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Vorurteile |
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Vorurteile
- was genau ist das? |
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"Vielleicht lautet die kürzeste aller Definitionen des Vorurteils:
Von anderen ohne ausreichende Begründung schlecht denken."
(G. W. Allport)
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Diese Formulierung
des US-amerikanischen Psychologen Gordon W. Allport verdeutlicht, dass
Vorurteile sich auf wie auch immer definierte "Andere"
beziehen und diesen "Anderen" negative Eigenschaften
zugeschrieben werden. Diese einfache Begriffsumschreibung lässt natürlich
viele Fragen offen: Wer sind die "Anderen", sind die Negativzuschreibungen
falsch, warum werden bestimmte Gruppen stigmatisiert, was unterscheidet
Vorurteile von alltäglichen Verallgemeinerungen und Urteilen etc.?
Eine weitgehend geteilte
wissenschaftliche Definition des Phänomens, die Antworten auf derartige
Fragen bietet, gibt es bislang nicht. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von
Definitionen, die sich je nach Untersuchungsgegenstand und Erkenntnisinteresse
voneinander unterscheiden. Die frühen Studien zur Erforschung von
Vorurteilen stammen von US-amerikanischen Psychologen aus der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts. In vielen Definitionen wird ein Vorurteil seitdem
als ein vorschnelles Urteil auf Grundlage unzureichender Informationen
gekennzeichnet, das zudem übergeneralisiert ist (nach dem
Muster: "Alle Deutschen sind ...", "alle Frauen sind ...").
Es wird zudem als starres Urteil gekennzeichnet, dass auch bei widersprüchlichen
Informationen nicht geändert wird, also weitgehend veränderungsresistent
ist.
Zu den klassischen
und häufig zitierten Definitionen gehören die der US-amerikanischen
Forscher Gordon W. Allport und Earl. E. Davis: |
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"Ein ethnisches Vorurteil ist eine Antipathie, die sich auf eine
fehlerhafte und starre Verallgemeinerung gründet. Sie kann ausgedrückt
oder auch nur gefühlt werden. Sie kann sich gegen eine Gruppe als
ganzes richten oder gegen ein Individuum, weil es Mitglied einer solchen
Gruppe ist." (Allport 1971, S. 23)
"Vorurteile
sind negative oder ablehnende Einstellungen einem Menschen oder einer
Menschengruppe gegenüber, wobei dieser Gruppe infolge stereotyper
Vorstellungen bestimmte Eigenschaften von vornherein zugeschrieben werden,
die sich aufgrund von Starrheit und gefühlsmäßiger Ladung
selbst bei widersprechender Erfahrung schwer korrigieren lassen."
(Davis 1964, S. 53)
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In vielen Definitionen
werden Vorurteile als "falsche" oder nicht auf Tatsachen beruhende
Meinungen oder Einstellungen gekennzeichnet. Die Fehlerhaftigkeit oder
Sachunangemessenheit unterscheidet ein Vorurteil aber nicht hinreichend
von Urteilen. Auch gewöhnliche Urteile können auf falschen Informationen
beruhen, und Verallgemeinerungen prägen das alltägliche Denken
und die Kommunikation in einer hochkomplexen Welt. In diesem Sinne haben
wir alle Vor(aus)urteile. Da es überdies keinen objektiven
Maßstab gibt, mit dem richtige von falschen Verallgemeinerungen
unterschieden werden könnten, verzichten andere Definitionsversuche
auf das Kriterium der Realitätsangemessenheit bzw. heben andere Kriterien
hervor.
Zur Unterscheidung
von Vorurteilen und alltäglichen Urteilen betont z.B. der Sozialwissenschaftler
Rainer Erb (1995) das Merkmal der sozialen Unerwünschtheit.
Vorurteile müssen demnach vor dem Hintergrund diskutiert werden,
dass Mehrheiten und Minderheiten nicht quasi naturwüchsig entstehen,
sondern das Ergebnis von gesellschaftlichen Normen und Entscheidungen
sind: Welche Gruppe als "anders" oder "fremd" wahrgenommen
wird und sich von den Normalitätsentwürfen einer Gesellschaft
unterscheidet, ist demnach das Ergebnis einer sozialen Setzung. Die Wissenssoziologie
hat hierfür den Begriff der "sozialen Konstruktion von Wirklichkeit"
geprägt. |
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"Aus dieser wissenssoziologischen Betrachtung des Vorurteils wird
deutlich, welche entscheidende Bedeutung dem Gesellschaftsbild als grundlegend
bindender Kontext der Vorurteilsbildung bzw. der Vorurteilskritik zukommt.
Außerdem wird sichtbar, dass Vorurteile gelernt werden, in Gruppen,
in der Sozialisation, in der Aneignung der herrschenden Kultur."
