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Rechtsextremismus - War da was?

Informationen zur extremen Rechten in NRW und Anregungen für die pädagogische Praxis, Düsseldorf 2012

Reader des IDA-NRW

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(Auszug)

Überblick Nr. 3, September 2012

Schwerpunkt: Opferperspektive

Überblick_3-12

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Frauen in der rechtsextremen Szene

Um die quantitative Beteiligung von (jungen) Frauen in den verschiedenen Bereichen des Rechtsextremismus zu veranschaulichen, hat Renate Bizan das Bild einer Pyramide entworfen. Dieses Bild verdeutlicht, dass Frauen in den verschiedenen Dimensionen unterschiedlich stark involviert sind:

  • Frauen und RechtsextremismusAn der Spitze der Pyramide stehen rechtsextrem motivierte Straf- und Gewalttaten. Hier sind Mädchen und Frauen nach Schätzungen mit einem Anteil von bis zu zehn Prozent vertreten. Besonders gering ist die Beteiligung von Frauen an direkter körperlicher Gewalt. Unterhalb dieser Schwelle körperlicher Gewalt sind Frauen auf unterschiedliche Weise an rechtsextremen Übergriffen beteiligt: Sie klatschen Beifall bei Gewalttaten männlicher Gruppenmitglieder, verschaffen Gewalttätern Alibis und üben indirekte Formen der Gewalt aus (z. B. Auskundschaftung von Anschlagszielen, Sachbeschädigung aus sicherer Entfernung, Verschickung von Drohbriefen). Hinzu kommen rassistische Beleidigungen, Volksverhetzung, und die ganze Palette der sog. Propagandadelikte (z. B. Hakenkreuz-Schmierereien, das Zeigen des Hitler-Grußes).
  • Selbstauskünfte der Parteien bzw. Schätzungen von Fachleuten zum Mitgliederanteil von Frauen im organisierten Rechtsextremismus weisen eine hohe Spannbreite von knapp zehn bis gut 30 Prozent auf. So behauptete die DVU z. B., dass ein Drittel ihrer Mitglieder Frauen seien, während Fachleute zum gleichen Zeitpunkt davon ausgingen, dass in der DVU mit allenfalls zehn Prozent besonders wenig Frauen organisiert sind (Köttig 2002; Fromm/Kernbach 2002). Glaubt man den Eigenangaben der NPD, so ist der Frauenanteil kontinuierlich angestiegen. „Wie hoch der exakte Frauenanteil in der NPD aber liegt, wird nur vage mitgeteilt. Drei Zahlenangaben kursieren: 15, 22 oder 27 Prozent." (Röpke 2007) Die genannten Zahlen müssen in Beziehung gesetzt werden zum allgemeinen politischen Organisationsgrad von Frauen: Auch in den etablierten Parteien sind deutlich weniger Frauen als Männer organisiert: CSU 19 Prozent, FDP 23 Prozent, CDU 25 Prozent, SPD 31Prozent, Grüne 37 Prozent, Linke Prozent % (Statistisches Bundesamt 2008). Dies gilt ebenso für Führungspositionen. Schätzungen zufolge sind rechtsextreme Frauen zu etwa 20 Prozent an Funktionen in Bundes- und Landesverbänden vertreten. Bekannte Namen aus dem Spektrum der NPD sind z. B. Stella Hähnel, Ricarda Riefling oder Gitta Schüssler, die Mitglieder des Bundesvorstandes der NPD, Kandidatinnen bei Wahlen oder Vorstandsmitglieder der NPD-Frauenorganisation RNF sind bzw. waren.
  • In der Neonazi-Szene nehmen Frauen selten eine führende Stellung ein. Aber es gibt auch hier Ausnahmen: So reaktivierte Daniela Wegener als „Kameradschaftsführerin" Ende der 1990er die Neonazi-Szene im Sauer- und Siegerland und machte diese zu einer der aktivsten Gruppen in NRW. Sie kandidierte als „Parteifreie" bei der Landtagswahl 2005 für die NPD, ist eine akzeptierte Rednerin auf NPD-Veranstaltungen und eine Ansprechpartnerin für den Teil der „freien Kameradschafts"-Szene, der mit der NPD kooperiert. Ein anderes Beispiel ist die „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG), eine 1979 in Frankfurt/M. von Neonazis gegründete Organisation mit etwa 550 Mitgliedern, die inhaftierte Gleichgesinnte unterstützt und Rechtsextreme auch in der Haftzeit auf Linie halten will. 1991 übernahm Ursula Müller aus Mainz den Vorsitz der Organisation. Die 1933 geborene Müller gehört zu den wenigen Frauen in Deutschland, die sich über Jahrzehnte aktiv am Aufbau neonazistischer Strukturen beteiligt haben.
  • Rechtsextreme Parteien werden deutlich weniger von Frauen gewählt als von Männern. Als Faustregel gilt, dass sich die Wählerschaft rechtsextremer Parteien in Deutschland (NPD, DVU, REP) zu annähernd Zweidritteln aus Männern zusammensetzt. Bei allen anderen Parteien ist das Wahlverhalten von Frauen und Männern sehr viel ausgeglichener. Dieses auffällige geschlechtsspezifische Wahlverhalten zeigt sich seit Jahren nahezu unverändert bei allen Wahlen: Bei der Bundestagswahl 2005 wählten 2,2 Prozent der Männer und 0,9 Prozent der Frauen die NPD. Die Republikaner wurden von 0,7 Prozent der Männer und von 0,4 Prozent der Frauen gewählt. In Sachsen kam die NPD bei der Landtagswahl 2009 bei Frauen auf einen Anteil von 4 Prozent, bei Männern hingegen auf 8 Prozent. Bei der Landtagswahl 2009 in Thüringen wählten 3 Prozent der Frauen und 7 Prozent der Männer die NPD.
    Dass Frauen sich weniger als Männer für rechtsextreme Parteien entscheiden, ist weder neu noch ein besonderes bundesdeutsches Phänomen. Doppelt so viele Männer wie Frauen wählten die rechtsextreme Sozialistische Reichspartei (SRP) Anfang der 1950er Jahre und die NPD in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre (Ottens 1997, S. 167). In einer vergleichenden Untersuchung von rechtsextremen Parteien in Frankreich, Italien, der Slowakei, Tschechien und Österreich wird festgestellt: „Für alle Parteien gilt, dass sie nach wie vor deutlich weniger von Frauen als von Männern gewählt werden, wenngleich es hier teilweise zu beträchtlichen Annäherungen kommt." (Amesberger/Halbmayr 2002, S. 410)
  • Im Großen und Ganzen stimmen die Forschungsergebnisse der letzen Jahr(zehnt)e darin überein, dass es keine großen Unterschiede im Ausmaß rechtsextremer und rassistischer Einstellungen zwischen Frauen und Männern gibt. So konstatierte bereits die Sinus Studie als große repräsentative Umfrage der 1980er Jahre: „Wir können davon ausgehen, dass Frauen und Männer gleichermaßen anfällig bzw. unerreichbar für rechtsextreme Ideologie sind." (Sinus-Studie 1981, S. 87) Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme: Deutliche geschlechtspezifische Unterschiede zeigen Umfragen und Forschungsergebnisse immer dann, wenn Rechtsextremismus mit Gewalt(akzeptanz) verknüpft wird, weil die Zustimmung von Frauen zu Gewalt in allen Untersuchungen deutlich geringer ausfällt als bei Männern. So ergab eine dementsprechend konzipierte Fallstudie von Ursula Birsl (1994) rechtsextreme Orientierungen bei rund 17 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen, aber nur bei neun Prozent der jungen Frauen. Noch deutlichere geschlechtsspezifische Unterschiede dokumentierte eine 1993 in NRW durchgeführte repräsentative Befragung (Rechtsextremismus und Gewalt 1994) von rund 1.000 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren, in der Rechtsextremismus mit der Bereitschaft zu Gewalt verknüpft wurde. Fast jeder zehnte Jugendliche dieser Altersgruppe verfügte demnach über ein rechtsextremes Weltbild, d. h. er hasste "Ausländer", verachtete Homosexuelle und Behinderte, hielt Adolf Hitler für einen respektablen Mann und den Nationalsozialismus für eine gute Sache und würde seine Gesinnung auch mit Gewalt durchsetzen. „Rechte Hardliner" in diesem Sinne waren 7,5 Prozent der männlichen Jugendlichen, aber nur 2,5 Prozent der jungen Frauen.

