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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 4, Dezember 2016

Schwerpunkt: Blick zurück nach vorn

Das Bremer Modell der Akzeptierenden Jugendarbeit

Das Konzept wurde Ende der 80er Jahre von dem Pädagogen Franz Josef Krafeld und angehenden SozialarbeiterInnen im Rahmen eines Praxisprojektes an der Universität Bremen entwickelt. Es sieht - kurz zusammengefasst - vor, dass SozialarbeiterInnen rechte Jugendcliquen aufsuchen, versuchen, Kontakte zu knüpfen und mit ihnen Räume zu finden, in denen sie sich aufhalten können. Sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne sollen rechte Jugendliche dort abgeholt werden, wo sie stehen. Betont wird damit das Grundprinzip sozialer Arbeit:

"Man muss die Klienten dort abholen, wo sie stehen, damit sie irgendwann woanders ankommen!" (Krafeld 2001c, S. 14)

Der Ansatz wendet sich an Jugendliche, die für Formen der Bildungs- und Aufklärungsarbeit nicht (mehr) erreichbar sind und stellt die spezifischen Problemlagen von Jugendlichen in den Mittelpunkt der Beziehungsarbeit. Über die Akzeptanz des Jugendlichen als Menschen (nicht seiner Gesinnung!) sollen - wie in anderen Bereichen der sozialen Arbeit auch - Vertrauen und verlässliche Beziehungen aufgebaut werden, die Grundlage für Lernprozesse im Sinne demokratischer Werte sein können. Ziel ist der Abbau rechtsextremer und rassistischer Einstellungen und Verhaltensweisen, nicht deren Akzeptanz. Deutlich wendet sich das Konzept von jeglichen Versuchen der Belehrung oder Bekehrung ab. Nicht die Probleme, die die Jugendlichen machen, sondern die, die sie haben, sollen im Zentrum stehen, damit die Jugendlichen

  • "andere Problembewältigungsstrategien entwickeln, die sozial verträglicher und gleichzeitig auch für sie selbst effektiver sind,
  • irgendwann auch Interesse daran zeigen, welche Probleme andere mit ihnen haben." (Krafeld 2001c, S. 16)

Ausgangspunkt des Konzeptes war zum einen der pädagogische Ansatz der "Mobilen Jugendarbeit", mit dem vernachlässigte Jugendgruppen wie Drogenabhängige und Hooligans in die sozialpädagogische Betreuung aufgenommen werden sollten. Zum anderen knüpfte das Konzept an Studien Wilhelm Heitmeyers an, die Orientierungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle und Bindungslosigkeit bei Jugendlichen infolge von gesellschaftlichem Verfalls- und Umstrukturierungsprozessen als wichtigen Erklärungsaspekt für rechtsextreme Orientierungen unter Jugendlichen einführte.

Das Bremer Modell der Akzeptierenden Jugendarbeit wendete sich an Jugendliche, "die in und mit ihren Cliquen mehr oder weniger eindeutige Elemente rechtsextremistischer Orientierungsmuster aufweisen, die aber in der Regel mit den politischen Organisationen dieses Spektrums nichts zu tun haben [wollen]." (Heim 1992b, S. 77) Darüber hinaus wurde es in einem lokalen bzw. regionalen Kontext entwickelt, in denen die rechte Jugendszene ausgegrenzt und stigmatisiert wird.

Ende der 1980er/Anfang der 1990er kam dieses Modell einer kleinen Revolution gleich, die bis dato praktizierte Grundsätze der (offenen) Jugendarbeit in Frage stellte. Entgegen der zu diesem Zeitpunkt gängigen Praxis, rechtsorientierte Jugendliche zu tabuisieren bzw. aus Jugendeinrichtungen heraus zu halten, betonten Krafeld und seine MitarbeiterInnen den allgemeinen pädagogischen Grundgedanken der Lern- und Veränderungsfähigkeit auch für rechte Jugendliche.

Was "Erfolg" im Sinne akzeptierender Jugendarbeit bedeuten kann, beschrieb das Team um Franz Josef Krafeld hinsichtlich des Bremer Modells Anfang der 1990er Jahre mit den folgenden Worten:

"Längst ist der Jugendclub auch in seiner Umgebung und im Stadtteil allgemein akzeptiert, nachdem für alle unübersehbar ist, wie sehr Gewalttaten und andere Auffälligkeiten dort zurückgegangen sind. [...] Gleichwohl haben sie ihre hohe Gewaltbereitschaft nicht abgelegt, sind ihre rechten Orientierungsmuster nicht weg, haben wir sie nicht ´bekehrt´, sie ´aus der Szene herausgebrochen´ oder ´umgekrempelt´. Das könnten allenfalls veränderte und verbesserte Lebensverhältnisse und Lebensaussichten bewirken, als sozialpolitische und jugendpolitische Leistungen." (Heim u. a. 1992, S. 50)

Grundlegende Kritik von Anfang an

Von Anfang an wurde das Konzept in der (Fach)Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Kritisiert wurde, dass der Ansatz auf falschen Prämissen basiere, das Phänomen Rechtsextremismus entpolitisiere und das Risiko beinhalte, Rechtsextremismus zu stabilisieren, statt einzudämmen. Grundlegende Kritikpunkte beziehen sich beispielsweise auf folgende Aspekte:

  • Gesellschaftliche Problemlagen werden mit dem Ansatz in Jugendprobleme und in rein (sozial)pädagogische Aufgaben umdefiniert. Rechtsextremismus ist aber kein Phänomen, dass sich pädagogisch therapieren lässt, sondern muss politisch bekämpft werden. Dass Jugendarbeit Rechtsextremismus in der Gesellschaft nicht nachhaltig eindämmen kann, betonten auch Krafeld und sein Team zu Beginn der 1990er Jahre:

"Rechtsextremistische Orientierungen sind letztlich kein jugendspezifisches Problem, sondern reichen [...] bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein. Rechtsextremismus zu bekämpfen, ist damit letztlich eine immer wichtigere gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht mit pädagogischen Mitteln bewältigt werden kann, sondern entsprechend gesellschaftspolitische Konsequenzen verlangt." (Krafeld 1992, S. 7)