(Erb 1995, S. 17)
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In der sozialpsychologischen
Forschung werden Vorurteile als ein Phänomen zwischen Gruppen betrachtet,
bei dem Menschen bestimmte Eigenschaften aufgrund ihrer Zugehörigkeit
zu einer sozialen Gruppe zugeschrieben werden. Im Fokus stehen hierbei
Differenzierungsprozesse zwischen der "Wir"-Gruppe (eigene Bezugsgruppe,
Ingroup) und den "Anderen" (Fremdgruppe, Outgroup). Derartige
inter-gruppale Differenzierungsphänomene greift z.B. der Psychologe
Andreas Zick in seiner Definition ethnischer Vorurteile auf: |
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"Negative ethnische Vorurteile bezeichnen die Tendenz eines Individuums,
ein Mitglied einer Outgroup oder die Outgroup als ganze negativ zu beurteilen
und damit die Ingroup, zu der sich das Individuum zugehörig fühlt,
positiv zu beurteilen. Ethnische Vorurteile sind negative Einstellungen,
die stabil und konsistent sind. Diese Einstellungen werden gegenüber
Mitgliedern einer ethnischen Outgroup geäußert." (Zick
1997, S. 39)
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Viele Definitionen,
die Vorurteile als Abgrenzungsphänomen zwischen "Wir" und
"Ihr" beschreiben, beziehen sich auf Vorurteile gegenüber
ethnischen Minderheiten. Sie sind aber auch auf Vorurteile gegenüber
anderen gesellschaftlichen Minderheiten übertragbar. Die Abgrenzung
von Mehrheit (Norm) und Minderheit (Abweichung) - so illustriert die
nachfolgende Zusammenstellung hierarchischer Differenzlinien - kann sich
auf unterschiedliche Kategorien beziehen: |
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"Wir haben die folgenden 13 Differenzlinien erarbeitet (
),
die wir zwar keineswegs als vollständig oder abschließend
betrachten, jedoch hier zur Diskussion stellen:
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13
bipolare hierarchische Differenzlinien |
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Kategorie
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Grunddualismus |
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Geschlecht |
männlich
- weiblich |
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Sexualität
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hetero -
homo |
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"Rasse"/Hautfarbe |
weiß
- schwarz |
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Ethnizität
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dominante
Gruppe - ethnische Minderheit = nicht ethnisch - ethnisch |
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Nation/Staat |
Angehörige
- Nicht-Angehörige |
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Klasse |
oben - unten,
etabliert - nicht etabliert |
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Kultur |
"zivilisiert"
- "unzivilisiert" |
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Gesundheit |
nicht-behindert
- behindert |
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Alter |
Erwachsene
- Kinder, alt - jung |
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Sesshaftigkeit/Herkunft |
sesshaft
- nomadisch, angestammt - zugewandert |
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Besitz |
reich/wohlhabend
- arm |
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Nord-Süd/Ost-West |
the West
- the rest |
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Gesellschaftlicher
Entwicklungsstand |
modern -
traditionell (fortschrittlich - rückständig, entwickelt
- nicht entwickelt) |
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Diese Linien folgen der Logik der Grunddualismen (siehe oben), die komplementär
scheinen, aber hierarchisch funktionieren: die linke Seite wird als
Norm hantiert, die rechte als Abweichung. (
)
Die Differenzlinien bilden die Grundlagen der Organisation moderner
Gesellschaften; sie sind durch Spannungsverhältnisse gekennzeichnet,
die sich unter bestimmten Umständen verändern können,
aber nicht müssen. So kann sich etwa das Machtverhältnis zwischen
alt und jung oder arm und reich im Laufe eines Lebens verändern,
ja sogar umkehren. Die verschiedenen Linien sind allesamt Resultate
sozialer Konstruktionen; sie sind miteinander verbunden oder verstärken
sich gegenseitig (
). Weiter ist es möglich, sie nochmals
zu untergliedern und anderen Kategorien zuzuordnen, etwa folgenden:
- körperorientierte Differenzlinien: Geschlecht, Sexualität,
Rasse'/Hautfarbe, Ethnizität, Gesundheit, Alter;
- (sozial-)räumlich orientierte Differenzlinien: Klasse, Nation/Staat,
Ethnizität, Sesshaftigkeit/Herkunft, Kultur, Nord-Süd/Ost-West;
- ökonomisch orientierte Differenzlinien: Klasse, Besitz, Nord-Süd/Ost-West,
gesellschaftlicher Entwicklungsstand.
Hier wird deutlich, dass sich Zuordnungen überschneiden können,
d.h., dass Differenzlinien mehrdeutig zu verorten sind." (Lutz/Wenning
2001, S. 20f)
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Vorurteile
in Abgrenzung zu Stereotypen und Feindbildern
Im alltäglichen
Sprachgebrauch und in einigen wissenschaftlichen Ansätzen wird kaum
oder gar nicht zwischen Vorurteilen und Stereotypen (Klischees) unterschieden.
Demgegenüber grenzt die Einstellungsforschung im sog. Dreikomponenten-Modell
die beiden Phänomene deutlicher voneinander ab. Unter Einstellungen
wird eine relativ stabile Tendenz von Menschen verstanden, auf bestimmte
Objekte mit ganz bestimmten Wahrnehmungen, Meinungen, Vorstellungen, Gefühlen
und Verhalten zu reagieren. Der Begriff des Stereotyps bezieht sich dabei
auf kognitive Prozesse, der Begriff des Vorurteils auf gefühlsmäßige
Be- bzw. Abwertungen. Im Dreikomponenten-Modell wird darüber hinaus
eine verhaltensorientierte Komponente unterschieden:
- Die kognitive
Komponente bezieht sich auf Denkprozesse, d.h. subjektiven Überzeugungen,
Meinungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen etc. Stereotype sind
hier "Bilder in unseren Köpfen", die der effektiven Informationsverarbeitung
in einer komplexen Umwelt dienen. Sie stellen kognitive Prozesse der
Kategorisierung von Gruppen und der Zuschreibung von Eigenschaften (Attributierung)
dar, wobei die Bewertung positiv oder negativ sein kann. Ein Stereotyp
in diesem Sinne wären z.B. Aussagen wie: "Alle Deutschen sind
fleißig" oder "Ausländer sind anders als wir".
- Die affektive
Komponente drückt Gefühle und Bewertungen aus, d.h. verbale
Äußerungen über Gefühle wie Mögen/Nichtmögen
oder Wohlbefinden/Unwohlsein. Vorurteile beziehen sich auf diese
affektiven Prozesse der Bewertung, wobei es sich vor allem um negative
Gefühle handelt und Abwertungen von anderen Gruppen. Vorurteile
basieren demnach auf stereotypen Urteilen, sie unterscheiden sich von
Stereotypen aber durch ihre gefühlsmäßige Verankerung
und ihren zumeist negativen Charakter. Ein Beispiel wäre die Aussage:
"Ich mag keine Ausländer, weil ...".
- Die verhaltensorientierte
(behaviorale oder konative) Komponente umfasst die Bereitschaft
oder Absicht, sich gegenüber den Vorurteilsobjekten diskriminierend
zu verhalten. "Denen würde ich keinen Arbeitsplatz geben!"
oder "im Bus stehe ich auf, wenn sich so jemand nehmen mich setzt!"
sind Beispiele für eine derartige Handlungsbereitschaft.
Diese ist nicht zu verwechseln mit tatsächlichem Verhalten in der
jeweiligen Situation, da dieses auch von anderen Faktoren abhängen
kann (situative Zwänge, sich widersprechende Einstellungen etc.).