Wie ist die Diskrepanz zwischen Wahlverhalten und Einstellungsmustern zu erklären? Warum zeigen Frauen, die ähnlich rassistisch und rechtsextrem denken wie Männer, bei Wahlen eine größere Zurückhaltung gegenüber rechtsextremen Parteien? Hinsichtlich dieser Frage fehlen bislang gesicherte Forschungsergebnisse. Zur Erklärung der Diskrepanz gibt es aber eine Reihe von Hypothesen:

  1. Frauen haben eine größere Distanz zur institutionalisierten Politik bzw. sind in rechtsextremen Parteien weder als Mitglieder noch in Führungspositionen angemessen repräsentiert.
    Dieses Argument ist insofern nicht ganz überzeugend, als Frauen auch in Parteien der bürgerlichen Mitte nicht ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend vertreten sind. Bei der Wahl etablierter Parteien zeigen sich allerdings keine so gravierenden geschlechtspezifischen Unterschiede.
  2. Frauen neigen generell weniger dazu, politisch extreme Parteien zu wählen. Beispiele beziehen sich auf die NSDAP, KPD oder die NPD. Als Beleg wird etwa angeführt, dass die NSDAP erst dann genauso häufig von Frauen und Männern gewählt wurde, als diese an der Macht war und quasi zur "Normalität" geworden war. In den 1960er Jahren wurde diese Beobachtung mit einer stärkeren religiösen Bindung von Frauen oder "weiblicher Irrationalität" zu erklären versucht. Heute wird die relative Distanz von Frauen zumeist aus geschlechtsspezifischen Sozialisationserfahrungen hergeleitet, die dazu führen, dass sich Frauen eher konsensorientiert verhalten. Diese Perspektive legt den Schluss nahe, dass Frauen in ihrem Stimmverhalten nachziehen, wenn extreme Parteien salonfähig werden.
    Derartige Begründungsansätze beruhen mehr oder weniger auf Geschlechterstereotype, die Frauen bzw. Männern bestimmte Fähigkeiten zuweisen, d. h. sie beinhalten die Gefahr der Pauschalisierung.
  3. Nach Analysen von Richard Stöss wählen Menschen rechtsextreme Parteien, die z. B. mehr zu Expansionismus und Gewalt neigen. Da Frauen Gewalt wie auch expansive Formen des Nationalismus deutlicher ablehnen als Männer, sind sie weniger bereit, ihre Stimme rechtsextremen Parteien zu geben.
    Dieses Argument wurde bislang nicht widerlegt. Fraglich bleibt allerdings, ob dieses Merkmal für das Wahlverhalten entscheidend ist.
  4. Das Programm rechtsextremer Parteien ist hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses traditionell und nur wenig auf die heutigen Vorstellungen von Frauen und ihre Lebensverhältnisse zugeschnitten. Eine Untersuchung über Frauen bei den Republikanern ergab, dass nur etwa die Hälfte der weiblichen Mitglieder mit den familien- und frauenpolitischen Positionen ihrer Partei einverstanden ist (Büchner 1995).
    Hinsichtlich dieser Argumentation gibt es auch die gegenteilige These. Demnach kann das traditionelle Frauenbild rechtsextremer Parteien für Frauen attraktiv sein, da die Rolle als Hausfrau und Mutter aufgewertet wird und Frauen von der Doppelbelastung in Familie und Beruf befreit werden.

