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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 4, Dezember 2016

Schwerpunkt: Blick zurück nach vorn

Mit Bekleidungsverboten "gegen rechts"?

Das Für und Wider eines Verbotes von Springerstiefeln, Bomberjacken u. a. an Schulen

Im Februar 2001 entbrannte in Nordrhein-Westfalen eine Diskussion um das Tragen von Springerstiefeln, Bomberjacken und anderem rechtsextremem Outfit an Schulen. Sollte das Tragen derartiger Bekleidungen in der Schule verboten werden? Ausgelöst wurde diese Debatte durch den Beschluss einer Gesamtschule in Wesel. Per Schulordnung verbannten hier Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen Springerstiefel und Bomberjacken vom Schulhof, nachdem sich insbesondere türkische SchülerInnen durch das provokative Auftreten zweier Skinheads bedroht gefühlt hatten. Der Beschluss sorgte für ein erhebliches Medienecho und löste eine bundesweite Debatte über die Sinnhaftigkeit bzw. Realisierbarkeit einer solchen Maßnahme "gegen rechts" aus. Viele Schulen folgten mittlerweile dem Weseler Beispiel.

Die Politik stand diesem Thema positiv zustimmend bis verhaltend skeptisch gegenüber. Während z. B. die ehemalige Bundesfamilienministerin Bergmann (SPD) ein Verbot begrüßte und Brandenburgs ehemaliger Bildungsminister Reiche (SPD) eine entsprechende Verbotsempfehlung über ein Rundschreiben an alle SchulleiterInnen aussprach, zeigte sich die damalige nordrhein-westfälische Bildungsministerin zunächst eher skeptisch. Bei aller Diskussion sind sich die BildungsministerInnen der Bundesländer einig, dass nur die SchulleiterInnen im Rahmen ihres Hausrechts über diese Verbote entscheiden können.

Welche Bekleidungen konkret verboten werden bzw. werden sollen, variiert von Fall zu Fall. Klar ist, dass es sich dabei nicht um ohnehin verbotene Nazi-Symbole handelt. Beispiele für Verbote sind:

  • "Springerstiefel" (generell bzw. speziell solche mit weißen Schnürsenkeln und Stahlkappen)
  • "Bomberjacken"
  • "militaristisch anmutende Kleidung", incl. "Tarnhose" und "Uniformjacke"
  • Abzeichen, die eine "radikale Gesinnung" ausdrücken (z. B. T-Shirts mit der Aufschrift "white power", "skinhead - stolz und treu", Keltenkreuz samt Text "white pride")
  • "andere Insignien Rechtsradikaler"

Unklar ist, ob derartige Verbote vor Gericht Bestand haben, wenn SchülerInnen wegen Einschränkung ihrer Persönlichkeitsrechte dagegen klagen. Rechtlich bewegt sich das Verbot im Grenzbereich zwischen den individuellen Freiheiten des Einzelnen und der Sorgfaltspflicht des Staates in einer Institution wie der Schule. Auf welch unsicherem Terrain sich die Schulen bewegen, zeigt ein Blick in die von Schulen ausgesprochenen Verbote: In den meisten Fällen werden Bomberjacken und Lonsdale-T-Shirts nicht verboten. Anders verhält es sich z. B. mit dem Keltenkreuz auf Jacken, T-Shirts oder Mützen, sofern es einen Bezug zur 1982 verbotenen "Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit" hat.

Argumente für Kleidungsverbote an Schulen

Argumente gegen Kleidungsverbote an Schulen

"´Wir wollen alles tun, um Rechtsradikalismus in die Schranken zu weisen.´ Seitdem das Verbot ausgesprochen worden sei, habe es keine neuen Vorfälle gegeben. ´Die Schule ist ein ideales Gelände zur Kontaktaufnahme und um rechtsradikales Material auszuteilen´, weiß Schulleiterin Ursula Hanebeck. ´Wenn ich einen Sohn hätte, der mit Springerstiefeln in die Schule geht, würde ich ´nein´ sagen. Wenn das die Eltern nicht tun, muss die Schule einspringen. Schließlich haben wir einen Erziehungsauftrag´, so Hanebeck."