Diese analytische
Unterscheidung von kognitiven, affektiven und verhaltensorientierten Komponenten
ist hilfreich, weil sie den Prozess von der stereotypen Kategorisierung
zur gefühlsmäßigen Ablehnung illustriert: Nicht jeder,
der - aus welchen Gründen auch immer - glaubt, dass etwa Schotten
oder Schwaben geizig seien, wird deshalb auch Schotten oder Schwaben unsympathisch
finden oder gar ausgrenzen. Gleichzeitig gilt aber auch, dass die drei
Komponenten in der Realität einen zusammenhängenden Komplex
bilden können: Mit der stereotypen Vorstellung, dass eine bestimmte
Gruppe "anders ist als wir", kann sich bereits die emotionale
Abwertung und die Bereitschaft zur Diskriminierung ankündigen.
Auf Grundlage des
Dreikomponenten-Modells können Vorurteile auch von Feindbildern abgegrenzt
werden. Feindbilder sind die Extremform eines stets negativen und hoch
emotionalen Vorurteils, bei dem die Ausgrenzung der anderen unter Umständen
sogar deren fantasierte oder reale Vernichtung impliziert. Typisch ist
eine dichotome, von Schwarz-Weiß-Mustern geprägte Weltsicht:
Im anderen wird nur das Schlechte und Böse gesehen und diesem negativen
Bild wird kontrastierend ein positives Selbst- oder Freundbild gegenübergestellt.
Was auf der anderen Seite als schwarz, böse oder feindselig interpretiert
wird, wird gemäß dieses Deutungsmusters auf der eigenen Seite
als weiß, gut und friedfertig gewertet.
"Rassismus"
statt "ethnische Vorurteile"
Speziell mit Blick
auf die Abwertung ethnischer Minderheiten ist der Vorurteilsbegriff nicht
unumstritten. Statt von "ethnischen Vorurteilen" - so insbesondere
sozialwissenschaftliche Ansätze - müsse vielmehr von "Rassismus"
gesprochen werden, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um ein Problem
verirrter oder falsch denkender Einzelner handle, sondern um ein kontinuierliches
und kollektives Phänomen moderner Gesellschaften. In deutlicher Kritik
zum psychologisch geprägten Vorurteilsbegriff formuliert z.B. Mark
Terkessidis: |
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"(a) Rassismus entsteht nicht durch sich aggregierende persönliche
Probleme - Irrtümer, Wahrnehmungsverzerrungen oder pathologische
Reaktionen - von Einzelnen. Insofern ist es von vornherein irreführend,
den Untersuchungsgegenstand als Vorurteil bzw. ethnisches Vorurteils
zu bezeichnen, weil in diesem Begriff die Vorstellung eines individuellen
Irrtums angelegt ist.
(b) Aber noch weitere Gründe sprechen gegen die Bezeichnung Vorurteil.
Sie setzt voraus, dass ein richtiges Urteil über irgendein bereits
existierendes Objekt' möglich ist (
). Tatsächlich
wird dieses Objekt' jedoch durch eine bestimmte Praxis und einen
bestimmten Diskurs überhaupt erst hervorgebracht. (
)
(c) Um Rassismus begreifen zu können, muss das Augenmerk auf die
Beziehungen zwischen Gruppen gelenkt werden. Die Gruppen oder auch Kategorien
sind jedoch, wie gesagt, keine präformierten, natürlichen
Gegebenheiten. Daher müssen sowohl die konkreten historischen Konstitutionsbedingungen
der Gruppen als auch die Bedingungen der Beziehung zwischen ihnen analysiert
werden.
(d) Vorurteile oder Stereotype sind keine einfache Verzerrung der Realität,
sondern sie geben für die Mitglieder der hegemonialen Gruppe auf
spezifische Weise die Beziehung zwischen den Gruppen durchaus angemessen'
wieder. Es handelt sich um Formen sozialer Erkenntnis', die für
ihre Benutzer die Wirklichkeit einleuchtend erklären und die beständig
eine positive Rückmeldung aus dem Konsens der Gruppe erhalten.
Um die Begriffe Vorurteil und Stereotyp zu vermeiden, möchte ich
den gesellschaftlichen Bestand solcher Erklärungen' als rassistisches
Wissen bezeichnen.
(e) Zwischen den in einer Gruppe hegemonialen Werten und den wertenden
Gruppenkategorisierungen besteht ein Zusammenhang. Die Inhalte des rassistischen
Wissens sind daher nicht beliebig, sondern sie ergeben sich aus dem
in der hegemonialen Gruppe verbreiteten kulturellen Wertekanon. Mit
der kollektiven Definition der Anderen gemäß der hegemonialen
Werte legt die Gruppe dabei auch beständig ihr Selbst' fest.
(f) In den Inhalten des rassistischen Wissens wird daher das konkrete
Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Anderen mit Hilfe des Wertekanons
der dominanten Gruppe definiert. Sowohl dieses Verhältnis als auch
der Wertekanon sind historisch variabel. So kommt es zu beständigen
kollektiven Neudefinitionen.
(g) In Definition und Neudefinition des Verhältnisses kommt eine
Verteidigung der Position der dominanten Gruppe zum Ausdruck. Rassistisches
Wissen legitimiert also laufend die übergeordnete Position einer
Gruppe. Solche Legitimation ist notwendig, da die Ungleichheit zwischen
den Gruppen angesichts des Gleichheitsethos' als ungerechtfertigt
empfunden wird. (
)" (Terkessidis 1998, S. 59f)
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Sozialwissenschaftliche
Ansätze betonen, dass Rassismus als Ideologie tief in den jeweiligen
Gesellschaften verankert ist - in historisch tradierten gesellschaftlichen
Normen, Werten und ungleichen Lebenslagen. Rassismus stellt demnach eine
gesellschaftliche Kategorisierung nach biologischen bzw. kulturalistischen
Merkmalen dar, die sich auch in gesellschaftlich institutionalisierten
Abwertungen widerspiegelt. Albert Memmi hat eine Definition vorgeschlagen,
die mit der Konstruktion von Unterschieden und ihrer Funktionalisierung
für eigene Vorteile Elemente enthält, die mehr oder weniger
auch in anderen Definitionen vorkommen: |
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"Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung
tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Täters
und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine
Aggressionen gerechtfertigt werden sollen." (Memmi 1982, S. 103)
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Die ideologische
Funktion des Rassismus fasst Robert Miles wie folgt zusammen: |
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"Die rassistische Ideologie hat eine Reihe zusätzlicher Merkmale.