Beteiligungsformen von Frauen im rechtsextremen Spektrum

In der politischen und wissenschaftlichen Diskussion von Rechtsextremismus waren Frauen lange überhaupt kein Thema und bis heute werden sie oft nur als „Freundin" rechtsextremer Männer wahrgenommen. Sicherlich gibt es diese jungen Frauen, die über einen neuen Freund Kontakte zu rechtsextremen Gruppen finden. Häufig sind es aber auch Freundinnen und Geschwister, die den ersten Kontakt herstellen. Die Motive für eine Annäherung und insbesondere für den Verbleib in der Szene sind in der Regel vielschichtiger und reichen von dem Gefühl, wichtig zu sein, über Action und Rebellion bis hin zum Ausleben rassistischer Einstellungen.

Die in den 1990er Jahren dominante rechtsextreme Skinhead-Szene wirkte mit ihrem Chauvinismus, Koma-Saufen und aggressivem männlichen Imponiergehabe auf viele junge Frauen eher abschreckend. Die Pluralisierung des rechtsextremen Lifestyles und der Bedeutungsverlust der rechtsextremen Skinhead-Subkultur erleichtert hingegen Frauen den Einstieg in die Szene. Eine rigide Kleiderordnung zwischen Renee-Frisur oder BDM-Zöpfen gibt es nicht mehr und in vielen verschiedenen Musikrichtungen (DarkWave-, Black Metal-, Techno- und Hardcore-Szene) gibt es Angebote mit rassistischem und völkischem Gedankengut. Darüber hinaus werben rechtsextreme Organisationen von der NPD bis zu Pro-NRW vermehrt um Frauen.

Was macht die Szene attraktiv für Frauen? Die Sozialwissenschaftlerin Renate Bitzan nennt eine Reihe allgemeiner und geschlechtsspezifischer Motive, die bei Einstiegen in die rechtsextreme Szene bedeutsam sein können:

„Generell - und das ist geschlechter-unspezifisch - kann man davon ausgehen, dass immer mehrere Faktoren zusammentreffen, damit sich jemand der rechten Szene zuwendet: die allgemeine Ebene der politischen Kultur, der Diskurse, also was denk- und sprechbar ist, welche politischen Deutungsmuster kursieren usw.; dann die Ebene des sozialen Umfelds, die Gelegenheitsstrukturen vor Ort, z. B. ob eine rechte Clique im Umfeld präsent ist oder eine beeindruckende Person, die rechte Inhalte vertritt usw.; und als drittes die biographische Disposition, also ob in der Familien und/oder Lebensgeschichte der Person unbewusst bestimmte zentrale Themen wirken, die Anknüpfungspunkte zu rechten Inhalten oder Milieus bieten. Nur wenn alle drei Ebenen zusammentreffen, so nehme ich an, ist eine Hinwendung zur extremen Rechten wahrscheinlich.

Zur spezifischen Motivation von Mädchen und Frauen gibt es einige Thesen: Für einige - aber sicher nicht für die Mehrheit - mag ein traditionalistisches Frauenbild attraktiv sein. Die Aufwertung der Mutterrolle verspricht Entlastung, wenn die ‚doppelte Vergesellschaftung', also die gleichzeitige familiäre ‚Erfolgserwartung' als belastend empfunden wird. Für die meisten jungen Frauen, auch für die rechten, ist allerdings die Doppelstrategie ganz selbstverständlicher Teil ihres Lebensentwurfes. Ein anderes Motiv sehen manche Forscherinnen in der ‚Ethnisierung von Sexismus'. Der erlebte Sexismus, etwa in Form sexueller Übergriffe innerhalb des Verwandten- oder Bekanntenkreises, wird nicht als Konflikt ausgetragen, sondern aus der ‚Wir'-Gemeinschaft herausdefiniert und z. B. auf migrantische Männer projiziert. So wird die ‚Eigengruppe' geschont und zugleich über den vermeintlich sexistischeren ‚ethnisch Anderen' stabilisiert und aufgewertet. Gruppen, die solche Deutungsmuster regelmäßig bedienen und innerhalb derer diese ‚Ethnisierung von Sexismus' gut ausgelebt werden kann, sind dann attraktiv.

Oft sind es aber auch andere Personen, eine interessante Freundin oder ein ‚cooler Typ', die Mädchen und Frauen zum Einstieg bewegen. Oder die Zugehörigkeit zu einer ‚starken' Clique bedient Machtwünsche, die gerade Mädchen und Frauen sonst schwerlich realisieren können. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass die Hemmschwelle, in eine rechte Organisation einzutreten, für Frauen zunehmend sinkt, je mehr Frauen dort sichtbar aktiv sind." (Nationaler Feminismus?, Lotta, 28/2007, S. 23f.)

Die Sphäre der öffentlichen Politik und insbesondere die gewaltsame Austragung ihrer Ansichten überlassen auch rechtsextreme Frauen tendenziell eher den Männern - insofern agieren die meisten Frauen im Hintergrund und als Unterstützerinnen ihrer in der rechtsextremen Szene aktiven Partner. Daneben gibt es aber auch die aktiven Frauen und „Macherinnen" die für die Szene von großer Bedeutung sind.

