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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Rechtsextreme Liedermacher und Balladensänger - Zum Beispiel Frank Rennicke

Sie heißen Frank Rennicke, René Heizer (alias Ingo Halberstadt), Jörg Hähnel, Sleipnir oder Annett, treten bei lokalen Kameradschafts-Abenden und Konzerten auf oder touren im Vorfeld von Wahlen für rechtsextreme Parteien quer durch Deutschland. Dass rechtsextreme Liedermacher und Balladensänger in der Szene en vogue sind, zeigte nicht zuletzt die sog. "Schulhof-CD" der NPD, mit der in den letzten Jahren im Vorfeld von Land- und Bundestagswahlen gezielt Erst- und Jungwähler angesprochen werden sollten. Neben mehr oder weniger klassischen Rocksongs enthielten die verschiedenen Auflagen Rockballaden (z. B. der Bands "Faktor Widerstand", "Nordwind", "Sleipnir" und "Agitor") und Protestsongs im Stile von Liedermachern (z. B. von Frank Rennicke, Annett und Funkenflug).

Der bekannteste und erfolgreichste rechtsextreme Liedermacher ist Frank Rennicke, der bis zum Verbot (1994) Mitglied der Wiking-Jugend war und heute der NPD angehört. Frank Rennicke bezeichnet sich selber als "nationaler Barde" und inszenierte sich im Zuge verschiedener Gerichtsverfahren immer wieder als zu Unrecht verfolgter "Musiker für Meinungsfreiheit": Im November 2000 war Rennicke vom Amtsgericht Böblingen wegen Volksverhetzung in acht Fällen und der Verbreitung jugendgefährdender Schriften zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Das Gericht stellte in seiner Urteilsbegründung u. a. fest, dass der Text des erstmals 1986 publizierten und in verschiedenen Versionen verbreiteten "Heimatvertriebenen-Liedes" den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Im Einzelnen wurde dazu Folgendes ausgeführt:

"Während bei der Version [...], die auf den Tonträgern 'Auslese' verbreitet wurde, noch unverhüllt in den Zeilen 'Amis, Russen, Fremdenvölker raus - endlich wieder Herr im eigenen Haus' - [zur Volksverhetzung] aufgerufen wird, geschieht dies in dem Liederbuch abgedruckten Liedtext, in dem nur das Wort "raus" durch Punktierung ersetzt ist, fast ebenso unverhüllt. Aber auch in dem auf den Tonträgern 'Frühwerk Edition Teil 1' verbreiteten Liedtext wird nach Überzeugung des Gerichts zur Gewalt und zur Vertreibung der in Deutschland heimisch gewordenen Fremden aufgerufen. Der Liedtext suggeriert, dass durch den Zuzug von Fremden nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch die Heimat der Deutschen geraubt wurde, ähnlich wie bei der Vertreibung der Sudetendeutschen. Es wird vorgegaukelt, daß die Deutschen nicht Hof mehr, noch Haus noch Feld haben, sondern dies alles von den Fremden erworben wurde und nunmehr der Fremde Herrscher in Deutschland ist [...]. In dem Lied werden alle Nichtdeutschen nicht nur als minderwertig dargestellt, sondern auch ihr Recht, hier in Deutschland zu leben, in Abrede gestellt. Das Lied zielt darauf ab, alle Ausländer aus Deutschland zu vertreiben [...]. Die aus dem Nationalsozialismus bekannte Rassenideologie findet in der Vertreibung aller ausländischen Mitbürger ihren Ausdruck, denn Ausländern wird jegliches Lebensrecht in Deutschland abgesprochen, während nur die Deutschen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zählen. Es wird damit die Wiedererstehung des sogenannten Dritten Reiches propagiert. [...] Im vorliegenden Fall ist festzustellen, daß das unreflektierte Übernehmen des Liedtextes dazu führt, daß der Friede zwischen den Völkern gefährdet wird, denn in dem Text wird die Gewaltanwendung gegen Ausländer propagiert."