Quelle: Gerd Heiming: Ohne Springerstiefel den Nerv getroffen, Rheinische Post, Lokales, Wesel vom 2.3.2001

"Eine Schülerin bemerkt: ´Vielleicht ziehen die, die bisher eine Bomberjacke trugen, jetzt einen blauen Pullover mit einem roten Punkt an und bleiben doch Nazis´. Ein kurdischer Junge berichtet: ´Ich habe auch so `ne Jacke im Schrank. Als ich die vor zwei Jahren gekauft habe, wusste ich gar nicht, was man damit verbinden könnte. Für mich war sie schlichtweg ein modisches Teil.´ [...] Eine angehende Abiturientin ist der Meinung: ´Vor allem die Eltern sollten eingreifen.´ Ihre Nachbarin hält nicht viel von pauschalen Regelungen, die auch Unbeteiligte treffen könnten. ´Man weiß doch, wer der Rechtsradikale ist. Sinnvoller wäre es, gezielt gegen ihn vorzugehen.´"

Quelle: Gerd Heiming: Ohne Springerstiefel den Nerv getroffen, Rheinische Post, Lokales, Wesel vom 2.3.2001

"´Wir haben Springerstiefel verboten´, sagt Schulleiter Manfred Halbrehder von der Hans-Grade-Realschule in Treptow. In dem Ostberliner Bezirk habe sich eine rechte Szene etabliert, die auch in die Schulen hineinschwappe. Rechtsextreme Kameradschaften würden versuchen, junge Menschen, insbesondere Schüler, anzuwerben. [...] Die Schulkonferenz [...] hat deshalb Springerstiefel ´als äußeres Zeichen der Gesinnung´ und aus ´Sicherheitsgründen´ - viele haben Stahlkappen - durch einen Zusatz in der Schulordnung verboten. [...] Der Rektor hätte am liebsten auch die T-Shirts verbieten lassen, ´doch da hätten wir möglicherweise Klagen wegen der Einschränkung von Persönlichkeitsrechten bekommen´. [...] Oberstufenleiter Dieter Woltmann rechtfertigt das Verbot damit, dass man Schülern und Lehrern dadurch Ängste genommen hat. ´Auch ich habe einen Schreck bekommen, wenn ich diese martialischen Monturen gesehen habe´, sagt er. Das Verbot sei ein eindeutiges Signal gegen rechts. Das Klima an der Schule habe sich wesentlich verbessert. Vorher aber habe es eine Debatte unter den rechts gesinnten Schüler gegeben. Diese hätten sich darüber beschwert, dass sie intolerant behandelt worden seien."

Quelle:: Julia Naumann: Mit Kleidungsverboten gegen rechts, taz vom 28.2.2001

"Die befragten Rektoren und Direktoren äußerten ebenso wie NRW- Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) massive Zweifel, dass ein Kleiderverbot das Problem des Rechtsradikalismus im Kern treffen könne. ´Damit, dass ich Springerstiefel verbiete, ist das Problem Rechtsextremismus wirklich nicht gelöst´, sagte die Ministerin auf Anfrage in Düsseldorf. [...] ´Wichtiger sind pädagogische Konzepte und Projekte gegen Rechtsradikalismus´, unterstrich der Schulleiter des Essener Leibniz- Gymnasiums. Und der Direktor eines Bielefelder Gymnasiums sagte, anstatt bestimmte Kleidungsstücke zu verbieten, müssten Schulen die Jugendlichen dafür sensibilisieren, dass sie erst gar nicht auf den Gedanken kämen, Springerstiefel zu tragen und eine rechtsradikale Gesinnung an den Tag zu legen."