  • Angesichts der Existenz rechter Jugendcliquen und dem hohen Anteil von Jugendlichen unter rechtsextremen GewalttäterInnen begreifen die Befürworter der akzeptierenden Jugendarbeit das Konzept allerdings im Unterschied zu den grundlegenden KritikerInnen als einen zwar nicht hinreichenden, aber notwendigen Beitrag der Jugendhilfe zur Eingrenzung von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt.
  • Dem Konzept liegt eine falsche bzw. einseitige Ursachenanalyse zugrunde. Es geht - in Anlehnung an die Thesen von Wilhelm Heitmeyer - davon aus, dass Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt Ausdruck von Orientierungslosigkeit und schwierigen Lebenslagen sind. Dies kann, muss aber nicht immer zutreffen. Rechte Gesinnungen können auch das Produkt mangelnder Aufklärung sein und rechte Jugendcliquen können sich mit Blick auf den "Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft" als Avantgarde und Vollstrecker einer "schweigenden Mehrheit" verstehen. Deshalb ist in jedem Fall zu prüfen, ob politische Bildung oder stärker konfrontative und grenzsetzende Strategien nicht die besseren Ansätze sind.
  • Das Konzept überträgt fälschlicherweise Annahmen, die aus der akzeptierenden Sozialarbeit mit Drogensüchtigen und anderen ausgegrenzten Randgruppen in den 70er Jahren entwickelt wurden, auf die rechtsextreme Szene. Es geht in Analogie zu kranken bzw. leidenden Menschen (z. B. Drogenabhängigen) von einem Leidensdruck des Klientels aus, der potentiell einen Ausstiegswillen begründet. Diese Annahme - so die Kritik - trifft aber auf neonazistische Gruppen bzw. rechte Jugendcliquen nicht zu, weil sich derartige Gruppen als machtvoll wahrnehmen, Neonazis als Familienersatz und als Vorbilder betrachtet werden und rechte Parolen in weiten Kreisen der Gesellschaft geteilt werden. Rechtsextreme Einstellungen, Organisationen und Taten sind demnach als Ausdruck und Ergebnis einer politischen Ideologie zu verstehen, die Menschen aufgrund rassistischer Kategorien diskriminiert, verfolgt und ihnen die Lebensberechtigung abspricht, und keine Krankheit.
  • Aus der Antifa-Szene stammt der Vorwurf, dass der Ansatz bestenfalls den gewalttätigen Rassismus und Rechtsextremismus in ruhigere Bahnen lenkt, dass der "Faschismus im Kopf" aber nicht bekämpft wird. Akzeptierende Jugendarbeit würde allenfalls erreichen, dass pädagogisierte Jugendliche auf direkte Gewalt gegenüber Andersdenkenden und MigrantInnen verzichteten, um dann als "NormalbürgerInnen" ihre Ausländerfeindlichkeit an Stammtischen auszuleben und bei Wahlen ihr Kreuzchen bei rechtsextremen Parteien wie NPD, DVU und Co zu machen. Mit der politischen Förderung dieses Ansatzes - so die radikale Kritik - würde antifaschistisches Engagement geschwächt, "normale" bzw. "linke" Jugendliche aus den Jugendhäusern vertrieben und rechte Jugendszenen stabilisiert.

 

Akzeptierende Jugendarbeit und das "Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt"

Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet der Ansatz dann im Zusammenhang mit der Umsetzung des "Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt" (AgAG), mit dem die Bundesregierung 1992/93 auf die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock reagierte. Zwischen 1993 und 1996 wurden über 120 Projekte in 30 ausgewählten sogenannten Brennpunktregionen (mit besonders vielen Gewalttaten) in den neuen Bundesländern gefördert. In rund zwei Drittel der Projekte wurde mit der sog. "weichen Zielgruppe" (gewaltbereite bzw. gefährdete Jugendliche) gearbeitet. Ein Drittel wandte sich an die "harte Zielgruppe", d. h. gewalttätige und/oder rechtsextreme Jugendliche. (Buderus 1998, S. 43ff)

Bereits zu Beginn des Aktionsprogramms kam es zum Eklat, als bekannt wurde, dass in Projekten in Hoyerswerda und Cottbus Sozialarbeiter mit rechtsextremer Gesinnung beschäftigt wurden, die früher selber gegen MigrantInnen gewalttätig gewesen sein sollen. Für Unverständnis sorgte zudem ein Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, das das Bundesprogramm koordinierte und beratend zur Seite stand. Er rechtfertigte im Fernsehen die Anwerbung von Neonazis für die Jugendarbeit mit der Begründung, dass es zu den Leitlinien der Arbeit gehöre, Jugendliche zu stabilisieren, und dafür könnten auch SozialarbeiterInnen als AnsprechpartnerInnen nützlich sein, zu denen nicht allzu große ideologische Differenzen bestehen.

Kritiker der Akzeptierenden Jugendarbeit wie Klaus Ahlheim werteten derartige Vorfälle als "zumindest in der Logik des Konzepts" liegend, weil das Konzept die Gefahr der Kumpanei mit dem Klientel und damit das Risiko beinhalte, Rechtsextremismus und Gewalt zu fördern und zu unterstützen.

"Da muss dann im Grunde jeder Sozialarbeiter selbst entscheiden, wie er mit der beschriebenen Gefahr der Kumpanei umgehen will. Mir persönlich scheint sie angesichts der herrschenden Pogromstimmung sehr groß, allzugroß" (Ahlheim 1993).

Im Zuge der Umsetzung von Maßnahmen und Projekten, die unter dem Namen der Akzeptierenden Jugendarbeit in den 90er Jahren vergleichsweise großzügig öffentlich gefördert wurden, zeigten sich zahlreiche Fehlentwicklungen und verschärfte sich die Kritik. In der Fachöffentlichkeit und in den Medien machten polemische Formeln wie "Glatzenpflege auf Staatskosten" die Runde.