Weil sie einen Prozess der Rassenkonstruktion voraussetzt, hat sie,
erstens, einen dialektischen Charakter: In der Repräsentation des
Anderen spiegelt sich zugleich das Bild des Selbst. Der Rassismus ist
eine Repräsentationsform, die Gruppen von Menschen gegeneinander
abgrenzt und zwangsläufig als eine Ideologie der Ein- und Ausschließung
funktioniert. Aber anders als im Prozess der Rassenkonstruktion, wo
Personen etwa durch die Bedeutung der Hautfarbe zugleich ein- und ausgeschlossen
werden, funktioniert der Rassismus als ein Spiegel, in dem die negativen
Merkmale des Anderen als positive Merkmale des Selbst zurückgeworfen
werden. Rassismus setzt also Rassenkonstruktion voraus, geht jedoch
darüber hinaus, indem er explizit negativ bewertete Elemente benutzt".
(Miles 1989, S. 359)
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Während also
die Einstellungsforschung (die eher dem Bereich der Psychologie zuzuordnen
ist) ein Vorurteil als von Gefühlen bestimmte negative Bewertung
beschreibt, die analytisch von diskriminierenden Verhaltensweisen zu unterscheiden
ist, interpretieren Rassismusforscherinnen und -forscher (die häufig
bei den Sozialwissenschaften einzuordnen sind) Rassismus nicht nur als
ein der Gefühlswelt zuzuordnendes Phänomen, sondern als Ausgrenzungspraxis,
die mit der damit verbundenen faktischen Macht der Durchsetzung einhergeht.
Die Einstellungsforschung widmet sich mehr dem Individuum und seinen Vorurteilsstrukturen,
die Rassismuskritik interpretiert vor allem strukturelle Erscheinungsformen
von Rassismus und problematisiert Ansätze der Einstellungsforschung
als unpolitisch, weil sie die strukturelle und machtvolle Verankerung
individueller Vorurteile und Rassismen in den gesamtgesellschaftlichen
Diskurs nicht thematisiere.
Verbreitung:
Meinungsumfragen zu Vorurteilen und menschenfeindlichen Einstellungen
Repräsentative
Umfragen zeigen, dass Vorurteile insbesondere gegenüber ethnischen
und religiösen Minderheiten sowie Migrantinnen und Migranten verbreitet
sind. Dabei scheinen Sinti und Roma zu den Gruppen zu gehören, die
besonders stark von Vorurteilen betroffen sind und abgelehnt werden. So
ergab eine 1992 vom Allensbach Institut durchgeführte Umfrage, dass
64% der Deutschen eine negative Meinung von Roma und Sinti haben. 17%
der Befragten äußerten sich negativ über Muslime, 12%
bekundeten eine negative Meinung über "Gastarbeiter" und
8% über "Menschen mit dunkler Hautfarbe". Den mit Blick
auf Roma und Sinti ermittelten sehr hohen Prozentsatz bestätigte
eine 1994 von Emnid durchgeführte Umfrage, nach der 68% der Deutschen
Sinti und Roma als Nachbarn ablehnen. (Europäische Kommission 1995,
S. 12)
In einer empirischen
Studie des Fokus-Institutes Halle wurden 2002 negative Wahrnehmungsmuster
gegenüber Personengruppen ermittelt, die "dem vorgeprägten
Bild einer von vielen Menschen verinnerlichten bzw. gewünschten Normalität'
nicht entsprechen" (Fokus-Institut
Halle 2003). In der repräsentativen Untersuchung wurde u.a. nach
einer "spürbaren Abneigung" bei Begegnungen mit unterschiedlichen
Gruppen gefragt. Uneingeschränkte oder teilweise Abneigung äußerten
z.B.:
- 48% gegenüber
"Einwandernden aus Osteuropa";
- 43% gegenüber
"Menschen arabischer Herkunft";
- 40% gegenüber
"Personen türkischer Herkunft";
- 36% gegenüber
"Obdachlosen;
- 30% gegenüber
"Schwulen/Lesben";
- 24% gegenüber
"Ausländern allgemein";
- 16% gegenüber
"Menschen jüdischer Herkunft";
- 16% gegenüber
"Menschen mit dunkler Hautfarbe";
- 15% gegenüber
"Menschen asiatischer Abstammung";
- 8% gegenüber
"jungen Menschen";
- 7% gegenüber
"Menschen mit Behinderungen";
- 6% gegenüber
"alten Menschen".
Viele Meinungsumfragen
in Deutschland sind einmalige Befragungen aus meist aktuellem Anlass,
deren Ergebnisse sich wegen des je spezifischen Untersuchungsgegenstandes
und der benutzten Methoden nicht vergleichen lassen. Mangelware sind insbesondere
kontinuierliche Umfragen zu von Vorurteilen betroffenen Gruppen, die eine
Langzeitentwicklung aufzeigen könnten. Eine Ausnahme ist das auf
zehn Jahre angelegte Forschungsprojekt der "Gruppenbezogenen
Menschenfeindlichkeit" (GMF) des Instituts für interdisziplinäre
Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Im Zentrum
des Projektes steht die Frage, wie Menschen mit unterschiedlicher sozialer,
religiöser und ethnischer Herkunft sowie mit verschiedenen Lebensstilen
in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden, Anerkennung
erfahren oder mit feindseligen Mentalitäten konfrontiert sind. Seit
2002 finden im Rahmen dieses Projektes jährliche Befragungen zu sieben
Facetten offener oder verdeckter Menschenfeindlichkeit statt, deren gemeinsames
Merkmal die gesellschaftliche Konstruktion von Ungleichwertigkeit ist.
Das Ausmaß menschenfeindlicher Einstellungen zeigte sich in der
2004 durchgeführten repräsentativen Befragung z.B. in folgenden
Ergebnissen
:
- Fremdenfeindlichkeit
zeigt sich laut Studie u.a. darin, dass fast 60% der Befragten der Auffassung
sind, dass zu viele Ausländer in Deutschland lebten. Darüber
hinaus sind 36% der Meinung, Ausländer sollten in ihre Heimat zurückgeschickt
werden, wenn die Arbeitsplätze knapp werden.
Als Etabliertenvorrechte werden die von Alteingesessenen beanspruchten
Vorrangstellungen bezeichnet, die auf eine Unterminierung der Rechte
von neu Hinzugekommenen hinauslaufen. Über 35% der Befragten vertreten
die Auffassung, dass diejenigen, die schon immer hier leben, mehr Rechte
haben sollten als diejenigen, die später zugezogen sind.