Quelle: Springerstiefel-Verbot stößt auf Skepsis, Kölnische Rundschau vom 28.2.2001

"Und das Reizvolle an so einem Verbot wäre, dass es diese Schulmilchbubis genau an der Stelle piekste, wo es weh tut: am identitätsstiftenden Outfit. Stahlkappen taugen tatsächlich zum Mordinstrument, wie der Tod von Alberto Adriano in Dessau bewies. [...] Gewalt ist in solche Klamotten aber auch sonst prinzipiell eingenäht. Kleider machen Leute, und manche Kleider machen sogar, dass diese Leute machen, was die Kleider wollen. In einem militanten Outfit liegt Militanz einfach näher. Und trotzdem wird jede Gewalt letztlich immer noch von Menschen erledigt. Ihre Kampfmontur macht es ihnen allenfalls einfacher. Meistens aber dient sie nur als bedrohliches Symbol. Wer es wirklich ernst meint mit dem Zuschlagen, der trägt immer noch am besten unauffällige Turnschuhe, Jeans und Blousons. Tausende Hooligans kämen an ihren Wochenenden ohne diese Ziviltarnung sonst nie zum Zuge. [...] An die Kadernazis und an die verbreitete fremdenfeindliche Atmosphäre in vielen Familien käme man damit aber natürlich nicht heran."

Quelle: Peter Richter: Nicht für die Schule lernen wir, Süddeutsche Zeitung vom 10.3.2001

"Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung betont angesichts der aktuellen Diskussion: ´Die Grundwerte unserer Gesellschaft müssen in der Schule für Kinder und Jugendliche unmittelbar erfahrbar werden. Das heißt auch, Grenzen zu setzen, aber nicht auszugrenzen.´ Eckinger plädiert deshalb dafür, an Schulen zwischen allen Beteiligten einen Regel-Kodex auszuhandeln, der dann auch für alle verbindlich sein muss. ´Verbote sind zwar publikumswirksam, aber nicht geeignet, die Probleme Jugendlicher in unserer Gesellschaft zu lösen´, so Eckinger. ´Schule wird vor allem dann erfolgreich sein können, wenn Erziehungsziele wie Toleranz, Mitmenschlichkeit und Zivilcourage nicht nur gelehrt, sondern gelebt werden.´"

Quelle: Verbote ersetzen nicht Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, VBE-Pressedienst Nr. 12, Bonn, 1.3.2001-05-07

"´Wir dürfen keine Signale von Hass und Gewalt in den Schulen dulden´, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Wiefelpütz [...]. Die Gesellschaft muss Grenzen setzen, betont Wiefelpütz. Die Ächtung von Stiefeln, Bomberjacken und anderen Insignien Rechtsradikaler ersetzt jedoch nicht die geistige Auseinandersetzung im Unterricht, fügte er hinzu. Es sei aber ein Baustein im Kampf gegen die Gewaltkultur."

Quelle: WAZ vom 28.2.2001

"Die meisten Pädagogen wissen, dass Zwang auch Probleme mit sich bringt. Die geächteten ´Glatzen´ könnten bei ihren Mitschülern schnell einen Märtyrerstatus einnehmen. Zudem weiß niemand genau, wer wirklich mit Nazis sympathisiert, wer sich ´nur´ im Dunstkreis aufhält und welcher Jugendliche einfach mit der Mode geht. Der Konflikt zwischen persönlicher Freiheit und dem Eingriffsrecht von oben lässt sich nur schwer auflösen. ´Wir sind mit unserer Kleidung früher auch angeeckt´ erinnert sich [...] die Klassenpflegschaftsvorsitzende der 7c an der Europa-Hauptschule. Die Mutter von zwei Kindern plädiert daher für einen toleranten Umgang. [...] Zweifelhaft erscheint auch, ob eine Kleidervorschrift den erhofften Erfolg bringt. Die ´Profis´ verneinen: ´Verbote schaffen bei den Jugendlichen neue Aggressionen´ [...]. Viel wichtiger sei es, die Schüler zu sensibilisieren, dass Springerstiefel und Militärkleidung provozieren und Angst auslösen."