Die Betätigungsfelder von Frauen im Rechtsextremismus reichen von den (ideologisch noch nicht gefestigten) Mitläuferinnen über die Polit-Aktivistinnen und „Straßenkämpferinnen" bis hin zu den Kaderfrauen in Parteien und im ideologischen Umfeld (Medien, Musik, Rechtsberatung, Sanitätsdienst etc.). Entsprechend vielfältig sind die Aktivitäten und Beteiligungsformen, zum Beispiel:

  • Anmietung von Räumen für Veranstaltungen (Konzerte und andere Versammlungen)
  • Unterstützung von Aktivitäten wie Wahlkämpfe, Internetforen, Demonstrationen etc. aus dem Hintergrund
  • Beteiligung an Organisationen (Ordnerinnen, Besetzung von Schleusungspunkten bei informellen Konzerten, Sanitätsdienste, Familien- und Kinderfeste)
  • Betreiben von Infoständen, Verteilung von Flugblättern, Versand von Info-Material, Spendensammlungen
  • Beteiligung an Demonstrationen und Aufmärschen, auch „in der ersten Reihe"
  • Betreiben von Gaststätten, Szene-Shops, Buchläden und Versandfirmen
  • „Anti-Antifa"-Aktivitäten wie gezielte Besuche von Veranstaltungen des politischen Gegners und Mitarbeit bei sog. Anti-Antifa-Listen
  • Unterstützung für inhaftierte Rechtsextreme und deren Familien (z. B. über die „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene")
  • Engagement für „germanisches Heidentum und Brauchtumspflege" (z. B. in der „Artgemeinschaft" oder in der 2009 verbotenen „Heimattreuen Jugend")
  • Beratung in juristischen Fragen (z. B. über das „Deutsches Rechtsbüro", Anwaltsgehilfinnen und Rechtsanwältinnen wie Gisela Pahl und Sylvia Storz)
  • Autorinnen und Herausgeberinnen rechtsextremer Zeitschriften
  • Rednerinnen und Musikerinnen auf Veranstaltungen (z. B. Annett Müller)
  • Schlüsselpositionen in rechtsextremen Organisationen
  • Gründung eigenständiger Frauenorganisationen

Frauenorganisationen rechtsextremer Parteien

Die Republikaner (REP) waren die erste rechtsextreme Partei Deutschlands, die 1995 einen eigenen Frauenverband gründeten: Im "Republikanischen Bund der Frauen" (RBF) waren allerdings nicht nur Frauen, sondern auch Männer (ca. 30 Prozent) organisiert. Erklärtes Gründungsziel war es, "Frauen ... zur Mitarbeit und Übernahme von Verantwortung auf sämtlichen Gebieten der Politik zu ermutigen". Hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses wurde die Zusammenarbeit von Frauen und Männern wider "dem Zeitgeist eines immer weiter entarteten Feminismus" betont. Im Gegensatz zu der formulierten (allgemeinpolitischen) Zielsetzung widmete sich der RBF vor allem frauen- und familienpolitischen Aspekten mit einer klaren Botschaft: "Wir brauchen Dich!" und "Wir möchten lieber, dass unsere Mutti zu Hause bleiben kann" tönte es z. B. auf Flyern des RBF aus Kindermund. Durch besondere Aktivitäten oder bedeutsamen innerparteilichen Einfluss trat die Organisation nie in Erscheinung. Mit dem Niedergang der Republikaner als Partei und dem Wechsel ehemaliger Mitglieder zu anderen Parteien der extremen Rechten wurde es auch um den Frauenverband still.

Flyer des RBF 2006 gründete die NPD mit dem „Ring Nationaler Frauen" (RNF) eine Frauenorganisation, 2007 folgte die Gründung einer Regionalgruppe NRW mit Marion Figge als Landesvorsitzenden. Unter dem Slogan „Deutschland ist auch Frauensache" ist der RNF nach eigenen Angaben auch offen „für politisch interessierte Frauen mit nationaler Weltanschauung", die nicht Mitglied der NPD sind. Entsprechend dieser Zielsetzung gibt es Verbindungen zum neonazistischen Spektrum und zur Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF). Auf der Gründungsveranstaltung des RNF-NRW referierte z. B. Andrea Wegener aus der Szene der „freien Kameradschaften" zur Entwicklung der Frau im „Nationalen Widerstand". Zu den erklärten Zielen des RNF gehören die Vernetzung „nationaler Frauen", die Erarbeitung von Grundsatzpositionen zu aktuellen und politischen Fragen sowie die stärkere Einbeziehung „nationaler Frauen" in die politische Arbeit. Innerhalb des RNF gibt es unterschiedliche politische Flügel: So trat 2009 Gitta Schüssler vom Amt der Bundessprecherin zurück, nachdem ihr in einem Misstrauensvotum vorgeworfen worden war, in einer Erklärung „persönliche feministische Ansichten" geäußert zu haben. Im Juli 2009 wurde dann die 61-jährige Edda Schmidt zur neuen Bundesvorsitzenden gewählt, die zum neonationalistischen Flügel gezählt wird und eine völkisch-orthodoxe Linie vertritt.

Flyer des RNFFrauen aus dem Umfeld der NPD organisieren sich zudem über lokale Initiativen und einzelne Projekte: So soll es seit 2007 eine NPD-nahe Frauengruppe im Kreis Düren geben (sog. „Freie Frauen"), die sich nach eigenen Angaben für Spendensammlungen ("für bedürftige Deutsche"), Spielplatzreinigungen oder Rechtsbeistand engagieren will. Ein anderes Beispiel ist die Gruppe „Jeanne D.": Die sog. „Selbsthilfegruppe für politisch verfolgte Frauen in Zeiten der BRD" wurde 2007 u. a. von Iris Niemeyer, NPD-Mitglied und RNF-Aktivistin aus Rheine, gegründet, die damit auf ihre fristlose Kündigung als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum in Rheine reagierte.