  • Die Arbeit - so ein allgemeiner Vorwurf - hat den Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern nicht nur nicht eingedämmt, sondern sogar gestärkt, weil der rechten Szene Freiräume und eine Rekrutierungsbasis gegeben wurde: Rechte Skinheads bekamen ein Jugendzentrum und Rechtsrock-Bands Übungsräume. Teilweise leisteten SozialarbeiterInnen logistische Unterstützung, indem sie ihr Klientel mit dem Bus zu Kameradschaftstreffen fuhren oder in lokalen Verteilungskämpfen finanzielle Mittel auf Kosten andersgesinnter Jugendlicher erstritten. Mit der Akzeptanz rechtsextremen Gedankenguts in der Jugendarbeit soll nicht selten die Vertreibung linker Jugendlicher aus den öffentlich finanzierten Projekten einhergegangen sein. Wie auf den Straßen, sollen sich auch viele der Jugendclubs zu "national befreiten Zonen" entwickelt haben.
  • In Potsdam unterstützte die Stadt beispielsweise die Jugendband "Proissenheads", in dem sie einen Übungsraum in einem Jugendclub zur Verfügung stellte und technische sowie organisatorische Unterstützung leistete. Erst als öffentlich bekannt wurde, dass der Verfassungsschutz des Landes diese Band in seinen Berichten von 1996 und 1997 als rechtsextremistisch einstufte, wurde die Unterstützung zurückgezogen. Ein zuständiger Sozialarbeiter verteidigte die vormalige Unterstützung für die "Proissenheads":

"Sie haben das Recht, wie alle im Rahmen der Gesetze ihre Meinung zu sagen. Beschneidet man das, radikalisiert man sie." (Demokratie auch für rechte Kids 1998)

  • In Glossen im Landkreis Zittau erhielt ein Verein zur "Förderung der Jugendarbeit", hinter dem eine rechtsextreme Kameradschaft stand, ein 500-Mark-Darlehen des Bürgermeisters zur Gründung eines Jugendclubs. In diesem veranstalteten die Neonazis dann Konzerte, u. a. mit dem NPD-Barden Frank Rennicke, der mit dem Hitler-Gruß empfangen wurde. Die Dienste einer von der Gemeinde angestellten Streetworkerin sollen nur in Anspruch genommen worden sein, wenn es um die Vermittlung von Kursen für Jugendleiter ging.

"Geblieben ist die Akzeptanz: Der Bürgermeister ist froh, dass die Jugendlichen sich selbst organisiert haben". (Kahlke 2000)

  • Immer wieder gab es zudem Negativschlagzeilen über gewalttätige Jugendliche, die in den öffentlichen Projekten gefördert wurden. So sollen die Jugendlichen, die in Guben den algerischen Asylbewerber Omar Ben Noui zu Tode jagten, über engste Kontakte zur NPD und dem Gubener Jugendclub verfügt haben, der sich bezeichnenderweise "Club 18" nannte (der Zahlencode steht für "Adolf Hitler").

Kritik gab es allerdings nicht nur mit Blick auf Ostdeutschland. Vor allem antifaschistische Gruppen begleiteten Projekte mit rechten Jugendcliquen in Westdeutschland (z. B. Tostedt/Handeloh, Delmenhorst, Bremen) kritisch und berichteten über die negativen Erfahrungen insbesondere in ländlichen Gegenden. So lautete ein Fazit norddeutscher Antifa-Gruppen Ende der 80er Jahre:

"In den meisten Fällen hatte diese Jugendarbeit zur Folge, dass andere Jugendliche verdrängt wurden, dass Rechtsradikale die Möglichkeit bekamen, sich Strukturen zu schaffen, dass organisierte Neo-Nazis diese Strukturen mitbenutzten und dass die rechten Jugendlichen zunehmend andere drangsalierten und schikanierten." (Norddeutsche Antifagruppen o.J., S. 1)

 

Ist die Akzeptierende Jugendarbeit grundsätzlich gescheitert?

Nach rund zehn Jahren Praxiserfahrungen beantworteten Angehörige des politisch linken bzw. antifaschistischen Umfeldes diese Frage in der Regel mit einem klaren Ja. Stellvertretend für grundlegende Absagen stehen folgende Zitate aus dem Antrag eines Juso-Unterbezirkes, eines Beitrages in der Zeitschrift "Schlagloch" der JungdemokratInnen und einer Info-Seite antifaschistischer Gruppen im Internet:

"1. Akzeptierende Jugendarbeit bedeutet, dass man faschistische und rassistische Meinungen akzeptiert. Aber Faschismus und Rassismus kann man nicht akzeptieren, sondern muss sie bekämpfen.
2. Überall dort, wo das Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit praktiziert wurde, hat dies nicht zu einer Schwächung - sondern im Gegenteil - zu einer Stärkung der rechtsradikalen Szene geführt. Oft dienten solche Jugendtreffs auch zur Anwerbung neuer Kader von faschistischen Parteien und Organisationen.
3. Gelder, die für so fragliche Projekte wie die akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen gesteckt werden, fehlen für progressive und emanzipatorische Jugendprojekte." (Juso-Unterbezirk Giessen o. J.)

"Vor allem in den fünf neuen Bundesländern hat dieser Ansatz [...] verheerende Konsequenzen: Unter Jungfaschos hat sich dort mittlerweile die Strategie durchgesetzt, sog. ´national befreite Zonen´ zu erobern. In den Jugendzentren klappt das ziemlich gut, weil die Nazis dort eben nicht ausgegrenzt und geächtet, sondern akzeptiert werden. Das führt dazu, dass im Osten kaum ein Jugendzentrum nicht in fester Faschohand liegt. Für Jugendliche bedeutet die rechte Hegemonie, dass es zum Faschowerden prinzipiell keine Alternative gibt." (Loick 1998)

"Wenn die Glatze an der Tanke steht, stört das solange niemanden, bis die Stiefelnazis den Ruf der Stadt ruinieren. Plötzlich sind alle schnell dabei, sich aufgeregte Maßnahmen einfallen zu lassen, um die Nazis unsichtbar zu machen und potentielle Investoren abzuschrecken.
´Akzeptierende Jugendarbeit´ ist ein Konzept, um die Nazis von der Straße zu holen. In scheinbar unpolitischen Jugendclubs werden StiefelfaschistInnen sozialpädagogisch betreut und ihre rechte Ideologie als Folge von Arbeitslosigkeit oder Schulabbruch verharmlost. Vielerorts werden den Rechten so Treffpunkte und Möglichkeiten der Rekrutierung von Nachwuchs geschaffen." (www.inforot.de, News vom 27.8.2002)

Auch führende PolitikerInnen aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen erteilten dem Konzept eine grundsätzliche Absage: Angesichts der Zunahme einer rechtsextremen (Jugend)Szene warf Wolfgang Thierse dieser Art von Jugendarbeit vor, sie sei in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus weitgehend gescheitert. Er kritisierte die "bedenkenlose, nicht problematisierte Übertragung" des für Westdeutschland entwickelten Ansatzes auf ostdeutsche Verhältnisse, die "teilweise fatale Folgen" gehabt hätte:

"Die rechtsextreme Szene wurde eher gestärkt. Aus Verständnis für die persönliche und familiäre Situation rechtsextremer Jugendlicher ist häufig Verbrüderung geworden. Das ist immer eine Gratwanderung, eine gefährliche." (Bulletin 1/99, S. 8)

Rezzo Schlauch, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, erklärte z. B. nach der neuen Welle rechtsextremer Gewalt im Sommer 2000 das Konzept für gescheitert. In seiner Kritik hob er insbesondere politische Fehler vor Ort hervor, wie die

"bagatellisierende Haltung von örtlichen Honoratioren und das Gekungel von Stadtverwaltungen mit zwielichtigen Jugendzentren". (Phoenix-Interview vom 30.8.00)

Etwas differenzierter fiel die kritische Beurteilung der rot-grünen Bundesregierung in einer Großen Anfrage der Bundestagsfraktionen SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 2001 aus:

"Angebote für rechtsorientierte Jugendliche, die mit dem Begriff "akzeptierende Jugendarbeit" verbunden sind, werden öffentlich und fachlich kontrovers diskutiert. Dies hängt u. a. damit zusammen, dass es sich nicht um eine klar abzugrenzende oder namentlich geschützte Form der Jugendarbeit handelt. Die Beurteilung der Wirksamkeit des Ansatzes der ‚akzeptierenden Jugendarbeit' ist jeweils nur am konkreten Beispiel und unter Berücksichtigung der jeweiligen Rahmenbedingungen möglich." (BMFSFJ 2001, S. 39ff)

 

Nicht das Konzept ist falsch, vielmehr war die Praxis oft dilettantisch

Zu den Kritikern der im Rahmen des "Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt" durchgeführten Projekte gehört auch Franz Josef Krafeld, der "geistige Vater" des Bremer Modells der akzeptierenden Jugendarbeit. Aus seiner Sicht war das Bundesprogramm von 1992 von konzeptionellen Schwächen und zahlreichen Fehldeutungen geprägt. Im Rahmen des Programms wurde nach Krafeld der Ansatz vielfach als Deckmantel für Konzeptionslosigkeit, Ausblendung politischer Aspekte oder gar Identifikation mit rechtsextremem Gedankengut missbraucht.

"Seither wird von ‚akzeptierender Jugendarbeit' ganz häufig ausgerechnet dort geredet, wo auf den Abbau rechtsextremistischer Orientierungen und entsprechender Gewaltbereitschaft verzichtet oder kein Gewicht gelegt wird ..." (Krafeld 2001, S. 277).

Hinsichtlich der JugendarbeiterInnen in Ostdeutschland betonte er, dass die meisten, die vorgaben, nach dem akzeptierenden Ansatz zu arbeiten, noch nie gehört hatten, dass es unter dem Begriff überhaupt eine ausformulierte Konzeption gibt. Vor allem dort, wo rechte Alltagskulturen dominierten, sei es

"vielfach üblich geworden, rechten Jugendlichen völlig unprofessionelle Gefälligkeitsangebote zu machen und das Ganze dann als akzeptierenden Ansatz zu etikettieren." (Krafeld 2001b, S. 322)

Die Kritik an der Umsetzung bezieht sich vor allem auf folgende Aspekte:

  • Im Rahmen des "Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt" wurde ein für Bremen bzw. ganz spezifische lokale Gegebenheiten entwickeltes Modell ohne weitere Analysen auf Verhältnisse in den neuen Bundesländern übertragen, d. h. je nach Perspektive exportiert oder importiert. Das Bremer Projekt bezieht sich auf ein lokales Umfeld, in dem rechte Jugendliche nicht die Jugendszene dominieren, sondern eine - wenn auch auffällige - Minderheit darstellen. Wie in der Drogenhilfe sollte gesellschaftlich ausgegrenzten rechten Jugendlichen über Akzeptanz und Unterstützung der Person der Weg in die Normalität geebnet werden. Der theoretische Ansatz empfahl sich nie für Konstellationen, in denen rechtsextremes Gedankengut von einem großen Teil der Bevölkerung bzw. des Umfeldes geteilt wird.

"Dort, wo es eine Dominanz der rechten Jugendszene gibt, macht eine solche Arbeit als isoliertes Konzept keinen Sinn." (Scherr 2001)

  • In einem lokalen, regionalen oder allgemeinpolitischen Klima, in dem rechtsextreme Jugendliche mehr oder weniger Zuspruch für ihre Parolen finden, ist ein derartiger Ansatz unsinnig. In einer derartigen Situation bedarf es keiner "kritischen Integration" einer Minderheit mehr, sondern einer Jugendarbeit, die Demokratie fördert und rechtsextreme Ideologen in ihre Schranken verweist.
  • Das Konzept setzt auf langfristige Beziehungsarbeit qualifizierter Fachkräfte, um über eine Stabilisierung rechter Jugendlicher in ihrem alltäglichen Lebensumfeld eine Entwicklung zu befördern, in der die Jugendlichen selber erkennen, dass rechte Ideologien und Gewaltbereitschaft ihnen mehr schaden als nützen. Bei dem Versuch, das Konzept in den neuen Bundesländern zu realisieren, waren aber wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Arbeit nicht gegeben. Es fehlte in Ostdeutschland an dem notwendigen Fachpersonal, fachfremdes Personal wurde ohne ausreichende Qualifizierung angeworben und der Großteil der MitarbeiterInnen (über 80 Prozent) hatte befristete ABM-Stellen. Zudem fehlte es an Ressourcen und Netzwerken, an Supervision und der Integration der MitarbeiterInnen in lokalen sozialen Diensten. Kritisch hieß es hierzu im Neunten Jugendbericht des Bundesjugendministeriums:

"Die schwierige inhaltliche Arbeit des AgAG-Programms [soll] überwiegend von in Schnellkursen darauf vorbereiteten Lehrkräften sowie Erziehern und Erzieherinnen durchgeführt werden, was äußerst fragwürdig erscheint und die Gefahr erhöht, dass das theoretische Konzept der ´akzeptierenden Jugendarbeit´ in der Praxis zur ´gefährlichen Beliebigkeit´ wird." (BMFSFJ 1994, S. 336)

  • In der Praxis erwies sich insbesondere die geforderte Akzeptanz des Jugendlichen als Menschen und die gleichzeitig geforderte Abgrenzung von seinen Überzeugungen und Handlungen stets als schwieriger Balanceakt. Wo sollen Grenzen im konkreten Einzelfall gesetzt werden? Dürfen einer rechten Skinhead-Band Proberäume zur Verfügung gestellt werden? Erledigt sich die Arbeit, wenn Jugendliche mehr oder weniger in neonazistischen Organisationen eingebunden sind? Wo endet bei Gewalt- und Straftaten die geforderte Parteinahme der SozialarbeiterInnen für ihr Klientel und wann ist eine Zusammenarbeit mit der Polizei angesagt?