Quelle: Dirk Gruppe: Aufstand gegen Skin-Kleidung, Rheinische Post vom 22.2.2001

"Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) hat das Verbot des Tragens von Springerstiefeln und Bomberjacken in der Weseler Gesamtschule als ´ein gutes Beispiel´ gelobt. Bergmann sagte [...], Jugendlichen müsse klar sein, dass derart martialische Kleidung nicht an die Schule gehöre - ,´zumal diese Kleidungsstücke keine reine Modeerscheinung sind; sie drücken durchaus eine Gesinnung aus´. Im Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit müssten ´in allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv Zeichen gesetzt werden´, so die SPD-Politikerin. Zum gesellschaftlichen Miteinander gehörten auch ´Regeln zum Tragen angemessener Kleidung in Schule, Beruf und Freizeit´."

Quelle: Bergmann lobt Verbot von Springerstiefeln in der Schule, Solinger Morgenpost vom 28.2.2001

"Es gehört zur spezifisch pädagogischen Tradition in Deutschland, lieber zu stigmatisieren als zu erziehen. Autoritär sein, nicht Autorität haben, gehört zu den Sekundärtugenden von Teilen unserer Lehrerschaft und deren Verhältnis zur politisch-gesellschaftlichen Haute-Couture. Elvis-Hemden, Mao-Jacken, Miniröcke, Kopftücher oder Punk-Klamotten zählen zum Fundus auf der schwarzen Liste. Diese war aber weder taugliches Mittel zur Verhinderung, noch diente sie zur Auseinandersetzung mit jugendlichen Teilkulturen und der Aura des Verbotenen. [...] Die Vorstellung, mit der Kluft auch die Gesinnung entsorgen zu können, ist nicht nur grob fahrlässig, sondern dumm. Genau genommen, spricht daraus der naive Glaube, dass Repression als pädagogisches Instrument wieder tauglich ist."

Quelle: Wann kommt der Rohrstock?, Kommentar von Rolf Lautenschläger, taz, Berlin lokal, vom 1.3.2001

"Hilft ein Kleidungsverbot an Schulen im Kampf gegen Rechtsextremismus? Für Bildungsministerin Behler ein denkbarer Weg: ´Wenn ein solcher Beschluss der Schulkonferenz dazu dient, ein Signal zu setzen, dann ist das zu begrüßen.´ Ob eine solche Regelung angemessen sei, müsse aber jede Schule für sich entscheiden, meint die SPD-Politikerin. Eine landesweite Anweisung werde es hierzu nicht geben. Auch Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, hält eine Kleiderordnung mitunter für sinnvoll - nämlich dann, wenn damit braunes Gedankengut aus Schulen herausgehalten werden kann. Wenn der Schulfrieden gestört werde, könne eine Schule sich durchaus über die Allgemeine Schulordnung hinaus Sonderregeln für ein friedliches Miteinander geben, erklärt das Landesbildungsministerium zum rechtlichen Hintergrund."

Quelle: Lutz Küppers, Andrej Priboschek: Kleiderordnung gegen Kampfstiefel im Klassenzimmer, Solinger Morgenpost vom 26.2.2001

"Das ist der falsche Weg. So ein Verbot wäre nur Teil symbolischer Politik. Man würde sich der Auseinandersetzung um die eigentlichen Fragen entziehen. [...] Zurzeit neigen Schulen dazu, animiert von der Politik, ebenfalls oberflächlich zu handeln. Sie reagieren damit genau so, wie die Jugendlichen sich das mit ihrer Provokation wünschen. Verbote schweißen die rechte Szene eher zusammen. [...] Jede Verhärtung durch besondere Strafverfolgung für rechte Gesinnung und Gewalt, jeder Zugriff, durch den sich biografisch etwas verfestigen kann, steigert den Zusammenhalt der Cliquen eher. Harte Justiz, die nicht auf den Einzelfall bezogen ist, sondern nur symbolisch Zeichen setzen will, nützt also niemandem etwas, sondern erzeugt das Gegenteil. Das gilt genauso für Kleiderverbote."