Nach Revisionsverfahren wurde Rennicke letztendlich im Oktober 2002 wegen achtfacher Volksverhetzung und wegen Verstoßes gegen das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften zu einer 17-monatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat in den vergangenen Jahren mehrere Musikproduktionen von Frank Rennicke indiziert, d. h. in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen. Die CD "Auslese" wurde z. B. indiziert, weil in den Liedern dazu aufgefordert wird, jeden zu vertreiben, der nicht in das Konzept der NS-Ideen passt, und in den Texten revisionistisches Gedankengut verbreitet wird. Zu den indizierten Produktionen gehören:

  • "Die erlesene Auswahl - Das Beste aus den ersten Jahren" (1997)
  • "Ich bin nicht modern... Ich fühle deutsch" (1997)
  • "Auslese" (1996)
  • "Lieder gegen die Zensur - Schutt" (1995)
  • "Lieder gegen die Zensur- Deutschland" (1994)
  • "An Deutschland" (1994)
  • "Protestnoten für Deutschland" (1994)
  • "Sehnsucht für Deutschland" (1994)
  • "Unterm Schutt der Zeit" (1994)
  • "Wir singen Kampf- und Soldatenlieder" (1994)

Rennecke bedient mit seinem braunen Liedgut ein breites Spektrum der rechtsextremen Szene. Er tritt regelmäßig bei Veranstaltungen der NPD und der "Jungen Nationaldemokraten" auf, sang bei den "Republikanern" und deren Jugendorganisation und bei der "Deutschen Liga für Volk und Heimat". Auf rechtsextremen Internetseiten wie "Radio Germania" wurde eine Art "Hitliste nationaler CDs" geboten, in der Rennicke in einer Reihe mit rechtsextremen Skinhead-Gruppen wie Stahlgewitter, Kraftschlag und Sturmwehr stand. Auf anderen Seiten waren unter dem Titel sog. "Deutsche Liedertexte" zahlreiche Texte von Rennicke und Landser zu finden.

Erklärte Vorbilder des "nationalen Liedermachers" sind bekannte Größen wie Reinhard Mey und Hannes Wader. Diese gewählten Vorbilder bestimmen hörbar die Songs: Wer nicht auf den Text achtet, sondern den Akkorden, dem Versmaß und dem Klang der Stimme folgt, der kann bei bestimmten Liedern deutliche Parallelen etwa zu Reinhard Meys "Über den Wolken" assoziieren. Die Songs haben eine eingängige Melodie und könnten in die Hitliste "Deutscher POP" aufsteigen - wären da nicht die Texte und die mit ihnen intendierten Ziele.

Die teils rührselig-schwülstig, teils kämpferisch vorgetragenen Songs umfassen eine weitreichende Themenpalette von nicht-geehrten Alten und germanischen Ahnen über marschierende Kameraden bis hin zu den Helden des Zweiten Weltkrieges. Immer wiederkehrende Metaphern sind der (deutsche) Wald, Felder und Wiesen (in deutschen Landen), Blut und (Heimat)Boden. Unverblümt rassistische und zu Gewalt aufrufende Parolen, wie sie im Heimatvertriebenen-Lied zu finden sind, werden in den neueren Produktionen vermieden.

Ein in vielen Liedern behandeltes Thema ist die "Deutsche Heimat", die in den Texten von Ostpreußen bis nach Österreich reicht, und die es als Land der Ahnen gegen einen nicht näher konkretisierten Feind zu verteidigen gilt. Dazu zwei Beispiele:

Lied: Über Länder, Grenzen, Zonen:

"1. Über Länder, Grenzen, Zonen
hallt ein Ruf, ein Wille nur,
überall wo Deutsche wohnen,
zu den Sternen dringt der Schwur:
Niemals werden wir uns beugen,
nie Gewalt für Recht anseh´n.
Deutschland Deutschland über alles
und das Reich wird neu ersteh´n.

2. Schlesien uns von Gott gegeben, deutsch-germanisch Heimatland;
[...]
Unser Volk wird nie verzichten, weil´s an heil´ge Rechte glaubt.

3. Deutsch ist Herz und Hirn und Hand und dennoch ist es gescheh´n,
daß Ostpreußen, Du deutsches Land, konntest in die Hand des Feindes übergehen.
Seit über 40 Jahren geknechtet, verblutest Du jeden Tag ein wenig mehr,
Lumpen haben Dich entrechtet, doch wir geben Dich niemals her.