Obwohl im Zuge der jahrelangen Kontroversen um das Konzept grundlegende Maßstäbe für die Grenzen der Arbeit mit rechten Jugendcliquen entwickelt wurden, gibt es keine Patentlösung. Für die meist höchst komplexen Einzelsituationen kann es nach Franz Josef Krafeld kaum einheitlich verbindlichen Regeln geben. Es kommt deshalb nach wie vor auf das Geschick der JugendarbeiterInnen und ihre pädagogische wie politische Sensibilität für die je spezifische Situation an. Mit anderen Worten: Grundvoraussetzung ist neben der pädagogischen Kompetenz im engeren Sinne ein klares demokratisches Selbstverständnis.

 

Welche Lehren sind aus den bisherigen Erfahrungen zu ziehen?

Dass das in Bremen entwickelte Modell der Akzeptierenden Jugendarbeit vorschnell und unter Missachtung der Voraussetzungen auf die neuen Bundesländer übertragen wurde, gilt heute als Allgemeingut. Wer nach einer Gesamtbilanz des Ansatzes sucht und danach fragt, welche Projekte unter welchen Bedingungen positive Erfolge vorzeigen konnten, läuft allerdings ins Leere.

Auffallend ist, dass es viele Negativ-Schlagzeilen über Projekte gibt, die zumindest dem Namen nach akzeptierende Arbeit leisteten, und dass viele Einzelbeispiele negative Fehlentwicklungen belegen. Demgegenüber gibt es nur wenige konkrete Erfolgsberichte. Eine Gesamtbilanz Akzeptierender Jugendarbeit erscheint nicht möglich, weil es bislang keine verlässliche wissenschaftliche Evaluierung in diesem Bereich gibt.

Positive Einschätzungen beruhen nach Albert Scherr (2000) lediglich auf Erfahrungsberichte, die z. B. beschreiben, dass "Szeneausstiege mit Hilfe qualifizierter pädagogischer Arbeit möglich sind", dass "Lernprozesse anregbar sind" und eine "Senkung des Gewaltniveaus" erzielt werden kann. Bei einer Anzahl von Projekten sollen laut Bundesregierung (BMFSFJ 2001) nicht nur individuelle Veränderungen bei Jugendlichen erreicht, sondern auch die Entwicklung der rechten Szene vor Ort eingedämmt und der Sozialraum positiv beeinflusst worden sein.

Mit Blick auf erfolgreiche Projekte formulierte Lorenz Korgel vom "Zentrum Demokratische Kultur" im Konjunktiv:

"Eine systematische Analyse ihrer ´guten Praxis´ könnte einen erheblichen Input für die Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen mit sich bringen. An Handlungsperspektiven mangelt es also [...] nicht, am politischen Willen leider schon." (Korgel 2000)

ExpertInnen betonen heute vor allem die Voraussetzungen und Grenzen des akzeptierenden Ansatzes. So hat Franz Josef Krafeld in einem Neun-Punkte-Katalog konkretisiert, unter welchen Voraussetzungen die Arbeit mit rechten Jugendlichen an ihre Grenzen stößt.

 

Grenzen der Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen

  1. "Die erste und wichtigste Grenze ist da, wo Ressourcen der Jugendarbeit [...] dazu benutzt werden sollen, um gezielt rechtsextremistische Bestrebungen zu fördern. Also nicht, dass jemand etwas Rechtsextremistisches äußert, ist schon die Grenzüberschreitung, sondern dort, wo jemand primär oder nur deshalb kommt, um entsprechend zu agitieren.
  2. Wo andere in ihrer körperlichen oder psychischen Unversehrtheit unmittelbar bedroht sind, hat Jugendarbeit zu intervenieren und gegebenenfalls auch die staatliche Ordnungsmacht einzuschalten. Das heißt aber nicht, dass Jugendarbeit jedem Gerücht nachgehen müsse [...]
  3. Eine Grenze von Parteilichkeit ist [...] auch da, wo nach humanen Grundsätzen eine Parteilichkeit für ein Opfer von Angriffen auf Leib und Leben gefordert ist.
  4. Jugendarbeit darf nicht Prozesse unterstützen oder sich gar dafür instrumentalisieren lassen, anderen Jugendlichen deren Entfaltungsrechte und deren Ansprüche auf akzeptierte soziale Räume zu nehmen [...].
  5. Dies gilt besonders überall dort, wo rechte Szenen dabei sind, die Herrschaft auf der Straße zu übernehmen [...].
  6. Jugendarbeit findet da eine Grenze, wo Dienstleistungen für Zwecke genutzt werden sollen, die ethischen Grundsätzen widersprechen - es sei denn, dass im konkreten Einzelfall gerade über diesen Weg besondere Chancen zur Einwirkung und Veränderung entfaltet werden sollen. Dies gilt z. B. bei der Frage der Nutzung von Übungsräumen durch Rechtsrock-Bands.
  7. Jugendarbeit findet da eine Grenze, wo ein deutliches Risiko besteht, dass sie als Deckung oder zur Unterstützung bei rechtswidrigen Handlungen instrumentalisiert wird.
  8. Jugendarbeit findet da eine Grenze, wo Akzeptanz zur Einbahnstraße verkommt, also den Pädagoginnen und Pädagogen, deren Wertvorstellungen keine ausreichende Akzeptanz entgegengebracht wird.
  9. Jugendarbeit findet da eine Grenze, wo eine Kumpelrolle abverlangt wird, die nicht die nötige professionelle Balance von Nähe und Distanz zulässt.
  10. Auf einer personalen Ebene ist - nicht zuletzt - eine Grenze immer da, wo ´man etwas nicht mehr aushält´, sei es aus Angst, aus Erschrecken oder Empörung. [...]" (Krafeld 2001, S. 283f)

Lorenz Korgel unterscheidet zwischen allgemeinen Grenzen, die sich auf das Umfeld der Arbeit beziehen, und projektbezogenen Grenzen, die sowohl die Kompetenz der MitarbeiterInnen wie auch die Zielgruppen einbeziehen. Deutlich herausgestellt werden hierbei z. B. die allgemeinpolitischen Werte der MitarbeiterInnen.