Flyer Pro-NRW-FrauenIm April 2008 verkündete PRO-NRW das erste Treffen eines neu gegründeten Frauenarbeitskreises namens „Weiber". Als Sprecherin des Arbeitskreises wurde Stefanie Uhlenbrock benannt, die bei PRO-NRW für Familien- und Frauenpolitik zuständig ist. Ziel ist es nach eigenen Angaben, weibliche Mitglieder und Interessentinnen stärker über frauenspezifische Themen anzusprechen. Dafür entwarf die Gruppe - wie bei PRO-NRW üblich - zunächst einmal ein Flugblatt mit populistischen Phrasen ("Frauen sind kein Freiwild" etc) .

Frauen in der Neonazi-Szene

In der Neonazi-Szene nehmen Frauen in der Regel keine führende Stellung ein. Aber es gibt auch hier Ausnahmen: Daniela Wegener reaktivierte als „Kameradschaftsführerin" Ende der 1990er die Neonazi-Szene im Sauer- und Siegerland und machte diese zu einer der aktivsten Gruppen in NRW. Sie kandidierte als „Parteifreie" bei der Landtagswahl 2005 für die NPD, ist eine akzeptierte Rednerin auf NPD-Veranstaltungen und eine Ansprechpartnerin für den Teil der „freien Kameradschafts"-Szene, der mit der NPD kooperiert.

Ein anderes Beispiel ist die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG), eine 1979 in Frankfurt/M. von Neonazis gegründete Organisation mit etwa 550 Mitgliedern, die inhaftierte Gleichgesinnte unterstützt und Rechtsextreme auch in der Haftzeit auf Linie halten will. 1991 übernahm Ursula Müller aus Mainz den Vorsitz der Organisation. Sie gehört zu den wenigen Frauen in Deutschland, die sich über Jahrzehnte aktiv am Aufbau neonazistischer Strukturen beteiligt haben.

Immer wieder wurden in der Neonazi- bzw. rechtsextremen Skinhead-Szene neue Zusammenschlüsse von Frauen ins Leben gerufen. Die meisten dieser, oft nur wenige Mitglieder umfassenden, Projekte waren aber nur von kurzer Dauer:

  • Zu einer der frühen Organisationen gehört die 1984 gegründete und mittlerweile aufgelöste "Deutsche Frauenfront" (DFF), die sich in ihrem Programm sowohl gegen "alte Zöpfe" und "verstaubte Vorstellungen" wandte wie auch gegen "linke Emanzipationsansprüche". Ziel der weiblichen Neonazis war die völlige Gleichberechtigung im "politischen Kampf Seite an Seite mit unseren männlichen Kameraden". Einige der führenden Aktivistinnen von damals sind - wie die oben genannte Ursula Müller - auch heute noch in der Szene aktiv:
  • Vergleichsweise lange bestand der "Skingirl Freundeskreis Deutschland" (SFD), der Silvester 1991/92 in Berlin gegründet wurde, rund 50 Mitglieder zählte und sich Ende 2000 - ohne Angabe von Gründen - selber auflöste. Der SFD forderte das "urgermanische Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau" und grenzte sich von "primitiven, betrunkenen Schlägerweibern" ebenso ab wie vom "Emanzentum". Die Aktivistinnen gründeten Arbeitskreise für "Mutter und Kind" und gegen "Kinderarmut" und unterhielten Leihbörsen für Säuglingskleidung, Kinderschuhe und -bücher. Personell wie ideologisch war der SFD zwischen NPD, Neonazis und rechtsextremen Skingirls angesiedelt.
  • Ende der 1990er Jahre setzte ein Boom von Initiativen und Neugründungen ein, die zumeist aber keine längerfristigen Aktivitäten entfalteten: So entstand 2000 aus der "Nationalen Weiber Aktions Front" der "Bund Heimattreuer Frauen" (B.H.F.) mit Sitz in Köln, der seine Fühler vor allem in Richtung heidnisch-germanischer und rechter esoterischer Zirkel ausstreckte. Weitere Beispiele aus NRW waren die "Initiative der weißen Mädels" von einer Aktivistin aus Ennepetal, die Gründung eines „JN-Mädelbundes" NRW oder die "Mädelkameradschaft Ruhrgebiet". Hinzu kamen Aufrufe von Renees aus der Region zur Gründung entsprechender Zusammenschlüsse.
  • Magazin TriskeleEin ebenfalls befristetes Projekt war das Frauenmagazin "Triskele", das auf Strukturen des Ende 2000 aufgelösten "Skingirl Freundeskreis Deutschland" zurückging. Es wurde von der Essenerin Katharina Albrecht herausgegeben und erschien ab Januar 2001 in mehreren Auflagen. Das Projekt entstand nach eignen Angaben, "um zu zeigen, dass Frauen genauso am politischen Kampf teilnehmen, wie Männer. [...]. Wenn es nicht nur der Kampf auf der Straße ist, so erfüllt sie ihre Pflicht daheim als Mutter." Im Wechsel präsentierten sich die Ausgaben mal mit politisch-aktuellen, mal mit frauenspezifischen Titeln. Letztere zeigten mit dem BDM-Mädel oder der treusorgenden Mutter im Umkreis der Familie das klassische Frauenbild des Nationalsozialismus. In der Aktionsberichterstattung waren Frauen als Aktivistinnen rar. Alle speziell an Frauen gerichtete Artikel offenbarten die klassische Frauenrolle gemäß dem Motto: "Die Arbeit ehrt die Frau wie den Mann, das Kind aber adelt die Mutter."
  • Website GDFAnfang 2001 wurde - als eine Nachfolgeorganisation des SFD - die "Gemeinschaft Deutscher Frauen" (GDF) gegründet, die heute zu den aktivsten neonazistischen Frauenorganisationen zählt. "WIR, das sind Mädels, Frauen und Mütter, die aktiv an einer nationalen Gemeinschaft teilhaben, diese gestalten und erleben. ... WIR, wissen, wie wichtig die Stellung der Frau im Schicksalslauf unseres Volkes ist." Themen der GDF sind vor allem Erziehung und Bildung in völkisch-nationalistischer Tradition und „Brauchtumspflege". Dabei ist der Bezug immer die rassistische Volksgemeinschaft: Die GDF versteht sich als Eliteorganisation, die nicht offen ist für alle Frauen. Viele Aktivistinnen sind zudem politisch in der NPD bzw. in neonazistischen Gruppen organisiert. Die GDF arbeitet bundesweit und ist in mehrere Regionalgruppen gegliedert: In der Region Niedersachsen-NRW fanden nach Eigenangaben im Jahr 2009 einmal monatlich Treffen von rund 8 Frauen statt.

