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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Rechtsextreme Tendenzen in der Dark-Wave- und Gothic-Szene

Die sog. "schwarze" Musikszene entstand in den 1980er Jahren in Großbritannien als Weiterentwicklung der düsteren, resignativen Inhalte von Punk und New Wave. Die Gothic-Szene kristallisierte sich insbesondere aus jenem Teil der Punks heraus, der sich im Gegensatz zur rebellischen Mehrheit durch einen Hang zu Introvertiertheit und Nachdenklichkeit auszeichnete. Das vielseitige Spektrum der Musikstile reicht vom Industrial bis zum Neofolk, von moderner Elektronik bis zur Akustik-Gitarre und von lärmend hart bis soft und eingängig. Mythische, esoterische und heidnische Elemente der Szene gelten als potentielle Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Ideologien. Darüber hinaus hat ein Teil der Gothics ein elitäres, auf sozialdarwinistischen Prinzipien beruhendes Selbstverständnis.

Ab Mitte der 1980er und verstärkt in den 1990er Jahren wurden rechtsextreme Tendenzen in der Szene deutlich, als Bands NS-Symboliken aufgriffen und sich positiv auf rechtsextreme Vordenker (vor allem aus dem Umkreis der Neuen Rechten) bezogen. Als ein internationales Vorbild für die rechtsextreme Variante fungiert die 1981 gegründete britische Neo-Folk-Band "Death in June", deren Name für den Todesmonat des SA Führers Ernst Röhm steht. Die Band bekennt sich zur Nordischen Mythologie und heidnischen Runenlehre und erklärte in der Szene bekannte Okkultisten und rechtsextreme Autoren zu ihren Vorbildern. Sie wurde - nicht nur in Deutschland - insbesondere mit ihrer Vertonung des "Horst-Wessel-Liedes" populär. Ende 2005 wurde die CD "Rose Clouds of Holocaust" von "Death in June" (Erstveröffentlichung 1995) von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. Die CD darf damit in Deutschland unter 18-Jährigen nicht mehr zugänglich gemacht werden. Zudem ist eine öffentliche Werbung unzulässig. Andere international bekannte rechtsextreme Bands sind "Allerseelen" (Österreich), "Blood Axis" (USA), "Kadmon" (Österreich) und die personell eng mit "Death in June" verbundene britische Band "Sol Invictus".

In der Bundesrepublik gilt Josef Klumb als ein wesentlicher Protagonist des rechtsextremen Spektrums. Er gründete 1990 die vierköpfige Band "Forthcoming Fire" aus Bingen am Rhein, war Mitglied der Bands "Von Thronstahl" und "Preussak" und Sänger und Texter der Gruppe "Weissglut". Seine Gesinnung offenbarte er Mitte der 1990er Jahre in verschiedenen Interviews, die sowohl in Musik-Magazinen der Szene als auch in der rechtsintellektuellen Wochenzeitung "Junge Freiheit" veröffentlicht wurden. So warnte er vor "ethnischer Gleichmachung", er sprach über die "Liquidierung von Rudolf Heß" und formulierte Aussagen zum Zionismus mit verschwörungstheoretischen Bezügen. Befragt nach dem CD-Titel "Illumination" von "Forthcoming Fire" führte er im Szeneblatt "Gothic" (23/1995) z. B. aus: "Ganz im Groben gesagt, sind Illuminaten [...] all jene Kräfte, welche die Leuchtkraft des wirklichen Wissens [..] der Welt und Menschheit vorenthalten, um diese zu einer Sklavenrasse mutieren zu lassen. [...] Das Gesicht dieser kommenden Herrschaft drückt sich aus durch die UNO, NATO, Weltbank, Zionismus, durch einige unserer Volksvertreter, Hochfinanz und Weltwirtschaft. Für uns Wissende hat es Gestalt angenommen, bis ins Detail."

Josef Klumb hatte enge Kontakte zur Redaktion der "Jungen Freiheit", veröffentlichte Gedichte in der rechtsextremen Zweimonatszeitschrift "Sleipnir" und engagierte sich über Jahre in dem rechtsextremen "Verlag und Agentur Werner Symanek" (VAWS). In dem vom VAWS herausgegebenen Sampler zu Ehren der Filmregisseurin Leni Riefenstahl war er beispielsweise mit drei Bands neben rechtsextremen Gruppen wie "Swirling Swastikas" (wirbelnde Hakenkreuze), "Strengh through Joy" (Kraft durch Freude), "Allerseelen" und "Death in June" vertreten. Außerdem soll er das Booklet mit Pfeil- und Runensymbolik des italienischen Faschismus sowie dem Symbol der "Schwarzen Sonne" verziert haben. Letzeres gilt als ein Synonym für die mystisch-okkulte Seite des Nationalsozialismus. Bildlicher Ausdruck der "Schwarzen Sonne" ist das 12-speichige Sonnenrad, dass sich als Bodenmosaik in der Wevelsburg (ehemalige Kultstätte der SS bei Paderborn) befindet und in der rechtsextremen Szene als Logo oder Designelement weit verbreitet ist.

