semantische Nähe zur Rassenideologie des Nationalsozialismus zurückzuführen, von der sich die bundesdeutsche Gesellschaft (Bürgerinnen und Bürger, Medien, Politik ...) mehrheitlich distanziert und deren ideologische "Spätfolgen" geleugnet und zurückgewiesen werden: Eine Rassenideologie gebe es in der Bundesrepublik nicht, der Nationalsozialismus habe mit dem demokratisch verfassten und legitimierten Deutschland nichts gemein.
Dennoch wird nicht geleugnet, dass es diskriminierende Äußerungen und Handlungen gibt, die vor allem Flüchtlinge und Asylsuchende treffen, die offensichtlich "fremd" aussehen und dementsprechend als "Ausländer" oder "Fremde" tituliert werden. Der Hass gegen diese Menschen wird als Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit bezeichnet. Dabei wird übersehen, dass nicht alle Betroffenen Ausländerinnen und Ausländer oder Fremde sind: Weiße Amerikanerinnen sind in Deutschland nicht von "Ausländerfeindlichkeit" betroffen, während Schwarze Deutsche keine Ausländer sind, sehr wohl aber von rassistisch motivierter Gewalt betroffen sein können.

Auch der Begriff "Fremdenfeindlichkeit" ist problematisch, weil er den potenziellen Opfern Fremdheit unterstellt, auf die die Mehrheitsangehörigen, die Nicht-Fremden, mit einer vermeintlich natürlichen Feindlichkeit reagieren, die anthropologisiert und damit implizit legitimiert wird. Sie gilt somit als "inhuman, aber als menschlich verständlich". (Kampmann 1995, 261, Fußnote 2)
Der Erziehungswissenschaftler Albert Scherr (2003) weist darauf hin, dass in Bezug auf die Ausländerpolitik der Bundesrepublik von einer "ausländerfeindlichen" Politik gesprochen werden müsse, weil sich die gesetzlich-administrativen Maßnahmen tatsächlich gegen Ausländerinnen und Ausländer (z. B. Asylsuchende) richteten.

Ein weiterer Begriff, der in der Auseinandersetzung mit rassistisch motivierter Gewalt zu Beginn der 1990er Jahre und in den Jahren 2001 und 2002 häufig verwendet wurde, war der des Rechtsextremismus, der insofern von Interesse war und immer noch ist, als damit die Verantwortlichen für die Übergriffe benannt waren: Menschen, vor allem junge Männer, aus der rechtsextremen Szene. Diese Begrifflichkeit wird sowohl in der Politik als auch in den Medien und der breiten Öffentlichkeit verwendet, aber sie ist insofern problematisch, als sie vom Rassismus als Phänomen der gesellschaftlichen Mitte ablenkt. Zur Begründung der exzessiven Gewalt rechtsextremer junger Männer wurde in den 1990er Jahren vor allem die Individualisierungsthese, wie sie der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer in Bezug auf rechtsextreme und gewaltbereite Jugendliche interpretiert, populär.

Die Desintegrations- oder Individualisierungsthese Wilhelm Heitmeyers (1995b, 1994, 1995a)

Die Integrationskraft moderner Industriegesellschaften lässt nach und vor allem die Transformationsprozesse bei der Auflösung der DDR forcierten bei der dortigen Bevölkerung das Gefühl der Desintegration bzw. des Herauskatapultiertwerdens aus den alten Strukturen und Milieus. Die desintegrative Entwicklung in den westlichen kapitalistischen Gesellschaften führt - als kennzeichnendes Prinzip - zu Ausdifferenzierungs-, Enttraditionalisierungs- und Individualisierungsprozessen. Diese Prozesse wurden in Ostdeutschland quasi im "Zeitraffer" nachvollzogen. Damit gingen Widersprüche einher, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:
Je mehr das Individuum Freiheit für sich in Anspruch nehmen kann, desto weniger Gleichheit wird es erleben. Weniger Gleichheit bedeutet auch weniger Solidarität; weniger Solidarität geht mit einer größeren Vereinzelung einher; mehr Vereinzelung bedeutet für den Menschen weniger soziale Einbindung und weniger soziale Einbindung führt zu vermehrtem rücksichtslosem Durchsetzungsdrang. Diese Desintegrationsprozesse beziehen sich auf die soziale, berufliche und politische Einbindung der Menschen in die Gesellschaft, in den Betrieb, die Familie, das Milieu etc., d. h. die Beziehungen und Lebenszusammenhänge werden aufgelöst und die Teilhabe an gesellschaftlichen Institutionen (Arbeit, Wahlbeteiligung ...) erschwert oder gar verunmöglicht. Diese Auflösungsprozesse erschweren zugleich eine Verständigung über gemeinsame Werte.

Mittlerweile wird diese Position jedoch von Politikwissenschaftlern wie Armin Pfahl-Traughber (2004) oder Christoph Butterwegge (2002) kritisiert, weil sie vor allem arbeitslose junge Männer aus dem Osten ins Visier nehme und zahlreiche Studien belegten, dass nicht (nur) arbeitslose Jugendliche anfällig sind für rassistisch motivierte Gewalt.