Allgemeine Grenzen:

  • Wenn im Umfeld ein großer Teil der Erwachsenenwelt, oder vielleicht sogar die Mehrheit, rechtsextreme Auffassungen befürwortet, erfahren Jugendliche im Zuge der akzeptierenden Jugendarbeit eine Fortsetzung ihrer alltäglichen Anerkennungs- und Erfolgsbedingungen.
  • Solange finanzielle Ressourcen ausschließlich rechtsextrem orientierten Jugendlichen zur Verfügung stehen.
  • Wenn in der Kommune keine ausreichenden Alternativangebote für andersdenkende Jugendliche bestehen und so eine fast zwangsläufige Eingliederung von Kindern und Jugendlichen in rechtsextreme Szenen erfolgt.
  • Wenn Projekte mit rechtsextremen Jugendlichen die Verdrängung von nicht-rechtsextremen Jugendlichen bedeutet.
  • Wenn Jugendarbeit die einzige Maßnahme der Kommune gegen Rechtsextremismus sein soll und nicht in vernetzte Unterstützungsstrukturen eingebettet ist.
  • Wenn ein Jugendclub mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen einen strukturellen Vorteil für die kommunale rechtsextreme Szene ergibt.

Des Weiteren müssen folgende projektbezogene Grenzen gelten:

  • Wenn Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter keine eigenen demokratischen Positionen haben oder sie nicht vertreten können, gibt es keine Chance auf eine alternative Sozialisation von Jugendlichen in dem Projekt.
  • Wenn politische Mehrheitsmeinungen von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen als unpolitisch dargestellt und nicht hinterfragt werden.
  • Bei Anwesenheit von rechtsextremen Kadern, Counter-Sozialarbeit.
  • Wenn innerhalb und außerhalb des Projektes der Anspruch besteht, verfestigte rechtsextreme Ideologien "umdrehen" oder "umerziehen" zu können.
  • Wenn Jugendliche versuchen, Propaganda für rechtsextreme Gruppierungen oder Ideologien zu betreiben.
  • "Wenn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen das Gefühl haben, weder rational noch emotional die Arbeit "aushalten" zu können.
  • Wenn aus Akzeptanz von unterschiedlichen Positionen ein selbstverständliches Hinnehmen der Position des Anderen geworden ist.
  • Bei körperlicher, psychischer und permanenter verbaler Bedrohung durch Jugendliche.
  • Wenn die Gefahr besteht, rechtswidrige Handlungen zu decken.
  • Wenn Akzeptanz dauerhaft nur von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeht und nicht von den Jugendlichen.
  • Wenn der Sozialarbeiter nur noch Kumpel ist und die notwendige Rollendistanz nicht mehr zulässt.
  • Wenn problematische Handlungsweisen selbstverständlich sind und nicht mehr problematisiert werden.
  • Wenn eine Reflexion von Erfolgsmaßstäben nicht gewährleistet ist." (Korgel 2000)

Titus Simon, Professor für Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung in Magdeburg, betont, dass am Beginn einer jeden Arbeit geklärt werden muss, mit welcher Zielgruppe genau gearbeitet werden soll, weil der Begriff "rechte Jugendliche" vielschichtig ist und sehr unterschiedliche Gruppen beinhalten kann. Er konkretisiert als Beispiel neun Gruppen, die sich hinsichtlich ihrer Gewaltorientierung und ihres Organisationsgrades unterscheiden:

  • "rechtsorientierte Jugendliche in ‚alltäglichen Lebenszusammenhängen' ohne politische Einbindung und ohne überdurchschnittliche Gewaltorientierung und ohne ausgeprägte soziale Auffälligkeiten,
  • rechtsorientierte Jugendliche außerhalb politischer Strukturen mit sozialen Schwierigkeiten, aber ohne auffällige Gewaltorientierung,
  • rechtsorientierte Jugendliche außerhalb politischer Strukturen mit sozialen Auffälligkeiten und einer höheren Gewaltbereitschaft,
  • rechtsextreme/rechtsradikale Jugendliche in klassischen Jugendorganisationen der ‚alten Rechten' (zum Beispiel Junge Republikaner, rechte Jugendverbände, vormals auch JN),
  • rechtsextreme Jugendliche in klassischen Jugendkulturen (Hooligans, Skinheads) mit ausgeprägter Gewaltbereitschaft,
  • rechtsextreme/rechtsradikale Jugendliche mit hoher Gewaltbereitschaft und Zugang zu ´Brückenorganisationen´, Autonome Kameradschaften, JN in ihrer ‚neuen' Funktion,
  • rechtsradikale Jugendliche in extrem gewaltbereiten und ausgeprägt rassistischen Subkulturen: ‚White Power', Blood & Honour (mittlerweile verboten), Hammerskin-Bewegung, Nachfolgeorganisation der verbotenen ANS, nationalsozialistische Klein- und Kleinstgruppen,
  • rechtsradikale Terrorgruppen,
  • ‚intellektuelle' und ‚akademische' Zirkel: Leserkreise der ‚Jungen Freiheit', Hochschulgruppen von NPD und Republikanern, völkische Studentenverbindungen, nationalrevolutionäre Kreise [...]." (Simon 2001, S. 12f)

Je nach Zielgruppe können unterschiedliche Aufgaben einen Schwerpunkt der Arbeit bilden. So mag mal die Deeskalation von Gewalt, mal der Abbau von Vorurteilen und Feindbildern und ein anderes Mal das Aufzeigen anderer Lebensentwürfe am wichtigsten sein. Eine Grenze der Akzeptierenden Jugendarbeit sehen ExpertInnen immer dann, wenn es sich um rechtsextreme Kader bzw. Jugendliche handelt, die fest im organisierten Rechtsextremismus eingebunden sind. In keinem Fall - so Lorenz Korgel (2000) - könnten Funktionsträger rechtsextremer Gruppierungen eine Zielgruppe der Jugendarbeit sein: In der Praxis sei in keinem bekannt gewordenen Fall Jugendarbeit mit geschulten Jugendlichen und ausgebildeten Kadern erfolgreich gewesen. Mit Blick auf Jugendliche, die "in organisierte Strukturen eingebunden werden konnten", plädiert Titus Simon (2001) allerdings nicht für dogmatische Entscheidungen, sondern für eine sachgerechte Klärung im Einzelfall.

