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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Fahnen

Cfahne Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 verwandelten sich erstmalig ganze Innenstädte in Deutschland in ein Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen. Diese Renaissance der Deutschlandfahne auf deutschen Straßen deuteten manche als ganz normales Phänomen einer Nation, die sich wie jede andere über das Symbol der Nationalflagge in einem internationalen Wettkampf positioniert. Andere sahen darin allerdings eher Anzeichen eines erstarkenden und potenziell gefährlichen Nationalismus. Wie auch immer man diese Entwicklung bewertet - ein Indiz für zunehmendes rechtsextremes Gedankengut war dieses Fahnenmeer nicht: Rechtsextreme in Deutschland bevorzugen andere Fahnen als die schwarz-rot goldene Nationalflagge. Von rechtsextremen Versandfirmen werden vor allem schwarz-weiß-rote und schwarze Fahnen mit verschiedenen Motiven angeboten.

Die schwarz-weiß-rote Reichsflagge ist ein zentrales Sinnbild deutschnationaler Kreise, die sich auf ein "großdeutsches Reich" beziehen bzw. sich dieses zurück ersehnen. Die Farben schwarz-weiß-rot stehen für die antidemokratischen Kräfte während der Weimarer Republik. Hitler schrieb ihnen in "Mein Kampf" einen antisemitischen Bedeutungsgehalt zu: "Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken der Bewegung, im Weiß den nationalistischen und im [schwarzen] Hakenkreuz die Mission des arischen Menschen und [...] der schaffenden Arbeit, die ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird."

F1verbotene ReichkriegsflaggeDie Reichsflagge gehört zu den die rechtsextreme Szene einigenden Symbolen. Zwischen 1867 und 1945 gab es die Fahne in verschiedenen Versionen. Grundsätzlich in Deutschland verboten ist nur die Reichskriegsflagge in der von den Nationalsozialisten abgewandelten Form mit Hakenkreuz auf rot-weißem Hintergrund (1935-1945). Im rechten Handel zu erwerben ist die Flagge ohne zusätzliches Motiv, die Reichkriegsflagge mit Eisernem Kreuz (1933 bis 1935) und die Reichskriegsflagge mit preußischem Adler und dem Eisernen Kreuz oben links (1867-1921).

F5 F6Bei rechten Aufmärschen trifft man zudem auf spezielle Varianten (z. B. Soldatenmotiv mit der Parole "Sie waren die besten Soldaten der Welt" oder "Nationaler Widerstand"). Bei der Genehmigung rechtsextremer Versammlungen haben Polizeibehörden mehrmals das Mitführen der Reichskriegsflagge mit der Begründung untersagt, dass sie von der Mehrheit der Bevölkerung als Provokation und teilweise als Wiedererwachen der Zeit des Nationalsozialismus (NS) empfunden wird.

Die an die Reichsflagge erinnernde Farbkombination schwarz-weiß-rot ist auch in anderen Zusammenhängen zu finden: So gestaltet die NPD ihre Website in den Farben schwarz-weiß-rot. Bei Neonazis sind schwarze Hemden populär, deren Kragen und Ärmel mit weiß-roten Streifen abgesetzt sind.

F7 F8Bei rechtsextremen Aufmärschen dominieren häufig schwarze Fahnen ohne oder mit Motiv. Die schwarze Fahne, die im 16. Jh. in den Bauernkriegen ein Symbol der aufständigen Bauern war, ist insbesondere unter neonazistischen Gruppen beliebt, die sich als "Freie Nationalisten", als "Nationaler Widerstand" oder "Freie Kameradschaften" bezeichnen. Diese organisatorisch wenig gefestigten Vereinigungen entstanden bundesweit nach den 1992 und 1995 ergangenen Verboten diverser neonazistischer Vereine. Führende Mitglieder der "Deutschen Alternative" (DA), der "Nationalen Offensive" (NO), der "Nationalistischen Front" (NF), der "Wiking Jugend" (WJ), der "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP) und der "Nationalen Liste" (NL) schlossen sich nach den Verboten entweder der NPD an oder gründeten neonazistische Gruppierungen ohne feste Strukturen, um eventuellen zukünftigen Verboten zuvorzukommen.

Die Bedeutung der schwarzen Fahne für diese Szene begründete ein Neonazi in dem einschlägigen Szeneblatt "Zentralorgan" wie folgt: "Die schwarze Fahne ist das Symbol der Not in unserem Reich ... Zeichen unserer erbarmungslosen Kampfbereitschaft. Unser gemeinsames heiliges Symbol, für das wir kämpfen, wird erst wieder auf unseren Fahnen prangen, wenn wir dieses System vernichtet haben." Mit dem genannten "heiligen Symbol" ist das Hakenkreuz gemeint, das im "Dritten Reich" erst auf der Reichkriegsfahne und dann auf der roten NS-Flagge flatterte.

F9 F10Schwarze Fahnen erscheinen heute oft mit in der rechtsextremen Szene verbreiteten Symbolen, allen voran mit dem Motiv der sog. "Schwarzen Sonne" und dem Keltenkreuz. Hinzu kommen Varianten wie der "Reichsadler" mit Hammer und Schwert oder mit der Triskele im Hintergrund.

Nicht auf deutschen Straßen, aber auf diversen, über ausländische Server ins Internet gestellte Seiten finden sich zahlreiche Fahnen des NS-Regimes. Über Internet-Vertriebe werden in Deutschland verbotene Flaggen der NSDAP, der Waffen-SS, der Hitlerjugend, der "Leibstandarte Adolf Hitler" u. v. a. m. zum Kauf angeboten.

F11Die Anti-Defamation-League listet in ihrer Zusammenstellung von Hass-Symbolen eine Reihe von Varianten der in Deutschland und manchen anderen Ländern verbotenen NS-Fahne auf, die weltweit in Umlauf sind. Hier tauchen mit der Wolfsangel, der Odal- und Lebensrune und dem Keltenkreuz wieder die in der Szene häufig verwendeten Symbole auf. Derartige Fahnen mit eindeutigen NS-Bezügen treten - zumindest bislang - bei rechtsextremen Aufmärschen in Deutschland nicht in Erscheinung. Der Verzicht dürfte nicht nur in potenziellen Verboten begründet sein. Derartige Anleihen an Nazi-Deutschland stoßen auch in der Bevölkerung weitgehend auf Ablehnung.

F12Am Beispiel der Südstaaten-Flagge verdeutlicht die Anti-Defamation-League die Umdeutung von Fahnen durch US-amerikanische Rassisten und Rassistinnen. Die Fahne war im US-amerikanischen Bürgerkrieg ein Symbol der Konföderierten des Südens und weht auch heute noch als Symbol für den Stolz des Südens von so manchem Gebäude. Rassisistische Gruppen in den USA benutzen sie demgegenüber häufig, um sich für die "weiße" Herrschaft und die Unterdrückung der Schwarzen auszusprechen. Als Alternative zur offiziellen Flagge der USA wird sie zudem von antisemitischen Gruppierungen verwendet, die die US-amerikanische Regierung verschwörungstheoretisch als "jüdisch kontrolliert" deuten.