- Verbreitet ist
die Abwertung und Abwehr von Homosexuellen, Obdachlosen und Behinderten,
die unter dem Begriff der Heterophobie (der "Angst vor dem Anderssein")
zusammengefasst werden. Fast 38% der Befragten empfinden Ekel, wenn
Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen. 45% empfinden
Obdachlose als unangenehm und 28% äußern, dass sie sich in
der Gegenwart von Behinderten unwohl fühlen.
- Als Islamphobie
werden ablehnende Einstellungen gegenüber muslimischen Personen
und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken
des Islams verstanden. 24% der Befragten sind der Auffassung, dass Muslimen
die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. Und rund 35%
fühlen sich durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land.
- Das Phänomen
"klassischer Sexismus" bezieht sich auf geschlechtsdiskriminierende
Vorstellungen in der Bevölkerung. So sollen sich z.B. Frauen nach
Meinung von etwa 29% der Befragten wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau
und Mutter besinnen. Und rund 25% stimmen der Aussage zu, dass es für
eine Frau wichtiger sein sollte, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen,
als selbst Karriere zu machen.
- Antisemitische
Einstellungen zeigen sich bei rund einem Fünftel der Befragten:
Fast 22% der Befragten beklagen zu viel Einfluss von Juden in Deutschland.
Und ca. 18% sind überzeugt davon, dass Juden durch ihr Verhalten
an ihren Verfolgungen mitschuldig seien.
- Zum Phänomen
des Rassismus zählt z.B. die von etwa 13% der Befragten vertretene
Meinung, dass die Weißen zu Recht führend in der Welt seien.
Und für fast 22% sollten Aussiedler besser gestellt werden als
Ausländer, da sie deutscher Abstammung seien.
Erklärungsansätze:
Entstehung und Entwicklung von Vorurteilen
Eine
allgemeine Theorie zu Vorurteilen und ihren Ursachen gibt es nicht. Es
liegen vielmehr verschiedene theoretische Ansätze vor, die versuchen
zu erklären, wann bzw. warum Menschen Vorurteile haben. Diese Erklärungsansätze
stehen weitgehend isoliert nebeneinander und arbeiten auf verschiedenen
Analyseebenen und mit unterschiedlichen Erklärungsprinzipien. Sie
unterscheiden sich z.B. hinsichtlich der Frage, ob die Ursachen von Vorurteilen
in gesellschaftlichen oder in innerpsychischen Bedingungen begründet
sind. Manche Ansätze schreiben der vorurteilsbehafteten Person ein
Motiv der bewussten oder unbewussten Abwertung von Fremdgruppen zu, andere
gehen hingegen nicht von einem Abwertungsmotiv aus.
Da es keine theoretische
Integration der verschiedenen Erklärungsansätze gibt, werden
nachfolgend vier Theorieschulen exemplarisch mit ihren zentralen Inhalten
kurz vorgestellt. Dabei handelt es sich um:
- Konflikttheoretische
Ansätze, die Vorurteile auf Konkurrenz- und Konfliktsituationen
zwischen sozialen Gruppen zurückführen;
- Lerntheoretische
Ansätze, die die Übernahme von Vorurteilen im Sozialisationsprozess
hervorheben;
- Psychodynamische
Ansätze, die die Ursache von Vorurteilen in der Persönlichkeitsstruktur
des Individuums und innerpsychischen Konflikten sehen;
- Kognitive Theorien
der sozialen Wahrnehmung, die Prozesse der Informationsverarbeitung
des Menschen für die Entstehung von Vorurteilen verantwortlich
machen.
1. Konflikt- bzw. gruppentheoretische Ansätze
Konflikttheoretische
Ansätze sehen Vorurteile durch "reale" (bzw. als real wahrgenommene)
Interessenskonflikte und Konkurrenzsituationen zwischen Gruppen verursacht.
Unvereinbare Ziele, die nur auf Kosten der anderen Gruppe erreicht werden
können, führen demnach zu Bedrohungswahrnehmungen, Feindseligkeit
und Vorurteilen gegenüber der Bedrohungsursache. Ein klassisches
Beispiel aus den 1950er Jahren ist das Experiment des US-amerikanischen
Sozialpsychologen M. Sherif mit Jugendlichen in einem Ferienlager. Diese
wurden willkürlich in zwei Gruppen aufgeteilt und in Wettbewerbs-
und Konfliktsituationen beobachtet. Dabei wurde deutlich, wie im Verlauf
des Intergruppenkonfliktes die jeweilige Gruppenidentität erheblich
zunahm und sich bei beiden Gruppen negative Meinungen über die jeweils
andere Gruppe herausbildeten. Empirische Belege für diesen Ansatz
beruhen auf historischen Analysen oder experimentellen Untersuchungen.
So wurde z.B. in verschiedenen Studien gezeigt, dass sich negative Einstellungen
gegenüber ethnischen Minderheiten im Zuge der Verknappung von Arbeitsplätzen
bzw. einer wahrgenommenen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt entwickelten.
Die empirische Sozialforschung kann aber keinen eindeutigen, monokausalen
Zusammenhang von (wirtschaftlicher) Konkurrenz und Vorurteilen nachweisen.
Mit der "Theorie
der sozialen Identität" wurde der konflikttheoretische Ansatz
in wichtigen Punkten modifiziert. Die Studien des britischen Sozialpsychologen
H. Tajfel und seiner Mitarbeiter zeigten, dass allein eine (willkürliche)
Einteilung von Personen in Gruppen ausreicht, um Differenzen zwischen
Gruppen und eine Favorisierung der Eigengruppe gegenüber der Fremdgruppe
herzustellen. Ein Interessenskonflikt um physische Ressourcen wie Geld,
Arbeit oder Territorium ist demnach keine notwendige Voraussetzung für
die Ablehnung von Fremdgruppen, es reicht vielmehr, die Welt in "Wir"
und "Ihr" zu unterteilen. Erklärt wurden die Ergebnisse
mit Identitätsbildungsprozessen: Jede Person - so die Grundannahme
- strebt nach einem positiven Selbstbild und dieses wird auch von Gruppenzugehörigkeiten
und deren Bewertung bestimmt. Das positive Bild der Eigengruppe ergibt
sich durch den Vergleich zwischen Eigen- und Fremdgruppe. Eine positive
soziale Identität kann eine Person erhalten, indem sie die Eigengruppe
über die Abwertung der Fremdgruppe aufwertet: |
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"Stereotype und Vorurteile sind dann Waffen im Kampf um eine soziale
Ressource, nämlich Ansehen und Status innerhalb einer Gesellschaft."