Frauenbilder: Rechtsextreme Konzepte zum Geschlechterverhältnis

Im rechtsextremen Weltbild ist die Rolle der Frau im Wesentlichen durch die Bedeutung der Familie bestimmt. Die Familie gilt als Grundlage des Volkes und als Träger des biologischen Erbes, als Keimzelle des Staates und als Raum der Vertrautheit, des sozialen Zusammenhalts und der Natürlichkeit. In diesem Weltbild obliegt es den Frauen, sich als treusorgende Mutter und liebevolle Gattin für den Erhalt der deutschen Familie einzusetzen. Aber es gibt nicht nur diesen Mütterkult - das in der rechtsextremen Szene vertretene Frauenbild ist heterogener geworden.

Rechtsextreme Parteien in Deutschland thematisieren die Rolle der Frau vor allem im Kontext der Familien- und Bevölkerungspolitik. Um sich modern zu geben und gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen, wird eine Berufstätigkeit der Frau nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Immer wieder betont wird allerdings die gesellschaftliche Bedeutung der Hausfrau und Mutter.

So singt die NPD in ihrem Partei-Programm das hohe Lied der Frau als Hausfrau und Mutter und wertet diese Rolle mit der Forderung nach einem Hausfrauen- und Müttergehalt deutlich auf. Sie greift damit ein Postulat von Feministinnen aus den 1970er Jahren auf - allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Im völkischen Denken der NPD steht diese Entlohnung nur der „deutschen" Hausfrau und Mutter zu!

"Grundlage unseres Volkes ist die deutsche Familie ... Die Familie ist vor allen anderen Lebensgemeinschaften zu fördern ... Die Familie ist Träger des biologischen Erbes. Ein Volk, das tatenlos zusieht, wie die Familie zerstört wird oder ihre Kraft verliert, wird untergehen, weil es ohne gesunde Familien kein gesundes Volk gibt. ... Die Leistung der Hausfrau und Mutter ist mit keiner Arbeitsleistung anderer Berufe zu vergleichen. Ihr gebührt ein nach Anzahl der Kinder gestaffeltes Hausfrauen- und Müttergehalt, das ihrer vielseitigen Tätigkeit und Verantwortung entspricht. Sie sollte nicht aus finanziellen Gründen außerhäuslich arbeiten müssen, da der Beruf in der Familie sie voll auslastet." (NPD-Parteiprogramm von 1996)

Im DVU-Programm finden sich relativ kurz gefasste geschlechtsspezifische Aussagen bezeichnender Weise im Kapitel "Familien- und kinderfreundliche Politik". Wie bei der NPD geht es auch hier um die Förderung der deutschen Familie und Mutter. Auch "die Gleichberechtigung der Frau" wird mit der "Frau als Mutter" verknüpft.

"Wir treten ein für eine familien- und kinderfreundliche Steuer- und Sozialpolitik, für großzügige staatliche Hilfen zugunsten deutscher Familien und Mütter. Die Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung muss gefördert werden, z. B. durch bessere Möglichkeiten außerfamiliärer Betreuung. Die Gleichberechtigung der Frau gebietet auch die allgemeine Anerkennung der unersetzlichen Leistungen der Frau als Mutter." (DVU-Parteiprogramm von 1993)

Die GDF weist Frauen vor allem die klassische Rolle als Mutter und für die "Arterhaltung" zu und bietet im Rahmen ihrer Organisation insbesondere Austauschmöglichkeiten für Frauen über Erziehungsfragen und sog. germanisches Brauchtum:

„Wir ermuntern Frauen nicht nur zur politischen Betätigung, sondern auch dazu, ihrer Bestimmung zu folgen und Mutter zu werden. Wir behaupten, dass die wenigsten Frauen glücklich werden können, wenn sie das Mutterglück nicht kennen gelernt haben. (...) Die Frau trägt eine hohe Verantwortung als Trägerin der kommenden Geschlechter. Sie ist eine der Gemeinschaft verpflichtete Persönlichkeit. Es ist die vornehmste Aufgabe der Frau, für die Zukunft ihres Volkes verantwortlich zu sein und diese Zukunft zu gestalten." (GDF: Die Frau im nationalen Widerstand. Arbeitsgrundlage der GDF, GDF-Sonderheftreihe, 1/04, S. 6-13)

Auch beim RNF spielt das Thema Mutterschaft eine wichtige Rolle. Der RNF erweitert aber die klassische Sicht auf Frauen, indem er die Aktivierung von Frauen im politischen Raum für „nationale Politik" als Ziel benennt und z. B. Schulungen für politische Funktionen durchführt:

„Der RNF erarbeitet Grundsatzpositionen und Stellungnahmen; er sorgt für interne Diskussion und Meinungsbildung. Der RNF ergänzt somit die Arbeit der NPD durch eigene Medien, die vom Bundesvorstand bzw. einzelnen Regional- und Landesgruppen aus frauenspezifischer Sicht erarbeitet werden. (...) Der RNF hat die Aufgabe, Frauen zu schulen und zu bilden, um sie bei der Übernahme leitender Aufgaben in der NPD sowie zu aktiver Mitarbeit in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, vor allem zur Mandatsübernahme auf kommunaler, Landes- und Bundesebene zu unterstützen. Da der RNF die natürliche Unterschiedlichkeit von Mann und Frau anerkennt, wird eine Quotierung abgelehnt." (RNF-Statut von 2008)

Der Frauenarbeitskreis von Pro-NRW wendet sich ausdrücklich sowohl an berufstätige Frauen wie an Hausfrauen und betont die politische Arbeit in ausgewählten Politikbereichen:

"Wir sind für ein klares Miteinander der Geschlechter und der Generationen. Wir verstehen uns weder als hilflose Weibchen noch als Hort für Kampffeministinnen, die den Begriff der Gleichbehandlung falsch verstanden haben. Wir nehmen an allen parteipolitischen Aktivitäten teil und unterstützen das Gesamtkonzept, indem wir unsere Standpunkte zu Familie, Beruf, Gesundheit, Soziales und Sicherheit entwickeln." (Flugblatt „Frauenarbeitskreis Weiber" von 2008)

Innerhalb des neonazistischen Spektrums gibt es erhebliche Differenzierungen des Frauenbildes. Das Extrem eines an NS-Konzepte angelehnten und biologistisch begründeten Müttermythos, der Frauen weitgehend aus dem öffentlichen Raum verbannt, hat Michael Kühnen (einer der wenigen theoretischen Köpfe der deutschen Neonaziszene) Mitte der 1980er Jahre formuliert:

"Ganz offensichtlich ist die Frau in erster Linie Naturwesen: Ihre eigentliche Aufgabe für die Gemeinschaft ist und bleibt Geburt und Aufzucht von Kindern, und da mindestens drei Kinder pro Familie zur Volkserhaltung überlebensnotwendig sind, [...] ist der Lebensmittelpunkt der Frau die Familie. [...] Die Männer hingegen [...] sind eher Kultur- als Naturwesen [...]. Unsere Frauenbewegung wird von Frauen für Frauen geführt mit dem Ziel des Aufbaus einer gesunden Volksgemeinschaft. Unsere männliche Front wird von Männern für Männer geführt mit dem Ziel der Schaffung eines Staates [...]. Statt Gleichberechtigung und Emanzipation fordern wir von unseren Frauen Dienst an der Volksgemeinschaft und Selbstverwirklichung des weiblichen Wesens." (zitiert nach Fromm/Kernbach 2002, S. 79)

Daneben gibt es aber auch Positionen, die die heroische Rolle der „kämpferischen" Frau und Aktivistin herausstreichen und die freie Entfaltung von Frauen in den Vordergrund stellen. Für Aufmerksamkeit in der rechtsextremen Szene sorgte insbesondere ein Diskussionsbeitrag unter der Überschrift „Nationaler Feminismus", den Mitglieder des „Mädelring Thüringen" (MRT) Anfang 2007 ins Internet stellten. Dort hieß es:

"Die Frau von heute ist nicht nur Hüterin der Familie und des Heims, sondern auch gleichwertige Mitgestalterin des öffentlichen Lebens, das alle Lebensbereiche und Berufsfelder gleichermaßen beinhaltet. (...) Es ist beschämend, wie sich zum einen die Frau in eine Rolle des Dummchens und der Bettmaus begibt, und andererseits die Männerwelt dies noch fördert. (...) Deutsche Frauen, wehrt euch gegen das Patriarchat und politische Unmündigkeit! Nationaler Feminismus voran!" (zitiert nach Hübner 2008)

Viele Frauen engagieren sich im Rechtsextremismus nicht wegen, sondern trotz des Frauenbildes

Anfang der 1990er Jahre, als sich vor allem Wissenschaftlerinnen verstärkt dem Problemfeld "Frauen und Rechtsextremismus" widmeten, wurde vermutet, dass (junge) Frauen rechtsextreme Ideologien wegen ihrer emanzipationsfeindlichen Ausrichtung ablehnen könnten. Diese These konnte aber nicht bestätigt werden.

"Es ist vielmehr zu vermuten, dass frauenpolitische Aussagen der Parteien für die Sympathie oder Antipathie der meisten Frauen nicht ausschlaggebend sind. Selbst wenn sie die frauenpolitischen Positionen ablehnen, können sie die rechtsextremen Parteien und Organisationen wegen ihrer nationalistischen und rassistischen Forderungen unterstützen." (Bitzan/Hans 1994)

Im rechtsextremen Spektrum gibt es sowohl führende Frauen, die das klassische Rollenklischee vom "Heimchen am Herd" und von der Frau als Mutter unterstützen, wie auch Frauen, die für ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis eintreten.

Zu den Traditionalistinnen zählt etwa Doris Zutt, Mutter, Geschäftsfrau und Mitglied des NPD-Bundesvorstandes. Als Rednerin auf einer Demonstration zum 1. Mai erklärte sie:

"Wir haben unsere Männer, die an vorderster Stelle das Recht auf Arbeit haben. Wenn ich auf die Frauenpolitik gehe, dann sage ich, die Männer gehen arbeiten, die Frauen bleiben zuhause. Wir bekommen die Kinder, wir müssen die Zukunft sichern." (Doris Zutt, zitiert nach Fromm/Kernbach 2002, S. 84)

Den Widerspruch zwischen ihrem eigenen Lebensweg und dem propagierten Frauenmodell überbrücken Karrierefrauen á la Doris Zutt vielfach, indem sie sich familienspezifischen Themen widmen (Doris Zutt ist im NPD-Vorstand zuständig für "Familien- und Sozialpolitik") und ihr politisches Engagement als "Dienst am Volk" oder als eine "Form professioneller Fürsorglichkeit" definieren. (Rommelspacher 2000) Andere Frauen sehen sich vor allem als "Unterstützerin", die Seite an Seite mit ihren (Ehe-)Partnern für die gemeinsame Sache kämpfen. So leitete die Ehefrau des DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey den parteieigenen FZ-Verlag und wird der NPD-Barde Frank Rennicke beim Vertrieb seiner volksverhetzenden Publikationen von seiner Frau unterstützt.