Quelle:"Kleiderverbote schweißen die Rechten zusammen", ein Interview von Isabelle Siemes mit dem Essener Jugendforscher Wilfried Breyvogel, taz vom 7.3.2001

"Das Kleidungsverbot halte er durchaus für legitim, weist aber darauf hin, dass es sich dabei lediglich um ein äußeres Zeichen handelt. ´In den Köpfen ändert sich dadurch noch lange nichts´, so der Rektor, ´deshalb halte ich den Beschluss für ein bisschen oberflächlich´. Wenn damit aber bewirkt werde, dass sich Mitschüler weniger bedroht fühlten, fände die Aktion durchaus seine Zustimmung. "

Quelle: "Eindeutig Position beziehen", Rheinische Post, Lokales, Radevormwald vom 9.3.2001

"Burkhard Schröder [...]: ´Ich halte das für einen ziellosen Aktivismus und, salopp gesprochen, für eine Schnapsidee. Weil, erstens erreicht man genau das Gegenteil. Man erreicht, dass Schüler aufmerksam werden auf diese Symbole - das war ja auch beabsichtigt von den Rechten, die das tragen. Also das Gegenteil. Zweitens erreicht man, dass Schüler natürlich den Ehrgeiz entwickeln, wenn sie ein bisschen Widerspruchsgeist in sich haben, Wege suchen, um dieses Verbot elegant zu umgehen, also etwas ähnliches zu benutzen.´"

Quelle: Tobias Kaufmann, Anna Voth: Schulverbot für Bomberjacke und Springerstiefel, ORB Fernsehen, Klartext vom 6.3.2001

"Ich habe noch einmal nachgesehen: Im Grundgesetz steht nichts vom Recht auf freie Bekleidungswahl. Bekämpfen wir Intoleranz und Vorurteile mit Intoleranz und Vorurteilen."

Quelle: Verbote ändern doch nichts, Leserbriefe in der WAZ vom 10.3.2001

"Ein Verbot bestimmter Kleidung wäre der falsche Weg. Es ist bemerkenswert, dass der Ruf danach ausgerechnet von denen kommt, die für mehr Toleranz demonstrieren. Dass in der DDR z. B. Jeans lange Zeit als Symbol des Klassenfeindes geächtet waren, hat deren Untergang nicht verhindert."

Quelle:Verbote ändern doch nichts, Leserbriefe in der WAZ vom 10.3.2001

"Die Schulleiterin der Weseler Gesamtschule begründet das Verbot damit, dass Schule ein ´geschützter Raum´ sein müsse und es nicht tolerierbar sei, dass sich MitschülerInnen bedroht fühlten. ´Die Grenze der Entfaltung endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt.´"

Quelle: Maike Röttger: Nicht in meiner Schule!, Hamburger Abendblatt vom 10.3.2001

"Das Tragen von Springerstiefeln ist keine Straftat und ist daher auch nicht zu verbieten. Entscheidend ist das Bedrohliche, das andere Menschen darin sehen und das ihnen Angst einflößt. Die Devise heißt für mich: Aufklärung über unsere deutsche Vergangenheit, Austragen von Konflikten auf verbaler Ebene und Toleranz Andersdenkenden gegenüber."