Eine Studie des Kölner Kriminologen Frank Neubacher, die sich auf die Auswertung einschlägiger Urteile bezog und Daten aus den Jahren 1990 bis 1994 untersuchte, stellt einen besonders hohen Anteil von Taten in den östlichen Bundesländern fest, die fast ausschließlich von Männern begangen worden waren. Der Politologe Pfahl-Traughber verweist auf

"(...) den lediglich leicht überdurchschnittlichen Anteil von Arbeitslosen mit 21 Prozent. Mit diesem letztgenannten Aspekt widerlegt auch diese Studie weit verbreitete Auffassungen über die Ursache für Handlungen fremdenfeindlicher Gewalttäter. Ihre Mehrheit hatte darüber hinaus ein materiell abgesichertes Zuhause und die Arbeitslosigkeit der Eltern spielte keine erkennbare Rolle. Auch die Täter selbst entstammten nicht mit dem Begriff ‚Desintegration' zu beschreibenden Lebenszusammenhänge, was einen damit zusammenhängenden bekannten Erklärungsansatz des Pädagogen Wilhelm Heitmeyer widerlegt." (Pfahl-Traughber 2002, S. 37)

Unabhängig von seriösen Untersuchungen bezüglich rassistischer und/oder rechtsextremer Täterinnen und Täter zeigen die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen im August 1992, dass zumindest der Rassismus in der Bundesrepublik kein Phänomen von desintegrierten, arbeitslosen jungen Männern ist. Die Brandsätze wurden zwar überwiegend von jungen Männern gegen die Unterkünfte der Asylbewerberinnen und -bewerber geworfen, aber die Bilder aus Rostock waren nicht nur deswegen so beklemmend, weil einzelne Täter Asylbewerberinnen und -bewerber brutal attackierten, sondern auch, weil eine größere Menge schaulustiger Menschen "aus der Mitte der Gesellschaft" den Täterinnen und Tätern Beifall zollten.

Websites mit Auflistung von Übergriffen und Anschlägen:

- Grundinformationen und Zahlen aus NRW für die Jahre 2001 und 2002: www.ida-nrw.de
- "Chronik der Gewalt" der Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" mit Schwerpunkt Ostdeutschland: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de

Seit einigen Jahren wird nun trotz aller Abwehr immer häufiger der Begriff "Rassismus" benutzt. Nicht nur Theoretikerinnen und Praktiker der rassismuskritischen Arbeit verwendet diesen Begriff, vor allem die Förderung antirassistischer und interkultureller Pädagogik durch die Europäische Union bewirkt diese Vereinheitlichung im Sprachgebrauch über die Grenzen hinweg, denn Richtlinien und Anträge sprechen durchweg von "Rassismus". Somit gleicht sich der Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland sprachlich dem der Nachbarn Großbritannien und Frankreich an. Es ist zu hoffen, dass sich neben einer entsprechenden Theoriebildung auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Realität an bundesdeutschen Schulen und Stammtischen, in Amtsstuben, Parlamenten, in den Medien, auf der Straße ... annähert.

Wenn der Begriff "Rassismus" bevorzugt wird, heißt das nicht, dass es "Rassen" gibt. Es gibt zwar physiognomische Differenzen zwischen Menschen (Körperbau, Haut- und Haarfarbe ...), aber die Genetik hat mittlerweile erforscht, dass es in einer genetisch gleich definierten Gruppe genauso große Unterschiede zwischen den Individuen geben kann wie zwischen den Individuen von genetisch als verschieden definierten Gruppen.

Rassismus ohne Rassen

"[T]rotz erheblich erscheinender morphologischer Unterschiede sind die genetischen Distanzen zwischen den geographischen Populationen des Menschen gering. Sichtbare Unterschiede zwischen Menschen täuschen uns über genetische Differenzen. Einige wenige Merkmale überbewerten wir - nur aus dem Grunde, weil sie besonders auffallen. (...) Der größte Anteil der genetischen Unterschiede zwischen Menschen befindet sich nicht zwischen, sondern innerhalb der geographischen Populationen. Mindestens 90 % der genetischen Unterschiede befinden sich innerhalb lokaler oder eng benachbarter Populationen, die Unterschiede zwischen den geographischen Gruppen umfassen höchstens 10 % der genetischen Verschiedenheit. (...) Angesichts dieser Ergebnisse muss der Versuch scheitern, die Menschen in mehr oder weniger voneinander unterschiedene Gruppen zu trennen. Auch statistisch signifikante Unterschiede in Merkmals- oder Allelverteilungen sind deshalb nicht hinreichend, um Populationen als 'Rasse' zu klassifizieren. Selbst die traditionelle Gliederung in drei geographische Großrassen (Europide, Negride, Mongolide) ist durch diese Befunde obsolet geworden (...)." (Kattmann: Rassismus, Biologie und Rassenlehre, Stand: 12. Mai 2005)

Das Wissen um die Nicht-Existenz verschiedener menschlicher Rassen setzt sich zwar in wissenschaftlichen Zirkeln und aufgeklärten Bevölkerungsgruppen immer mehr durch, aber im Alltagsbewusstsein der Menschen ist die biologistische Denkweise, die physiognomische Differenzen immer noch mit herabwürdigenden und diskriminierenden Zuschreibungen belegt, nach wie vor weit verbreitet, wie beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland lebende Schwarze Menschen täglich neu erfahren.