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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 1, März 2017

Schwerpunkt: Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit

Definitionen: Zum Begriff des Antisemitismus

Der Begriff "Antisemitismus" wurde Ende des 19. Jhs. in Deutschland geprägt. Er wird dem Journalisten Wilhelm Marr zugeschrieben, der mit dem Begriff seine offen erklärte Judenfeindschaft nicht religiös, sondern pseudowissenschaftlich und rassistisch zu legitimieren versuchte. Nach Marrs Gründung der "Antisemitenliga" traten Demagogen auf die politische Bühne, die Juden als ein die "nationale Einheit" bedrohendes "Volk" oder als "Rasse" konstruierten. Diese Veränderungen gegenüber früheren, religiös und sozial motivierten Formen der Judenfeindschaft betont der Antisemitismusforscher Werner Bergmann:

"Juden wurden als ein die Nationen ökonomisch, geistig und rassisch zersetzendes Element angesehen, gegen das sich der Antisemitismus als eine politische Ideologie und Protestbewegung formierte, welche die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden zu verhindern und später zu widerrufen suchte. Es handelte sich beim Antisemitismus nicht bloß um Xenophobie oder religiöse und soziale Vorurteile, die es gegenüber Juden weiterhin gab, sondern um ein neues Phänomen: eine antiliberale und antimoderne Weltanschauung, die in der ‚Judenfrage' die Ursache aller sozialen, politischen, religiösen und kulturellen Probleme sah." (Bergmann 2002, S. 6)

Zum Begriff "Antisemitismus" liegen viele unterschiedliche Definitionen vor. Auf unterschiedliche Weise - so illustrieren die nachfolgenden Beispiele - wird dabei versucht, das Phänomen in seinen verschiedenen Erscheinungsformen zu beschreiben bzw. einzugrenzen:

  • "Antisemitismus" - so Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin - "meint im modernen Sprachgebrauch die Gesamtheit judenfeindlicher Äußerungen, Tendenzen, Ressentiments, Haltungen und Handlungen unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen oder sonstigen Motiven. Nach der Erfahrung nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaft wird Antisemitismus als ein gesellschaftliches Phänomen verstanden, das als Paradigma für die Bildung von Vorurteilen und die politische Instrumentalisierung daraus konstruierter Feindbilder dient." (Benz 2001, S. 129)
  • In einer Studie zum Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik definiert der Politikwissenschaftler Lars Rensmann Antisemitismus "als besondere, moderne und politisch-kulturell situierte Form der Stereotypenbildung, sowie - analog zur Theorie des Neo-Rassismus oder ‚kulturellen Rassismus' - als Ensemble von Vorurteilen, Klischees, fixierten kollektiven Bildern, binären Codes und kategorialen Attribuierungen sowie diskriminierenden Praktiken gegenüber Juden, die sich zur politischen Ideologie und zum Weltbild verdichten können." (Rensmann 2004, S. 20)
  • Eine von dem britischen Wissenschaftler Brian Klug zur Abgrenzung von Antisemitismus und Antizionismus vorgeschlagene Definition betont Antisemitismus als "Hostility towards Jews as Jews". Diese Kernaussage liegt auch einer oft zitierten Definition von Helen Fein zugrunde: "Antisemitismus ist eine anhaltende latente Struktur feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich bei Individuen als Haltung, in der Kultur als Mythos, Ideologie, Folklore sowie Einbildung und in Handlungen manifestieren (...), die dazu führen und/oder darauf abzielen, Juden als Juden zu entfernen, zu verdrängen oder zu zerstören". (Fein 1987, S. 67)
  • Antisemitische Einstellungen definiert der Antisemitismusforscher Werner Bergmann "als feindselige Urteile über die Juden als Kollektiv, in denen ihnen unveränderliche schlechte Eigenschaften sowie die Absicht zugeschrieben wird, anderen Völkern Schaden zuzufügen. (...) Diese ‚Schädigung' erfolgt oft verdeckt und kann sich nach Meinung der Antisemiten in allen möglichen Formen äußern: religiös als Christenfeindschaft, wirtschaftlich als unlautere Konkurrenz und Geldgier, politisch als Weltmachstreben, als politische Radikalität oder nationale Illoyalität, kulturell als ‚Zersetzung' usw." (Bergmann 2004, S. 26)

Aus der Trickkiste von Antisemiten und Antisemitinnen

Zum antisemitischen Standard-Repertoire in rechtsextremistischen und islamistischen Kreisen gehört die Behauptung, man könne doch gar nicht antisemitisch sein, da Araber doch auch Semiten seien und man nichts gegen Araber habe. Dieser Einwand wird immer wieder auch in Bildungsveranstaltungen von Teilnehmenden artikuliert, die keinem extremistischen Umfeld angehören. Deshalb ist an dieser Stelle hervorzuheben, dass das "Argument", der Begriff beziehe sich auch auf Araber, irreführend und falsch ist:

1. Die Bezeichnung "Semit" geht auf eine sprachwissenschaftliche Einteilung verschiedener Sprachfamilien zurück und bezieht sich nicht auf die Abstammung einer Gemeinschaft oder auf ihre Nation. Zu den semitischen Sprachen werden das Hebräische, Arabische und Aramäische gezählt.
2. Entscheidender ist, dass der Begriff "Antisemitismus", der in Deutschland Ende des 19. Jhs. von sich offen zur Judenfeindschaft bekennenden Demagogen geprägt wurde, nie auf Araber und Araberinnen bezogen wurde. Der Begriff richtete sich klar und ausschließlich gegen Juden und Jüdinnen und sollte als Waffe dienen, um sie zu diskriminieren. Juden wurden damit als ein die "nationale Einheit" bedrohendes "Volk" oder als "Rasse" konstruiert. Grundlage war eine völkische bzw. rassistische Konstruktion "des Juden".

Zur Beschreibung verschiedener Erscheinungsformen der Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart werden häufig differenziertere Terminologien verwendet. Als Grundphänomene sind vor allem vier hervorzuheben: Christlicher Antijudaismus, rassistischer Antisemitismus, sekundärer Antisemitismus und israelbezogener Antisemitismus.

Christlicher Antijudaismus: Das Judentum als Gegenbild zum Christentum

Der christliche Antijudaismus entwickelte sich in den ersten Jahrhunderten nach Christus. Im Kern bestand der Konflikt darin, dass das Judentum Jesus Christus nicht als Messias anerkennt. Die Dämonisierung des Judentums durch die christliche Kirche gipfelte in dem unhaltbaren Vorwurf, "Juden" seien kollektiv schuld an der Kreuzigung Jesu. Gewaltsame Übergriffe und eine Vielzahl von antijüdischen Maßnahmen der christlichen Kirche (z.B. Verbot der Ehe und der gemeinsamen Speiseeinnahme von Juden und Christen; Verbote für Juden, öffentliche Ämter zu bekleiden, christliche Knechte und Mägde zu haben, etc.) kennzeichneten das Leben von Juden und Jüdinnen, nachdem das Christentum im 4. bis 5. Jh. n. Chr. zur Staatsreligion wurde.

Mit den Kreuzzügen gegen Ende des 11. Jh. spitzte sich die Lage für die jüdische Bevölkerung in den christlichen Mehrheitsgesellschaften zu: Tausende wurden in antijüdischen Pogromen ermordet. Mit zahlreichen und weit gehenden Bestimmungen wies die Kirche der jüdischen Bevölkerung einen Status minderen Rechts (z.B. Verbot des Synagogenbaus, Verbannung in Ghettos, Ausschluss von den meisten Berufen) zu. In dieser dunklen Zeit des europäischen Mittelalters entstanden antijüdische Mythen wie die des "Ritualmordes", des "Brunnenvergiftens" oder des "Wucherers", die als antijüdische Stereotype überliefert und mehr oder weniger in der kulturellen Tradition verankert sind.

Rassistischer Antisemitismus: Entrechtung und Völkermord

Der rassistische Antisemitismus konstruiert Juden als minderwertige "Rasse", dem kontrastierend der Mythos vom "reinrassigen" und überlegenen "Arier" gegenübergestellt wird. Er geht auf die im 19. Jh. von Rassetheoretikern behauptete Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von "Menschenrassen" zurück:

"Houston Stewart Chamberlain verband in seinem weit verbreiteten Buch ‚Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts' (1899) den Mythos vom reinrassigen ‚Arier' als Kulturträger mit dem Gedanken des Rassenkampfes, wonach die ‚Arier' der minderwertigen ‚Mischlingsrasse' der Juden in einem historischen Endkampf gegenüberstünden, in dem es nur Sieg oder Vernichtung geben könnte. Seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde so der vorher religiös oder ökonomisch begründete Antisemitismus zur ‚Rassenfrage' erklärt, wobei der vage Rassenbegriff eine Reihe anderer Begriffe wie Volk, Nation, Arier, Deutsch- und Germanentum umschloss." (Bergmann 2001, S. 40)

Auf Grundlage der scheinbar wissenschaftlich, anthropologisch und biologistisch argumentierenden Rassetheorien wurden Juden" als "Anti-Volk" und als "volkszersetzend" ausgegrenzt und aufgrund ihrer vermeintlichen "Natur" für alle Übel verantwortlich gemacht. Die nationalsozialistische Rassentheorie knüpfte an diesen Wahn von der "Reinheit der Rasse" an und erklärte Juden zu den gefährlichsten Gegnern im "weltgeschichtlichen Endkampf". Dies mündete schließlich in der Shoah, dem Massenmord an Jüdinnen und Juden. Im Gegensatz zum Antijudaismus, dem sich Jüdinnen und Juden in der Regel durch die christliche Taufe entziehen konnten, ließ der rassistische Antisemitismus keinen Ausweg mehr. Zur Bezeichnung des NS-Völkermordes wird auch vom "eliminatorischen Antisemitismus" gesprochen.

