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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Gegenmaßnahmen

Die Ächtung der im NS-Regime propagierten Judenfeindschaft und die Tabuisierung von Antisemitismus gehörten nach 1945 zu den Gründungsvoraussetzungen der Bundesrepublik Deutschland. Wer sich als Person des öffentlichen Lebens antisemitisch äußerte, der oder die riskierte (zumindest vorübergehend) Amt und Karriere. Bildungsarbeit gegen Antisemitismus etablierte sich in der Bundesrepublik durch die sog. Holocaust-Erziehung, die an Schulen bis heute vor allem im Rahmen des Unterrichtsfaches Geschichte die Entrechtung und den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden thematisiert. So wichtig und notwendig diese Aufklärungsarbeit ist, sie allein ist unzureichend, weil sie vor allem den rassistischen und eliminatorischen Antisemitismus zum Gegenstand hat, wichtige andere Facetten von Antisemitismus ausblendet und Juden und Jüdinnen darüber hinaus vor allem als Opfer der deutschen Geschichte erscheinen lässt. Auf grundlegende Defizite im Schulbereich hat insbesondere das Leo-Baeck-Institut hingewiesen:

"Die deutsch-jüdische Geschichte wird im Schulbereich nach wie vor zumeist defizitär, einseitig und dadurch auch verzerrend behandelt. (...) Noch immer stehen bei der Berücksichtigung in Lehrplänen und Schulbüchern sowie im Unterricht - von Ausnahmen abgesehen - der Antisemitismus, die Verfolgungsgeschichte und der Holocaust einseitig im Vordergrund. Zwar ist fortdauerndes Erinnern an die Judenverfolgung und den Zivilisationsbruch des Holocaust im Unterricht unverzichtbar, doch eine weitgehende Reduzierung der deutsch-jüdischen Geschichte auf diese Dimension ist didaktisch verfehlt. Sie lässt Juden vorzugsweise als Objekte und Opfer der deutschen Geschichte erscheinen, nicht jedoch als Träger einer eignen Kultur und als Mitgestalter der modernen Welt." (www.leobaeck.de)

Eine Form der Präventionsarbeit gegen Antisemitismus ist die vom Leo-Baeck-Institut herausgegebene Orientierungshilfe für Lehrplan- und Schulbucharbeit, die deutlich macht, dass Juden und Jüdinnen integraler Bestandteil deutscher Geschichte sind und diese aktiv mitgestaltet haben. Auf Grundlage der konstatierten Defizite plädiert das Institut dabei insbesondere für einen Perspektivenwechsel in folgenden fünf Kernpunkten:

"1. Die Juden waren im Verlauf der Geschichte nicht nur Objekte, Verfolgte und Opfer, sondern auch Subjekte, aktive Bürger und kreative Mitgestalter von Geschichte, Kultur und Wirtschaft in Mitteleuropa. Es gibt keine kontinuierliche Verfolgung der Juden von den Kreuzzügen bis zum Nationalsozialismus.
2. Seit der Spätantike besteht ein dauerndes Zusammenleben von Nichtjuden und Juden in Mitteleuropa. Diese fast zweitausendjährige gemeinsame Geschichte unterscheidet die deutsch-jüdische Geschichte von der anderer Minderheiten und verlangt entsprechende Berücksichtigung.
3. Deutsch-jüdische Geschichte muss in ihren europäischen Zusammenhängen dargestellt werden, denn Aufklärung, Judenemanzipation und Antisemitismus waren zugleich europäische Phänomene. Zudem weist die jüdische Bevölkerung Deutschlands durch die sie betreffenden Verfolgungen eine starke europäische und transatlantische Mobilität auf.
4. Das Judentum gehört zu den geschichtlichen Grundlagen unserer Kultur. Die jüdische Kultur als solche und die seit der Emanzipation bedeutenden kulturellen Leistungen von deutschen Juden für die deutsche Kultur bedürfen angemessener Behandlung.
5. Die deutsch-jüdische Geschichte endet nicht mit dem Holocaust. In den seitdem fast 60 Jahren ist eine neue jüdische Gemeinschaft in Deutschland entstanden. Ihre Existenz und Bedeutung wird bisher nirgends im Unterricht auch nur erwähnt." (www.leobaeck.de)