(Stroebe 1988, S. 508)
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2.
Lern- bzw. sozialisationstheoretische Ansätze
Grundannahme dieser
Ansätze ist es, Stereotype und Vorurteile als ebenso erlernt zu betrachten
wie andere Lern- und Wissensinhalte auch. Sie entwickeln sich aus dieser
Perspektive über die Wahrnehmung von Rollen- oder Statusunterschieden
zwischen Gruppen oder werden im Sozialisationsprozess durch die Vermittlung
von Eltern, Freunden, Schule oder Medien übernommen. Wer beispielsweise
Frauen hauptsächlich in der Rolle der umsorgenden Mutter erlebt,
wird diesem Ansatz zufolge Frauen mit Eigenschaften wie Fürsorglichkeit
und Wärme assoziieren. Andere Studien konnten einen signifikanten
Einfluss von Fremdenfeindlichkeit der Eltern auf die Einstellungen der
Kinder nachweisen. |
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"Hier wirken Lernprozesse durch Imitation, Beobachtung, durch Identifikation
mit Vorbildern, durch indirekte Instruktion, durch Gebote, Verboten
und Strafen." (Bergmann 2001, S. 8)
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Im Gegensatz zu Konflikttheorien
werden Vorurteile in lern- bzw. sozialisationstheoretischen Ansätzen
nicht selbst durch persönliche Erfahrungen mit Mitgliedern einer
anderen Gruppe gebildet und sie dienen auch nicht der Selbstwertsteigerung.
Sie werden vielmehr übernommen aus dem in jeder Gesellschaft bestehenden
Vorrat an Einstellungen und Normen, die teilweise in einer lang zurückliegenden
Vergangenheit entstanden sind.
Diese gesellschaftliche
Kommunikation (Diskurse) untersucht die Diskursanalyse, die nicht individuelle
Vorurteilsstrukturen in den Blick nimmt, sondern davon ausgeht, dass über
gesellschaftliche Diskurse Fakten und Realität sozial organisiert
und strukturiert werden. Sie zeigt, auf welche Weise Kategorien wie z.B.
"Ausländer", "Flüchtling", oder "Rasse"
in Interviews, Schulbüchern, politischen Debatten oder Zeitungsartikeln
konstruiert und verwendet werden und deckt so diskriminierende Diskurse
über Minderheiten auf.
3. Psychodynamische Ansätze
Individualpsychologische
Theorien wie die Psychoanalyse, die "Theorie der autoritären
Persönlichkeit", die "Frustrations-Aggressionstheorie"
und die "Sündenbock-Theorie" gehen von der Annahme aus,
dass Vorurteile wichtige psychische Funktionen für die vorurteilsbehaftete
Person erfüllen. Vorurteile sind aus dieser Sicht psychisch nicht
adäquat verarbeitete innere wie äußere Konflikte der unterschiedlichsten
Art, die durch Projektion und Aggressionsverschiebung nach außen
- auf ein anderes Objekt bzw. eine Fremdgruppe - zu lösen versucht
werden.
Die von T. W. Adorno
und seinen Mitarbeitern in den 1940er Jahren entwickelte "Theorie
der autoritären Persönlichkeit" führt Vorurteile auf
spezifische Persönlichkeitsstrukturen zurück, die ihren Ursprung
in frühkindlichen Identitätsbildungsproblemen und einem unterdrückenden
Erziehungsverhaltens der Eltern haben. Vorurteilsvolle Menschen verdrängen
demnach die aus Konflikten mit der Familie und der Eigengruppe resultierenden
Abneigungen und Aggressionen und übertragen diese auf Außengruppen.
Der typisch autoritäre Charakter zeichnet sich überdies durch
Unterwürfigkeit gegenüber Stärkeren und ein starres Festhalten
an traditionellen Wertvorstellungen (Konformismus) aus.
Frustrationen und
ihre Folgen stehen im Mittelpunkt der "Frustrations-Aggressionstheorie",
die zur sog. "Sündenbock-Theorie" weiterentwickelt wurde.
Frustrationen der unterschiedlichsten Art (Arbeitslosigkeit, Konflikte
mit dem Chef etc.) führen demnach zu Aggressionen. Können sich
diese nicht gegen die Frustrationsquelle richten - z. B. weil die Ursache
nicht genau identifizierbar oder der Verursacher zu mächtig ist -,
dann besteht die Möglichkeit, andere Objekte und Fremdgruppen für
die erlittene Frustration verantwortlich zu machen. Dieser auch in Alltagstheorien
populäre Ansatz bietet eine Erklärung, warum etwa Minderheiten
als fremde und schwache Gruppen ein bevorzugtes Objekt von Vorurteilen
darstellen. Er erscheint aber nur auf dem ersten Blick als einleuchtend:
Ohne Rückgriff auf andere Theorien kann er nicht erklären, warum
nur manche Menschen mit der Verschiebung von Aggressionen auf schwächere
Personen(gruppen) reagieren, andere hingegen nicht. Der Ansatz erklärt
zudem nicht, warum spezifische Minderheitengruppen zur Verschiebung individuell
erfahrener Frustrationen ausgewählt werden.
4. Kognitive Ansätze
Sowohl psychodynamische
als auch kognitive Ansätze untersuchen innerpsychische Prozesse als
Ursachen von Vorurteilen. Beiden Ansätzen liegen aber unterschiedliche
psychologische Menschenbilder und unterschiedliche Definitionen von Vorurteilen
zugrunde. Während psychodynamische Vorurteilstheorien die gefühlsmäßige
Dimension des Vorurteils betonen und Vorurteile als eine Verzerrung der
Realität verstehen, betrachten kognitive Ansätze diese Verzerrungen
als Ergebnis der begrenzten menschlichen Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung:
Jeder Mensch bildet demnach in der hochkomplexen Realität Kategorien,
um subjektiv wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen, die Informationsflut
zu verringern und handlungsfähig zu bleiben. Im Bereich der interpersonalen
Wahrnehmung sind dies z.B. Kategorien wie Geschlecht, Alter, Größe,
Nationalität, politische Überzeugung oder Beruf. Solche im Laufe
der Erziehung gelernte Kategorien sind zumeist nicht neutral, sondern
beinhalten eine Wertung, die auf die kategorisierten Personen übertragen
wird.