Die klassische Rollenteilung zwischen Frauen und Männern ist auch innerhalb rechtsextremer Ideologien ins Wanken geraten. In einer Studie über Selbstbilder rechtsextremer Autorinnen hat Renate Bitzan (2000) verdeutlicht, dass rechte Frauen durchaus feministische Positionen und den Ansatz der Geschlechtergleichheit vertreten können. Weder "Heimchen am Herd" noch "arische Kämpferin" sind demnach noch bindende Leitbilder. Zwar lassen sich bislang keine einheitlichen Standpunkte zur neuen Frauenrolle am rechten Rand ausmachen, die Unzufriedenheit mit tradierten Rollenklischees scheint aber nicht unerheblich zu sein. Führende Frauen des rechtsextremen Spektrums vertreten Lebensentwürfe, die nicht mit den programmatischen Aussagen ihrer Gruppe übereinstimmen:

  • "Frauenklischee, Männerklischee, das fängt in der Familie an. Wenn ich arbeiten gehe und verdiene mehr als mein Mann und würde halt ein Kind bekommen, dann bleibt natürlich der Mann zu Hause, weil es einfach eine Existenzfrage auch ist." (Die NPD-Liedermacherin Annett, zitiert nach Fromm/Kernbach 2002, S. 73f.)
  • "Ich selber bin Mutter von vier Kindern, ich habe meinen Beruf nie aufgegeben. Wir haben das in der Familie gemeinsam so gemeistert, dass wir alle unsere Rolle in der Familie gefunden haben. Nicht nur ich erziehe die Kinder, auch mein Mann erzieht die Kinder, z. B. wenn ich hier im Wahlkampf bin, dann ist er für die Kinder da. Für mich ist es ganz wichtig, dass beide Elternteile die Erziehung der Kinder übernehmen." (Uschi Winkelsett, NRW-Landesvorsitzende der Republikaner und Kandidatin für die Bundestagswahl 2002, zitiert nach Fromm/Kernbach 2002, S. 73)
  • "... das Kindkriegen selber, das macht die Frau, das ist ja nun mal klar [...] aber später [muss] in der Partnerschaft die Entscheidung getroffen werden, wer arbeiten gehen möchte, oder ob man nicht, was ich für wesentlich sinnvoller halten würde, [...] mehr Jobsharing-Arbeitsplätze schaffen würde, so dass beide noch arbeiten gehen können ..." (Ursula Worch, Ex-Ehefrau des Neonazis Christian Worch, die sich in der Neonazi-Szene für einen "rechten Feminismus" einsetzte, zitiert nach Fromm/Kernbach 2002, S. 85f.)

Literatur

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Bitzan, Renate (2000): Selbstbilder rechter Frauen: Zwischen Antisexismus und völkischem Denken, Tübingen

Bitzan, Renate (2008): Bomberjacke, bauchfrei? Die rechtsextreme Szene ist erschreckend vielfältig - auch für Frauen, in: FrauenRat, 6/2008, S. 2-6

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Deutscher Frauenrat (Hg.): Gefährlich im Aufwind. Rechtsextreme Frauen, Informationsdienst des Deutschen Frauenrates, 6/2008

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Hübner, Carsten (2008): Türöffner in die Gesellschaft, Junge Welt v. 21.8.08, S. 10

Köpf, Klara/Briegert, Pierre (2002): "Nationalismus ist auch Mädelsache" - Frauen in der neonazistischen Szene, in: JungdemokratInnen/Junge Linke (Hg.): Duisburg - rechts um!? Neonazismus im Großraum Duisburg/Oberhausen, Duisburg, S. 112-124

Köttig, Michaela (2004): Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen. Biographische Verläufe im Kontext der Framilien- und Gruppendynamik, Gießen

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Rechtsextremismus und Gewalt (2001). Ergebnisse einer Repräsentativbefragung bei Jugendlichen. Studie der Gesellschaft für Politik- und Sozialforschung - polis - im Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Februar 2001

Röpke, Andrea (2005): "Retterin der weißen Rasse". Rechtsextreme Frauen zwischen Straßenkampf und Mutterrolle, Braunschweig

Röpke, Andrea (2007): Wichtig für den Stimmenfang? Oder nur zum Wäschewaschen? Rechte Frauen in der Männerwelt der NPD, o. O.

Röpke, Andrea/Speit, Andreas (2011): Mädelsache. Frauen in der Neonazi-Szene, Berlin

Rommelspacher, Birgit (2000): Das Geschlechterverhältnis im Rechtsextremismus, in: Wilfried Schubarth, Richard Stöss (Hg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Eine Bilanz, Bonn, S. 199-219

SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deutschen (1981): 5 Millionen Deutsche: "Wir sollten wieder einen Führer haben ...", Reinbek bei Hamburg

Statistisches Bundesamt (2008): Auszug aus dem Datenreport 2008

Stöss, Richard (2000): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland, 3. überarb. Aufl., Bonn

Videos:

Andrea Röpke/Recherche Nord: Neonazistinnen - Frauen in der Rechten Szene

Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen e. V.:  Neonazistinnen - Frauen in der rechten Szene

ZDF-Mittagsmagazin: Frauen in der rechten Szene (10.09.2007)

 


Autorin: B. Rheims
Erstellt: 22.11.2009, akt. 17.3.2011