Insbesondere mit Blick auf antisemitische Übergriffe und Vorurteile sind Ansätze aus der Antirassismus-Arbeit und der Menschenrechtspädagogik nützlich, insofern sie grundsätzlich auf Wir-Ihr-Konstruktionen und Ausgrenzungspraktiken aufmerksam machen und die Bedeutung menschenrechtlicher Prinzipien verdeutlichen. Mehr und mehr setzt sich aber der Gedanke durch, dass Antisemitismus aufgrund seiner spezifischen Erscheinungsformen als eigenständiges Problem wahrzunehmen ist und nicht lediglich unter Maßnahmen gegen Rassismus und Diskriminierung subsumiert werden kann.

"Zweifelsohne sind dem Antisemitismus Teile dieser ausgrenzenden Verhaltensmuster immanent, aber Weltverschwörungstheorien, instrumentalisierte Holocaustleugnung, Antizionismus und Ausgrenzung von Juden als vermeintlich Verantwortliche für die israelische Politik sind Elemente eines Stereotypenkatalogs, die nicht mit der Diskriminierung von Minderheiten im allgemeinen gleichgesetzt werden können." (Wetzel 2004, S.1f)

Hinsichtlich der Ausgestaltung einer konkreten Bildungsarbeit gegen Antisemitismus gibt es bislang keine Patentrezepte. Während es in der antirassistischen Bildungsarbeit zahlreiche erprobte Konzepte und Methoden gebe - so resümierte z.B. der "Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Programms ‚Entimon - gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus'" im Dezember 2004 -, stelle sich der gegenwärtige Stand der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus anders dar: Es müsse konstatiert werden, dass

  • es in Deutschland kaum Konzepte der außerschulischen Bildungsarbeit zum Umgang mit Antisemitismus gebe;
  • sich Konzepte der historisch-politischen Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus nur wenig mit Antisemitismus beschäftigten;
  • aktuelle Formen von Antisemitismus häufig nicht thematisiert würden;
  • es schwerer falle, die unterschiedlichen Motivlagen für antisemitische Äußerungen einzuschätzen, weil antijüdische Stereotype oft nur in Andeutungen auftauchten;
  • in der Bildungsarbeit Tätige einer großen Sensibilität und gleichzeitig eines großen Wissens über Antisemitismus bedürften;
  • die Gefahr bestünde, beim expliziten Aufrufen antisemitischer Stereotype Feindbilder zu vermitteln, die den Teilnehmenden von Bildungsseminaren bisher noch gar nicht bekannt gewesen seien.

In verschiedenen Projekten - so auch von IDA - wurden mittlerweile Informations- und Bildungsmaterialien erstellt, die sich vor allem an MuItiplikatoren und Multiplikatorinnen wenden. Die Aufklärung über Facetten und Grundstrukturen des Antisemitismus soll diese in die Lage versetzen, angemessen in konkreten Situationen zu reagieren. Einen darüber hinausgehenden Ansatz verfolgt das mehrjährige Projekt "Fit machen für Demokratie und Toleranz" des Zentrums für Antisemitismusforschung, des Berliner Landesinstituts für Schule und Medien und des Berliner Büros des American Jewish Committee. Neben der Vermittlung von Kenntnissen über eine CD-Rom und Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen, setzt das Projekt auf das sog. Youth Leadership Program. Dabei werden Jugendliche über jüdische Geschichte, antisemitische Stereotype sowie Argumentations- und Präsentationstechniken geschult, um in ihrem Umfeld antisemitischen Tendenzen selbstbewusst entgegen treten zu können.