4. [...]

5. Ob Breslau, Thorn und Danzig, ob Posen, Gleiwitz und Stettin.
Ob Chemnitz, Bromberg und Leipzig, ob Bozen, Königsberg und Wien.
Alles sind sie deutsche Städte und liegen in deutschem Land,
geraubt durch Verbrecherräte, geschändet jeder deutsche Stand."


Lied: Der Väter Land (u. a. erschienen auf der gleichnamigen CD und der CD "hautnah")

"Sieh, Kind, das Land sich weiten
bis hin zum Himmelsrand -
[...]
Es ist der Väter Land - es ist der Väter Land!
[...]
Du liebstes Land der Welt - Du liebstes Land der Welt!
Dein Ahne hat´s erschlossen
im nimmermüden Fleiß,
hat herzhaft es genossen,
in Mühe, Blut und Schweiß - in Mühe, Blut und Schweiß!
[...]
In dunklen Wettertagen
steh´ aufrecht wie ein Stein!
Und sollt´ein Feind es wagen,
du sollst ihm trotzig sagen:
Hinweg - dies Land ist mein -
Hinweg - Deutschland ist mein!"

Ein zweites wichtiges Thema im Repertoire Rennickes sind die Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Diese Loblieder enthalten Passagen, die unweigerlich Assoziationen zur Kampagne der NPD und anderer rechtsextremer Gruppen gegen die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung auslösen. Dies dürfte auch intendiert sein: Rennicke erstattete im April 1997 Strafanzeige gegen die Veranstalter der Ausstellung wegen Volksverhetzung sowie Verleumdung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Als Enkel ehemaliger Wehrmachtsangehöriger, so schrieb er in seiner Begründung, durchlebe er "eine ohnmächtige Betroffenheit über diese Aufhetzungen". Dazu zwei Beispiele:

Lied: Die besten Soldaten der Welt

"Und mag man auch über uns wettern, beschimpft uns "reaktionär",
wir werden ins Ohr euch nun schmettern, das Lied, das längst fällig wär.
Man hat unsere Väter verraten und sie als Verbrecher entstellt,
doch sie waren die besten Soldaten, die besten Soldaten der Welt.
[...]
Wir werden sie niemals verraten, nicht einmal für Wohlstand und Geld,
denn sie waren die besten Soldaten, die besten Soldaten der Welt."

 

Lied: Heldengedenken

"Sie liegen im Westen und Osten.
Sie liegen in aller Welt -
[...]
Sie liegen verscharrt und versunken,
im Massengrab und im Meer.
Aber es leben Halunken,
und die ziehen noch über sie her!
[...]
Sie waren nicht ausgezogen um Beute und schnöden Gewinn.
Was heute verlacht und verlogen, es hatte für sie einen Sinn!
[...]
Sie haben ihr Leben und Sterben dem Vaterland geweiht.
Und wußten nicht, welchen Erben - und welcher Erbärmlichkeit."

Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.9.2001 stritten deutsche Rechtsextreme darüber, welches ihrer gängigen Feindbilder Vorrang habe: Sollten die Anschläge als Kampf gegen die verhassten Amerikaner interpretiert werden oder waren sie als Beweis zu verstehen, dass der Islam auch den Deutschen den Krieg erklärt hat und die multikulturelle Gesellschaft eine gefährliche Illusion ist?
"Kein deutsches Blut für fremde Interessen!", so hieß die entschiedene Parole zum Beispiel auf Internetseiten deutscher Neonazis. Auch die NPD schlug sich auf die Seite des Antiamerikanismus und forderte in einer Presseerklärung, alle Auslandseinsätze der Bundeswehr zu stoppen. Diese antiamerikanische Fraktion bedient Frank Rennicke bereits seit langem. Ein Beispiel:

Lied: Die Deutschen soll´n marschieren - das Blauhelmlied

"Die Deutschen soll´n marschieren,
die Deutschen soll´n krepieren,
für allerwelts Profit,
und tragen Helm und Gewehre
für fremden Ruhm, fremde Ehre.
[...]
Tragt eure Helme und Gewehre
Für eigenen Schutz und Volkes Ehre,
wir Deutschen fordern, wir stimmen ein,
wir werden´s schreien!
Wir werden nicht Amerikas Söldner sein. ...
NIEMALS!"

