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Neu Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln. Anregungen für die pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft 2016

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Überblick Nr. 4, Dezember 2016

Schwerpunkt: Blick zurück nach vorn

Antisemitismus

Antisemitische Übergriffe und Gewalt in Deutschland, Europa und weltweit, Hasspropaganda und Verschwörungsmythen im Internet, im rechtsextremen Spektrum und unter Islamisten, Stammtischparolen und antisemitische Ressentiments in der sog. Mitte der Gesellschaft, in den Medien und in der Politik, Antisemitismus unter dem Deckmantel der Israelkritik, "Jude" als Schimpfwort unter Jugendlichen ... Viele Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen verdeutlichen die aktuelle Bedeutung von Antisemitismus und zeigen, dass Aufklärungsarbeit gegen Antisemitismus auch 60 Jahre nach der Shoah und der Befreiung Deutschlands immer noch dringend geboten ist.

Die Brisanz aktueller Erscheinungs- und Ausdrucksformen von Antisemitismus spiegelt sich nicht zuletzt wider in politischen Erklärungen auf internationaler und nationaler Ebene: Im April 2004 erklärten die Vertreter und Vertreterinnen der 55 Mitgliedsstaaten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der Berliner Deklaration, dass Antisemitismus neue Formen angenommen habe und - zusammen mit anderen Formen der Intoleranz - eine Bedrohung der Demokratie, der Werte der Zivilisation und der gemeinsamen Sicherheit darstelle. Im Juni 2004 fand ein erstes Seminar der Vereinten Nationen (UN) zum Thema Antisemitismus in New York statt, in dem Generalsekretär Kofi Annan betonte, dass "wir einen alarmierenden Anstieg dieses Phänomens in neuen Formen und Manifestationen beobachten. Diesmal kann und darf die Welt nicht schweigen." Auf nationaler Ebene erklärte z.B. der französische Staatspräsident Jacques Chirac nach einem signifikanten Anstieg antisemitischer Gewalttaten in Frankreich im November 2003, wer solche Taten begehe, greife die gesamte Nation an. In Deutschland versammelte sich am 11.12.2003 der Bundestag anlässlich der sog. Hohmann-Affäre, um über antisemitische Tendenzen zu debattieren. In dem von allen Fraktionen vorgelegten Entschließungsantrag heißt es: "Antisemitisches Denken, Reden und Handeln haben keinen Platz in Deutschland."

Im Folgenden wird zunächst der Frage nachgegangen, was Antisemitismus eigentlich ist. Vorgestellt werden Definitionen und differenzierte Unterscheidungen, die die Diskussion um Antisemitismus bestimmen.
Unter der Rubrik "Erscheinungsformen" wird ein Überblick zum Ausmaß antisemitischer Gewalt und zur Verbreitung antisemitischer Einstellungen gegeben. Darüber hinaus wird auf die Propaganda in der rechtsextremen Szene wie auch auf antisemitische Manifestationen in der gesellschaftlichen Mitte eingegangen.
Gibt es einen neuen Antisemitismus oder zeigen sich alte antisemitische Stereotype und Mythen nur in einem neuen Gewand? Dieser Frage widmet sich die Rubrik "Neu oder alt?" anhand ausgewählter Beispiele.
Unter der Rubrik "Gegenmaßnahmen" werden abschließend Ansätze einer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus vorgestellt. Dabei wird die These vertreten, dass sowohl antirassistische wie auch Diversity-Ansätze dem Phänomen Antisemitismus nur unzureichend gerecht werden.