Mit Verweis auf die Erfahrungen in der "Rockerarbeit" der 1970er und 1980er Jahre betont Titus Simon auch für die Akzeptierende Jugendarbeit die Grundidee des sozialen Lernens. Da die meisten Erfahrungen von Jugendlichen in aggressiven Milieus mit Eltern, LehrerInnen, Sozialarbeit und Polizei negativ verlaufen seien, müssten für die praktische Arbeit folgende Prinzipien gelten:

  • "Respektierung von Abgrenzungsverhalten und Abgrenzungssymbolen,
  • sich bewusst nicht auf die Stärkeverpflichtung der Jugendlichen einlassen,
  • Jugendliche nicht vereinnahmen,
  • sich als professionell Handelnder nicht vereinnahmen lassen,
  • Jugendräume sind zu sehen in ihren Funktionen als Schon- und Schutzraum und Experimentierfeld,
  • Sozialarbeit muss nicht immer forschen, sondern abwarten können, bis Jugendliche sich und ihre Probleme selbst darstellen,
  • Wahrung der Anonymität Jugendlicher - auch wenn im örtlichen Kontext Absprachen mit der Polizei erfolgen. Diese haben sich auf die Frage der Grenzziehungen der Aufgabenfelder zu beschränken,
  • den eigenen Standpunkt nicht verleugnen,
  • den Jugendlichen nicht in falscher Kumpelhaftigkeit, sondern als Erwachsener und professionell dandelnder begegnen.

Die entscheidende Dimension ist hierbei der Erwerb von Interventionsberechtigung. Der Pädagoge, der in einen Konflikt eingreifen will, aber die Interventionsberechtigung nicht besitzt, scheitert. Der Konflikt bleibt bestehen, er kann sich verschlimmern oder sich gegen ihn selbst richten."

 

Gerechtigkeitsorientierung als neuer Schlüsselbegriff

Angesichts der Fehlentwicklungen in der Praxis, der diffusen bzw. inflationären Verwendung des Begriffs für nahezu jede Arbeit mit rechten Jugendlichen und der Existenz von Jugendcliquen, die nicht - wie Ende der 1980er Jahre in Bremen - ausgegrenzt werden, sondern ihrerseits andere (teils gewaltsam) ausgrenzen, plädierte Franz Josef Krafeld im Frühsommer 2000 erstmals für einen neuen Schlüsselbegriff: Mit dem Begriff der "gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit" soll die gesellschaftspolitische Dimension des Problemzusammenhangs und die notwendige Auseinandersetzung mit Ideologien der Ungleichheit (im Sinne von Ungleichwertigkeit) sowie der entsprechenden Gewaltakzeptanz stärker betont werden. Gerechtigkeitsorientierung wird dabei verstanden als

"Streben nach mehr Gerechtigkeit, gestützt auf ein Menschenbild, das (in offensiver Abgrenzung z. B. zu rechtsextremistisch geprägten Menschenbildern) die Achtung der Würde des Menschen (prinzipiell des Menschen - und nicht abgestuft bestimmter Menschen) als unveräußerlichen Anspruch zugrunde legt." (Krafeld 2001b, S. 325)

Mit dem neuen Leitgedanken der Gerechtigkeitsorientierung erhofft sich Franz Josef Krafeld eine wichtige Präzisierung und Pointierung der Jugendarbeit, deren Akzeptanzbegriff oft missverstanden wurde. Das Postulat der Einmischung für Gerechtigkeit soll die Gefahr des Hinnehmens, Tolerierens oder gar Unterstützens rechter Gesinnungen minimieren. Konkret hebt er folgende Aspekte hervor:

  1. "Wenn Jugendliche im Allgemeinen heute immer größere Schwierigkeiten haben, Orte zu finden, an denen sie sich konfliktarm treffen und aufhalten können, dann folgt daraus in Gemeinden, in denen rechte Szenen eine Hegemonie ausüben oder gar so genannte "national befreite Zonen" geschaffen haben, dass sich Jugendarbeit dort für die Ansprüche derer einsetzen muss, die verdrängt werden - egal, mit welcher Zielgruppe pädagogisch gearbeitet wird.
  2. Die Auseinandersetzung mit den rechtsextremistischen Orientierungsmustern hat nur eine Chance, wenn sie dialogisch auf der Basis wachsender personaler Beziehungen zu den Jugendlichen erfolgt. Der Bezugspunkt Gerechtigkeitsorientierung fördert dabei gleichzeitig ein besonders hohes Maß an Subjekt-, Erfahrungs- und Alltagsorientierung - statt abstraktem Schlagabtausch oder Abwehr provozierender Belehrungsmuster.
  3. Das allgemeine Risiko, im Rahmen von Beziehungsarbeit (bei aller Nähe) nötige Distanz oder Konfrontation zu scheuen, kann durch den expliziten Anspruch, gerechtigkeitsorientiert zu arbeiten , erheblich reduziert werden. Vor allem unvereinbar sind damit Vorstellungen, sich mit den Jugendlichen zu identifizieren, deren Kumpel zu sein oder deren Vertrauen nicht durch Offenheit oder Kritik gefährden zu dürfen.
  4. Gerade, weil Cliquen und Szenen heute für die allermeisten Jugendlichen ungemein wichtig sind, besteht immer wieder die Gefahr, diese pauschal gutzuheißen. Übersehen wird dann freilich, dass sich in ihnen typischerweise natürlich vorwiegend solche Muster reproduzieren, wie sie die jeweiligen Jugendlichen aus ihrem Umfeld kennen - einschließlich dort typischer Muster von Diskriminierung, Unterdrückung und Machtausübung.
  5. Sich für Jugendliche zu interessieren, ihnen zuzuhören, sich auf sie einzulassen, wird bislang längst nicht immer selbstverständlich damit verbunden, sich gleichermaßen (im Rahmen der personalen Begegnung) auch mit sich selbst, mit eigenen Werthaltungen und eigenen Grundüberzeugungen zu konfrontieren.
  6. Eine grundlegende Orientierung auf den Gerechtigkeitsbegriff gibt jener Diskussion um Grenzen und Grenzziehungen, wie sie gerade in der Arbeit mit extrem anstößigen Jugendszenen besonders wichtig ist, ein besonders geeignetes Fundament." (Krafeld 2001, S. 287f)

Mit Blick auf die JugendarbeiterInnen hebt Franz Josef Krafeld zwölf Schlüsselkompetenzen für die Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen hervor:

  1. "Verbindung von pädagogischen und politischen Kompetenzen
  2. Kompetenz zu professioneller Beziehungsarbeit
  3. Kompetenz zur Balance zwischen Nähe und Distanz
  4. Kompetenz zur ‚personalen Konfrontation mit dem tiefgreifend Anderssein' statt z. B.
    • Reduzierung aus Sachauseinandersetzungen
    • Angst vor Konfrontationen
    • Angst vor Vertrauensverlust
  5. Kompetenz, grundlegend andere ethische und politische Orientierungen erlebbar werden zu lassen
  6. Kompetenz, pädagogische Arbeit mit einer konkreten Zielgruppe mit weitreichender Verantwortung zu verbinden
  7. Kompetenz zu dialogischer Kommunikation, d. h.
    • Sich interessieren für den anderen
    • zuhören können
    • sich selbst authentisch einbringen können
    • Austausch und Anregung anstreben statt Besserwisserei
  8. Kompetenz zur Unterstützung und Qualifizierung sozialer Selbstorganisierungsprozesse (kritische Cliquenorientierung)
  9. Kompetenz zur Einmischung in sozialräumliche Umwelten der Jugendlichen
  10. Kompetenz zur Einmischung in das Streben nach anerkannter Geschlechtsidentität (insbesondere bei Männern)
  11. Kompetenz zur Abwehr von Instrumentalisierungsbestrebungen (sei es der Jugendlichen oder Umwelt)
  12. Kompetenz, Grenzziehungen als Lernprovokationen einzusetzen." (Krafeld 2001c, S. 52)

Literatur:

Aechtner, Frieder (2001): Erfahrungen aus der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen und Schlussfolgerungen aus einem beendeten Projekt, in: Pädagogische Konzepte in der Jugendsozialarbeit mit rechten Jugendlichen, Aktuelle Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfe 29, hrsg. v. Verein für Kommunalwissenschaften e. V., Berlin, S. 20-25

Ahlheim, Klaus (1993): Wider den sozialpädagogischen Gestus - Rechtsextremismus als Herausforderung an die Pädagogik, in: Bundeszentrale für politische Bildung/Hessische Landeszentrale für politische Bildung (Hg.): Argumente gegen den Hass. Über Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, Band 2, Bonn, S. 221-227

BMFSFJ (2001) (Hg.): Rechtsextremismus unter Jugendlichen. Auszug aus der Großen Anfrage der Bundestagsfraktionen SPD und Bündnis 90/Die Grünen "Zukunft gestalten - Kinder und Jugendliche stärken", Berlin

BMFSFJ (1994) (Hg.): Neunter Jugendbericht. Bericht über die Situation der Kinder und Jugendlichen und die Entwicklung der Jugendhilfe in den neuen Bundesländern, Bonn

Buderus, Andreas (2001): Glatzenpflege auf Staatskosten?, in: blz-Archiv 6/01

Buderus, Andreas (1998): Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten. Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik, Bonn

Bulletin 1/1999. Schriftenreihe des Zentrum Demokratische Kultur. Keine Akzeptanz von Intoleranz. Grenzen der akzeptierenden Jugendsozialarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen, Berlin

Loick, Daniel (1998): Die falsche Form von Akzeptanz: Akzeptierende Jugendarbeit, in: Schlagloch 2/98

Juso-Unterbezirk Giessen (o. J.): Antrag zur Ablehnung der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen

Kahlke, Jan (2000): Mainstream brauch keine Akzeptanz. Jugendarbeit in der Krise, in: Das Parlament, Nr. 39, 22. September

Korgel, Lorenz (2000): Über die Möglichkeiten und Grenzen in der Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen, in: IDA-NRW (Hg.): Info-Mappe. Jugendhilfe im Umgang mit rechtsorientierten Jugendlichen, Düsseldorf, Teil III, S. 1-3

Krafeld, Franz Josef (2001): Zur Praxis der pädagogischen Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen, in: Wilfried Schubarth/Richard Stöss (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen, S. 271-291

Krafeld, Franz Josef (2001b): Gerechtigkeitsorientierung als Alternative zur Attraktivität rechtsextremistischer Orientierungsmuster, in: Deutsche Jugend, H. 7-8, S. 322 - 332

Krafeld, Franz Josef (2001c): Für die Zivilgesellschaft begeistern statt nur gegen den Rechtsextremismus ankämpfen. Arbeitsmaterialien zum Konzept der gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit. MDA 16, hrsg. von der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz

Krafeld, Franz Josef (1992) (Hg.): Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen, Bremen

Heim, Gunda u. a. (1992): Projekte der Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen - Grundlagen und Erfahrungen, in: Franz Josef Krafeld (Hg.): Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen, Bremen, S. 44-51

Heim, Gunda u. a. (1992b): "Lieber ein Skinhead, als sonst nichts?" - Grundsätze einer akzeptierenden Jugendarbeit in rechten Jugendcliquen, in: Franz Josef Krafeld (Hg.): Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen, Bremen, S. 61-77

Norddeutsche Antifagruppen (o. J.) (Hg.): Kritik an der "Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen", Bremen

Scherr, Albert (2001): Das Problem hat sich trotz Anstrengungen nicht verringert, Interview der Zeitschrift chrismon, Juli 2001

Scherr, Albert (2000): Akzeptierende Jugendarbeit. Arbeitsprinzipien, Erfahrungen und Erfolgsbedingungen, in: Projekt Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit - jugendpolitische und pädagogische Herausforderungen (Hg.): Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit - Aufgaben und Grenzen der Kinder- und Jugendhilfe. Dokumentation zum Hearing des DJI und des BMFSFJ am 13. Januar 2000 in Berlin, Leipzig, S. 9-20

Schubarth, Wilfried (2001): Pädagogische Strategien gegen Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Gewalt - Möglichkeiten und Grenzen schulischer und außerschulischer Prävention, in: Wilfried Schubarth/Richard Stöss (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen, S. 249-270

Simon, Titus (2001): Grundlagen akzeptierender Jugendarbeit - Probleme beim Theorie-Praxis-Transfer, in: Pädagogische Konzepte in der Jugendsozialarbeit mit rechten Jugendlichen, Aktuelle Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfe 29, hrsg. v. Verein für Kommunalwissenschaften e. V., Berlin

Simon, Titus (2001a): Zum Verhältnis von Intervention und Akzeptanz in der Arbeit mit rechten Jugendlichen, in: Was Wann Wo. Informationsdienst und Veranstaltungskalender für die Kinder- und Jugendhilfe, Nr. 1-2/2001, S. 3-9