Quelle: Verbote ändern doch nichts, Leserbriefe in der WAZ vom 10.3.2001

"Bomberjacken und Springerstiefel - ein Erkennungszeichen für rechtsextremistisches Gedankengut. Bei Anblick dieser Klamotten klingeln bei den meisten Menschen die Alarmglocken. Nur selten werden die Stücke aus modischen Gründen getragen. Und wenn doch, fehlen Kleinigkeiten, die einiges bedeuten können. Wie zum Beispiel eine bestimmte Schnürsenkelfarbe [...]. Arbeits- und Gesundheitsschuhe der englischen Marke ´Doc Martens´ sind vielfach Zeichen einer politischen Grundhaltung. Rechtsextremisten machen ihren Hang zur Fremdenfeindlichkeit deutlich, indem sie schwarze Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln tragen. Das ist nicht zu verwechseln mit roten Schnürsenkeln, die als Symbol der linken Szene zugeordnet werden. Die Kombination Bomberjacke, Kampfstiefel und hochgekrempelte Jeans ist meist eindeutig. Auffallend ist auch die in Skinhead-Kreisen beliebte Kleidungsmarke ´Lonsdale´: Weil der Name meist brustgroß zu lesen ist, zeigen sich bei wenig geöffneter Jacke nur die Buchstaben ´ns´ - das Kürzel für Nationalsozialismus."

Quelle: Ein Kleiderverbot ist nur einer der Schritte gegen Extremismus, NRZ vom 30.4.2001, Lokalausgabe Rheinberg

"Schuhe aus gegen Rechts! Ein Fehltritt ... Denn wie so oft im Leben trifft es erst mal die Falschen. Deswegen an dieser Stelle noch mal langsam und zum Mitschreiben: Springerstiefel sind seit ewigen Zeiten Standard-Fußbekleidung der Punks, also einer Bevölkerungsgruppe, die unter rechtsextremen Übergriffen zu leiden hat. [...] Springerstiefel kommen eigentlich von der Bundeswehr, die ja auch nicht gerade als verfassungsfeindliche Organisation bekannt ist. [...] Skinheads tragen keine deutschen Springerstiefel, sie laufen gewöhnlich auf Erzeugnissen der englischen Firma Dr. Martens. Diese sind - im Gegensatz zu Springerstiefeln, die ja Kampfstiefel sind - Arbeitsstiefel. [...] Um die Sache noch weiter zu komplizieren: Auch die durch Skins eher bedrohten Gothics tragen gerne Dr. Martens. Weil sie so bequem und kleidsam sind. Auch Psychobillies tun es. [...] Und wenn wir jetzt noch die Dr. Martens-Imitate und die Cowboy- und Biker-Stiefel, dazu noch Timberland, Caterpillar und Buffalo ins Spiel bringen und die weiterhin geltende Gleichung hinzufügen, dass nicht alle Skins Nazis sind - dann dürfte klar sein, dass man schwerlich bestimmtes Schuhwerk aus Lehrveranstaltungen verbannen kann [...]. Man könnte höchstens vorschreiben, was getragen werden muss. Eine solche Bestimmung würde auch besser zu den ständig aufflammenden Forderungen nach Schul-Uniformen passen, mit denen besorgte Eltern ihren Sprösslingen den bösen Markenwahn austreiben wollen. Wie wär´s mit Badelatschen?"

Quelle: Bert Giesche: Fußangeln. Die Springerstiefel-Diskussion zieht einem echt die Schuhe aus, WAZ vom 9.3.2001

"´Nicht jeder Schüler, der in Springerstiefeln und Bomberjacken steckt, ist der rechten Szene zuzuordnen´, meint Udo Beckmann, Vorsitzender des Lehrerverbandes Bildung und Erziehung. Wenn ein Jugendlicher jedoch mit rechtsradikalen Sprüchen auffalle, müsse die Schule einschreiten. Schon um Mitschüler, vor allem ausländische, zu schützen. Verbote dürften jedoch immer erst der zweite Schritt sein; zunächst sollten Pädagogen sich darum bemühen, das Gespräch mit dem Provokateur zu suchen - um ihm deutlich zu machen, wie er auf seine Mitschüler wirkt. Auch die Eltern müssten eingeschaltet werden; nicht selten stünden familiäre Probleme im Hintergrund, wenn der Nachwuchs sich radikal gebärde."