Sekundärer Antisemitismus: Erinnerungs- und Verantwortungsabwehr

Nach 1945 ist eine neue Form des Antisemitismus entstanden, die als "sekundärer" Antisemitismus oder als "Erinnerungs-" und "Verantwortungsabwehr" bezeichnet wird. Während "klassischer" oder "primärer" Antisemitismus alle traditionell auf Jüdinnen und Juden bezogenen Stereotype und Vorurteile umfasst, gründet sekundärer Antisemitismus - angesichts des Massenmordes an den europäischen Jüdinnen und Juden - auf Gefühlen der Scham und Schuld. Es ist ein Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Er zeigt sich, wenn der nationalsozialistische Massenmord geleugnet, relativiert oder bagatellisiert wird, wenn Entschädigungs- und Wiedergutmachungsleistungen abgelehnt werden oder wenn gefordert wird, dass endlich ein Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu ziehen sei.

"Wie lange man noch büßen müsse, ob die unschuldigen Enkel noch für den Holocaust zahlen sollten, lauten die Schlachtrufe, und die Vermutung, ‚die Juden' würden sich am Völkermord bereichern, weil sie eben mit allem Geschäfte machen würden, gehört ins Arsenal der Abwehr und der Selbstbeschwichtigung." (Benz 2002, S. 5)

Die Abwehr von Erinnerung und Verantwortung geht häufig mit einer Umkehr von Tätern und Opfern einher. Umfragen zeigen, dass viele Menschen in Deutschland Juden und Jüdinnen eine Mitschuld an ihrer Verfolgung zuschreiben. Unterstellt wird, dass Juden ihre Leiden benutzen, um hohe Entschädigungsgelder zu erhalten. Und viele lasten Juden an, dass sie mit der Erinnerung an den Holocaust an den Teil deutscher Geschichte gemahnen, den viele gerne vergessen würden. Die Paradoxie dieses Verleugnungsprozesses hat der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex folgendermaßen auf den Punkt gebracht: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen."

Israelbezogener Antisemitismus: Projektionsfläche Nahostkonflikt

Seit der Gründung des Staates Israel entwickelte sich eine weitere Facette des Antisemitismus. Diese zeigt sich deutlich, wenn Abneigungen gegenüber "den Juden" mit der israelischen Politik im palästinensisch-israelischen Konflikt gerechtfertigt werden und Stellungnahmen zu Israel mit klassischen antisemitischen Vorurteilen über "die Juden" als Kollektiv einhergehen oder von pauschalen Angriffen gegen "die Juden" als Verkörperung allen Übels begleitet werden.

Zumindest teilweise ist der auf Israel bezogene Antisemitismus dem sekundären Antisemitismus zuzuordnen. So spiegelt sich das Motiv der Verantwortungs- und Erinnerungsabwehr in den zahlreichen Vergleichen von israelischer Politik und NS-Diktatur wider: "Die Palästinenser" werden als die "Juden des Nahen Ostens" bezeichnet, Maßnahmen der israelischen Armee werden mit der SS gleichgesetzt und jeder Zweite in Deutschland meint, dass die israelische Politik gegenüber Palästinensern und Palästinenserinnen "im Prinzip auch nichts anderes" ist als der NS-Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Mit solchen Vergleichen werden die NS-Verbrechen verharmlost und findet gleichzeitig eine Täter-Opfer-Umkehr statt.

Antisemiten reagieren häufig mit der Behauptung, man dürfe in Deutschland ja Israel nicht kritisieren. Da schwingt die Behauptung mit, es gäbe eine "von Juden" ausgeübte Zensur der öffentlichen Meinung. Dieser Vorwurf ist absurd und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, aber viel mit dem klassischen antisemitischen Vorurteil von der "Macht der Juden": Die Medien in Deutschland - so zeigen verschiedene Studien - berichten vor allem kritisch über Israel und den Nahost-Konflikt und zeichnen eher ein negatives Bild von Israel und dem Konflikt. Demgegenüber wird vergleichsweise wenig über Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern berichtet und viele Menschen, die sich über Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten entsetzt zeigen, sind gleichgültig gegenüber solchen Entwicklungen in anderen Gegenden der Welt.