Rainer Erb hebt drei
Grundformen dieser sozialen, d.h. auf Personen bezogenen, Kategorisierung
hervor: |
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" Dem Vergleich: Personen und Gruppen werden bestimmte
Merkmale nicht absolut, sondern im Verhältnis zu anderen zugeschrieben.
Bezeichnen sich etwa die Deutschen selbst als fleißig, gelten
andere Völker fast automatisch als weniger fleißig, letztlich
als faul;
der Klassenbildung:
Die Wahrnehmung der Umwelt ist immer durch unser Wissen, unsere Erwartungen
und durch soziale Normen und Situationen vorstrukturiert. Aufgrund dieser
stereotypen Wahrnehmung fassen wir Personen oder Gruppen zu allgemeinen
Klassen zusammen, wodurch diese uns untereinander als ähnlicher
erscheinen als sie tatsächlich sind;
die Ähnlichkeits-
bzw. Differenzakzentuierung: Aufgrund der Klassenbildung werden
die Ähnlichkeiten zwischen den Mitgliedern einer Gruppe überschätzt,
während zwischen den Gruppen die Differenzen überbetont werden.
Obwohl sicher viele Franzosen vielen Deutschen (etwa die Bankangestellten)
ähnlicher sind als ihren eigenen Landsleuten, werden die Deutschen
untereinander als gleicher und als verschiedener von den Franzosen angesehen."
(Erb 1995, S. 19f)
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Funktionen
von Vorurteilen
Die
verschiedenen Erklärungsansätze und empirischen Studien machen
deutlich, dass Vorurteile wichtige Funktionen für die einzelne Person
bzw. für soziale Gruppen erfüllen können. In Anlehnung
an Georg Hansen (1995, S. 546f) können beispielsweise vier Funktionen
hervorgehoben werden:
1. Vorurteile dienen
der Orientierung in einer komplexen Welt, reduzieren Unsicherheit und
bieten Verhaltenssicherheit; sie ermöglichen die Herstellung und
Aufrechterhaltung von Selbstwertgefühlen.
2. Vorurteile dienen
durch Ein- und Ausgrenzungen der Gruppenbildung und ermöglichen die
Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts der Eigengruppe und ein negatives
Konzept von Fremdgruppen. Sie machen die Verschiebung aggressiver Gefühle
auf Fremdgruppen möglich und können so auch die Solidarität
innerhalb der Eigengruppe erhöhen.
3. Vorurteile dienen
der Legitimierung von Herrschaft und tragen dazu bei, den Status quo der
ungleichen Machtverteilung zwischen Majoritäten und Minoritäten
zu erhalten;
4. Vorurteile dienen
über die Bereitstellung von "Sündenböcken" und
Mythenbildungen der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen:
Über Fremd- und Feindbilder werden Gruppengrenzen festgelegt, und
damit auch die Grenzen der Solidarität.
Gegenmaßnahmen:
Abbau von Vorurteilen |
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"Es
ist leichter ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil."(Albert
Einstein) |
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Vorurteile gelten
aufgrund ihrer psychischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Funktionen
als nur schwer abbaubar. Dies gilt vor allem dann, wenn sie schon in der
frühen Kindheit gelernt wurden, stark emotional besetzt und für
das Selbstverständnis einer Person oder die Absicherung von gesellschaftspolitischen
Machtpositionen bedeutsam sind.
Angesichts der Vielfalt
wissenschaftlicher Erklärungsansätze und Definitionen überrascht
es kaum, dass die Frage, ob und wie Vorurteile verringert werden können,
sehr unterschiedlich beantwortet wird:
- Individualpsychologische
und psychoanalytische Theorien setzen z.B. auf die Veränderung
von Erziehungsstilen, Einzelfallhilfe, das Erkennen verborgener Ängste,
die Stärkung von Selbstwertgefühl und die Förderung von
Eigeninitiative.
- Kognitive Ansätze
verweisen auf die Bedeutung von Bildung und Aufklärung. Die Spannweite
geeigneter Gegenmaßnahmen reicht hierbei von der Wissensvermittlung
über die jeweils als "fremd" wahrgenommenen "Anderen"
bis zur Aufklärung über die Funktionsmechanismen menschlicher
Wahrnehmung, die Realität von Diskriminierung und ihre Konsequenzen
für die Betroffenen.
- Konflikttheoretische
Ansätze heben hervor, dass es letztlich um einen Abbau von Konkurrenz
und Wettbewerb geht und einer Förderung von sozialem Lernen und
solidarischem Denken und Handeln.
- Aus lern- bzw.
sozialisationstheoretischer Sicht werden die Vorbildfunktion von Erziehenden
und die Abwesenheit von Vorurteilen in Medien und Politik hervorgehoben.
Wichtig ist hierbei ein gesellschaftliches Klima, das die Vielfalt der
Lebensweisen bzw. Lebensstile begrüßt.
- Nach sozialpsychologischen
bzw. gruppensoziologischen Studien tragen Kontakte zwischen Gruppen
zum Abbau von Vorurteilen bei, wenn sie unter Bedingungen von Gleichberechtigung
und Kooperation für alle Seiten vorteilhaft sind.
Die Spannbreite möglicher
und notwendiger Gegenmaßnahmen zwischen schulischer Bildung einerseits
und gesellschaftlichem Klima bzw. öffentlichen Diskursen andererseits
illustriert Werner Bergmann: |
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"Da Vorurteile sich bereits im späten Jugendalter stabilisieren,
ist vor allem in der Schulzeit interkulturelle Erziehung von herausragender
Bedeutung. Die internationale Forschung hat eine positive Wirkung kooperativer
Unterrichtsprogramme auf die gegenseitigen Ressentiments, die schulische
Leistung und das Selbstwertgefühl der Beteiligten nachgewiesen.