"An Konzerten etwa eines Frank Rennicke [...] besteht großes Interesse in Skinheadkreisen." - so eine Feststellung des Verfassungsschutzes NRW im Jahr 2001.(1) Diese Einschätzung ist auf den ersten Blick erstaunlich, weil mit Gitarre vorgetragene "nationale Lyrik" à la Rennicke sicher nicht dem üblichen Musikgeschmack von Rechtsextremen entspricht. Dass auch Liedermacher im Trend liegen, ist vor allem in den transportierten Themen und Inhalten begründet. Mit nationalistischen Liedern können sich auch rechtsextreme Skinheads identifizieren. Die Glorifizierung von Personen des Nationalsozialismus und gemeinsame Kampagnen wie etwa für den angeblichen "Friedensflieger Rudolf Hess" eint die Szene. Dementsprechend haben sowohl Liedermacher wie Rennicke als auch RechtsRock-Bands wie "Landser" Loblieder auf Rudolf Hess in ihrem Programm. Die von Rennicke transportierte rechtsextreme Propaganda ist lediglich ausführlicher als die von "Landser".

In Rennickes Lied "Damals im Mai - Rudolf Hess", das in fünf Strophen Geschichtsklitterung und Verschwörungstheorien verbreitet, heißt es zum Beispiel:

"1. Damals im Mai - die Flugmotoren dröhnten -
er suchte Rettung für sein Vaterland;
für ganz Europa wollte er den Frieden bringen,
doch Churchills Clique schürt den Wellenbrand, den Wellenbrand.
Damals im Mai - die Flugmotoren dröhnten -
Hess startete zum Flug nach Engeland;
Doch die Engländer, sie wollten ihn nicht hören,
sperrten ihn ein, für immer kurzerhand, kurzerhand.
Mit Rudolf Hess ist uns ein Held geboren,
er ist uns Lehrer, Vorbild und Garant!
Die deutsche Jugend sollt´ alles von ihm hören,
damit Wahrheit und Lüge leicht erkannt, leicht erkannt!
[...]
Doch als der Ruß´ die Freiheit wollte wagen, aus England kam die Mörderhand,
Der Greis sollte die Wahrheit nie mehr sagen, zum Wohle für´s deutsche Vaterland!
[...]
Nicht mal das Grab des Helden darf man ehren, weil es der Sieger Art und Wille ist.
Doch wir wollen immer Stolz sein Erbe lehren, bis der Tag kommt er allen Vorbild ist!"

Bei der rechtsextremen Band "Landser" wird im Lied "Rudolf Hess" auf der CD "Rock gegen Oben" folgendes getextet:

"46 Jahre hinter Kerkermauern
Für ihn gab´s keine Gnade und kein Bedauern
Niemand ist je so gepeinigt worden
Um ihn am Ende dann auch noch zu ermorden.

Refrain: Rudolf Hess - dein Glaube war stärker als Kerker und Schmerzen
Rudolf Hess - du lebst weiter in unseren Herzen
Er flog nach England, um den Frieden zu retten
Doch dafür legten sie ihn in Ketten
Doch seinen Stolz konnten sie nicht brechen
Und die Geschichte wird ihn einst rächen!

Seht ihr ein Bild von jenem alten Mann
Dann schaut es euch ruhig etwas länger an
Und schwört euch dann euer ganzes Leben
Für seine Mörder kein Vergeben!"

 

Anmerkung:

(1) Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): Skinheads und Rechtsextremismus. Instrumentalisierung einer jugendlichen Subkultur, 4. überarb. Aufl., Düsseldorf 2001

Online-Literatur zum Thema:

Fahr, Margitta: Frank Rennicke - Der "nationale Barde", in: PopSkriptum 5 - Rechte Musik (Schriftenreihe, hrsg. vom Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität zu Berlin), Berlin 1995, S. 116-137