Quelle: Lutz Küppers, Andrej Priboschek: Kleiderordnung gegen Kampfstiefel im Klassenzimmer, Solinger Morgenpost vom 26.2.2001

"Es ist doch sinnlos, Springerstiefel und Bomberjacken an Schulen zu verbieten. Dann werden die Neonazis einfach neue Symbole erfinden, die sie als Anhänger eines kranken Weltbildes kennzeichnen werden. Und was passiert dann? Dann werden auch diese Symbole verboten und sie erfinden wieder neue. [...] Wenn man Springerstiefel und Bomberjacken verbietet, müsste man auch Kurzhaarschnitte, Glatzen und Seitenscheitel verbieten, obwohl diese auch gerne von ´normalen´ Menschen getragen werden. Man müsste auch normale Jeans verbieten, schließlich werden diese auch gerne von den Rechtsextremen getragen. Man müsste alles verbieten und die Leute zwingen Uniformen zu tragen. Und das wäre übertrieben. Ich frage mich auch was man mit Symbolen und Kleidungsstücken, die gerne von Linksextremen getragen werden, machen wird. Bisher hörte ich nie, dass diese auch verboten werden. Also dürfen die Neonazis keine Bomberjacken tragen ,aber die Linksextremen dürfen dann mit Hammer- und Sichel-T-Shirts in die Schule kommen. Und dann wird sich die ganze Republik beschweren, dass es so viele Punks und Autonome geben wird."

Quelle: Leserbrief in der taz vom 4.3.2001

"Bernd Wagner: ´Wenn schon, dann muss sich das Verbot auf die gesamte rechtsextreme Symbolik beziehen und nicht nur auf Springerstiefel und Bomberjacken. Denn die Stiefel und Jacken werden auch von einigen Punks getragen. Und die hängen keiner rechten Gesinnung an. [...] Zum Beispiel Jacken oder T-Shirts mit ganz eindeutigen Abzeichen. Beispielsweise eine weiße Faust und die Aufschrift "white power" oder T-Shirts mit einschlägigen Band-Namen wie "Walhalla" oder "Werwolf". Eindeutig sind auch Runensymbole mit den Aufschriften "skinhead - stolz und treu" oder ein Keltenkreuz mit dem Schriftzug "white pride". [...] Es darf auf keinen Fall alleine bei einem Verbot bleiben. Die Lehrer müssen mit den Schülern gleichzeitig darüber sprechen, warum man diese Kleidung verbietet. Das Verbot kann immer nur der Einstieg in einen pädagogischen Prozess sein."

Quelle: "Verbieten allein reicht nicht - die Lehrer müssen mit den Kindern darüber reden", Interview mit Bernd Wagner, Berliner Experte für Rechtsextremismus und Leiter des Zentrums Demokratische Kultur, Berliner Morgenpost vom 27.2.2001

"Kann eine Schule ihren Schülern verbieten, Bomberjacken und Springerstiefel zu tragen? Grundsätzlich nein. Das Tragen alleine dürfte nicht für ein Verbot reichen, sagt der Berliner Fachanwalt für Verwaltungsrecht, Jürgen Waldheim. ´Da müssen noch andere Dinge hinzukommen.´ So muss es erkennbar einen Bezug zum Nationalsozialismus oder zu rechtsradikaler Gesinnung geben, zum Beispiel aufgemalte Hakenkreuze oder verfassungsfeindliche Sprüche. ´Ist dieser Bezug nicht erkennbar, wäre das Tragen nur eine Stil- und Geschmacksfrage. Man könnte sich ja auch denken, dass jemand mit Ohrring und langen Haaren gern Bomberjacken und Springerstiefel anzieht. Was machen Sie dann?´"

Quelle: Bei eindeutigen Zeichen darf die Schule eingreifen, Berliner Morgenpost vom 27.2.2001