Die Musikproduktionen von Klumb bzw. der Bands "Forthcoming Fire" und "Weissglut" weisen im Gegensatz zu Produktionen rechtsextremer Skinheads und Liedermacher keine konkreten Bezüge zu rechtsextremen Kampagnen oder Gruppierungen auf. Viele Texte beschwören vielmehr in einer hochgradig symbolhaften Sprache Weltschmerz und apokalyptische Ahnungen und zeichnen mit immer wieder kehrenden Dualismen wie Schwarz-Weiß, Dunkel-Licht und Leben-Tod ein Weltbild, in dem Menschen nicht näher konkretisierten übernatürlichen Kräften ausgeliefert sind. Deutliche rechtsextreme Bezüge offenbaren sich allerdings in der bereits erwähnten Symbolik der "Schwarzen Sonne". So wird in dem Lied "Nicht von dieser Welt" das düstere Bild einer sinnentleerten Welt entworfen, die durch die Kraft der "Schwarzen Sonne" zerstört werden muss:

Lied: "Nicht von dieser Welt" (Weissglut-CD: "Etwas kommt in deine Welt")

"Es brennt wie Schweiß in meinen Augen
Dies Salz ist nicht von dieser Welt
Die Sonnentempel sind geschändet
Worte leer und sinnentstellt
Ein Geschmack von blankem Eisen
Dies Salz ist nicht von dieser Welt

Du musst brennen
Schwarze Sonne
Diese Nacht ist endlos lang
Du musst brennen
Schwarze Sonne
Diese Welt kennt kein Erbarmen"

Anfang 1999 trennte sich die Band "Weissglut" von ihrem Sänger und Texter. Josef Klumb, so hieß es in der Begründung, habe die ihm mehrfach vorgeworfene Anschuldigung, rechtsradikales Gedankengut zu vertreten, nicht ernsthaft entkräften können. Mit diesem Rauswurf waren die Aktivitäten von Klumb in der rechtsextremen Musikszene aber nicht beendet. Er konzentrierte sich wieder auf die Gothic-Band "Von Thronstahl" und textete für die Black-Metal-Band "Absurd" des Neonazis Hendrik Möbus das Lied "Sonnenritter".

Die skizzierten rechtsextremen Tendenzen in der Dark-Wave-/Gothic-Szene haben bereits vor einigen Jahren in der Szene eine Gegenbewegung ausgelöst. So informierten die Initiativen "Grufties gegen rechts" (Bremen) und "Gothics gegen Rechts" (Berlin) über rechtsextreme Unterwanderungsversuche, über Bands, die mit rechtsextremen Ideologien und Symbolen kokettieren, und über Hintergründe rechtsextremer und völkischer Tendenzen in der Szene. Dass diese Information und Sensibilisierung einer sich mehrheitlich als unpolitisch verstehenden Szene notwendig ist, belegte nicht zuletzt eine Online-Umfrage der "Gothics gegen rechts", an der sich bis Dezember 2001 fast 1300 Personen beteiligten: "Glaubst du, dass es rechte Tendenzen in der Gothic-Szene gibt und stört dich das?" Auf diese Frage antwortete zwar eine Mehrheit (48 %) "Ja, und es stört mich." Gleichzeitig bekundete aber auch ein Drittel (34 %): "Ja, stört mich aber nicht."

 

Online-Literatur zum Thema:

Schobert, Alfred: Auf Teufel komm raus. Die "schwarze Szene" - eine Jugendsubkultur zwischen Medienklischees, neokonservativer 'Wertekulturpolitik' und rechtsextremen Vereinnahmungsversuchen, in: Deutsche Lehrer-Zeitung, 19-20/1997, S. 9

Schobert, Alfred: Geheimnis und Gemeinschaft. Die Dark-Wave-Szene als Operationsgebiet 'neurechter' Kulturstrategie, in: Cleve, Gabriele/Ruth, Ina/Schulte-Holtey, Ernst u. a. (Hg.): Wissenschaft macht Politik. Intervention in aktuelle gesellschaftliche Diskurse, Münster 1997, S. 384-395

Schobert, Alfred: Graswurzelrevolution von rechts? Zum Versuch jüngerer Vertreter der "Neuen" Rechten, in der Dark-Wave-Szene Fuß zu fassen, Duisburg 1998

Tandecki, Daniela: Nachtsaiten der Musik. Grauzonen und Braunzonen in der schwarzen Musikszene, Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2000

Zimmermann, Oliver: Ideologie einer Jugendkultur am Beispiel der Gothic- und Darkwave-Szene, Diplomarbeit, Berlin 2000