Angelehnt an die Theorie Muzafer Sherifs (
), arbeiten ethnisch
heterogene Kleingruppen an der Realisierung einer Gesamtaufgabe, wobei
gleichberechtigte und von den Lehrern geförderte persönliche
Kontakte im Vordergrund stehen. Andere Möglichkeiten positiver
ethnischer Kontakte sind Schüleraustauschprogramme und der Aufbau
von E-Mail-Kontakten zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedener
Länder. Schule und Bildung können aber auch über indirekte
interkulturelle Begegnungen zum Abbau von Vorurteilen beitragen, etwa
durch die Verwendung multikultureller Unterrichtsmaterialien und Curricula
oder durch Informationsprogramme, wie den "Culture Assimilations".
In diesem Selbstlernprogramm werden häufig auftretende Konfliktsituationen
vorgegeben, mit deren Lösung Verständnis für kulturelle
Differenzen und die Relativität des eigenen Standpunkts entwickelt
werden kann.
Wenn das politische
und öffentliche Klima einen wichtigen Einfluss auf die Vorurteilsbildung
und Diskriminierungsneigung ausübt, dann sind Staat und Öffentlichkeit
in doppelter Weise gefordert:
- Politiker
sollten darauf verzichten, etwa das Thema "Ausländer"
oder "Zuwanderung" für Wahlkampfzwecke parteipolitisch
zu instrumentalisieren und stattdessen klare positive Ziele für
Einwanderung und Integration formulieren. Ähnliche Forderungen
betreffen eine sachgerechte Berichterstattung der Massenmedien (
).
- Der Staat
sollte Multikulturalität und Integration als wichtige Bildungsziele
formulieren, Antidiskriminierungsgesetze erlassen oder benachteiligte
Gruppen besonders fördern, was einen Einfluss auf die soziale
Stellung von Minderheiten in der Gesellschaft haben und Benachteiligungen
erschweren würde. Die auf diese Weise erzwungenen Verhaltensänderungen
gegenüber diskriminierten Gruppen führen erfahrungsgemäß
auch zu Einstellungswandel. Dies gilt auch in der negativen Richtung:
Politische und rechtliche Ausgrenzung bestärkt die Vorurteile
gegen solche Gruppen." (Bergmann 2001, S. 9)
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Häufig werden
soziale Kontakte/Begegnungen sowie Aufklärung/Bildung als Maßnahmen
zur Verringerung von Vorurteilen hervorgehoben. Beide Ansätze sind
aber keineswegs Allheilmittel. |
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"Vorurteile können durch Aufklärung, Information
oder Begegnungen und konkrete Erfahrungen in Urteile verändert
werden. Dies ist - bezogen auf einzelne oder einige wenige Vorurteile
- erfolgreich, wenn dadurch die Interessen und deren Vertretung nicht
gefährdet werden und wenn diese Aufklärung, Information oder
Begegnung als positiv wahrgenommen werden und nicht punktuell erfolgen.
Hierdurch werden aber Abgrenzungsbedürfnisse nicht aufgehoben.
(...) Die dauerhafte Überwindung eines Vorurteils setzt voraus,
dass eine als positiv erlebte Erfahrung mit Angehörigen einer Fremdgruppe
nicht als Ausnahme interpretiert, sondern als Erwartung an alle Angehörigen
dieser Fremdgruppe gerichtet werden." (Hansen 1995, S. 548)
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Soziale
Kontakte
Die sog. Kontakt-Hypothese
geht davon aus, dass Kontakte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen
zu mehr gegenseitiger Akzeptanz führen, weil Kontakte Informationsmängel
beseitigen und auf diese Weise Stereotype und Vorurteile korrigieren.
Ganz so einfach, wie angenommen, ist es allerdings nicht: Kontakt allein
reicht nicht aus und es kommt auch nicht auf die Zahl der Kontakte an.
Viele Beispiele belegen, dass sich in Situationen, die durch Konkurrenz,
wechselseitige Abgrenzung oder bereits bestehende Spannungen gekennzeichnet
waren, Vorurteile noch verstärkten. Wichtig ist vielmehr die Qualität
sozialer Kontakte. So formulierte bereits Gordon W. Allport: |
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"Vorurteile (
) können verringert werden, wenn sich bei
gleichem Status zwischen Mitgliedern von Mehrheit und Minderheit Kontakte
bei der Verfolgung eines gemeinsamen Zieles entwickeln. Die positive
Wirkung ist sehr viel größer, wenn der Kontakt durch öffentliche
Einrichtungen unterstützt wird (
). Weiterhin müssen
diese Kontakte von einer Art sein, die bei den Mitgliedern der beiden
Gruppen die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen und gemeinsamer Menschlichkeit
herbeiführt." (Allport 1971, S. 285f)
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In Anlehnung an Allport
werden in der Fachliteratur folgende Bedingungen für erfolgreiche
soziale Kontakte genannt:
1. Gleicher oder ähnlicher
Status
Um Kontakte zwischen Mehrheiten und Minderheiten "auf gleicher Augenhöhe"
und ein Miteinander zu ermöglichen, sollten große Statusunterschiede
z. B. hinsichtlich der formalen Bildung oder der sozialen Lage vermieden
werden.
2. Engere bzw. intensivere
Kontakte
Da es bei oberflächlichen oder nur gelegentlichen Kontakten allenfalls
zu kurzfristigen positiven Effekten im konkreten Kontext, aber nicht zu
einer Generalisierung der Erfahrung kommt, sollten Kontakte möglichst
dauerhafter angelegt sein und im Idealfall persönliche Freundschaften
ermöglichen.
3. Gemeinsame Interessen
und kooperative Ziele
Kontakte sollten nicht unter Konkurrenz- bzw. Wettbewerbsbedingungen stattfinden.
Sie sollten vielmehr eine kooperative Zusammenarbeit bei der Verfolgung
gemeinsamer Ziele ermöglichen.
4. Freiwilligkeit
Die Teilnahme an Kontakten sollte freiwillig sein, um eine grundsätzliche
Bereitschaft zum Miteinander herzustellen und Abwehrreaktionen zu vermeiden.
5. Ein positives öffentliches
Klima
Ein positives Bekenntnis zur Multikulturalität bzw. zur Vielfalt
der von Lebensweisen und Lebensstilen in Politik, Medien und Wirtschaft
gilt angesichts der Bedeutung des sozialen Kontextes und sozialer Normen
als förderlich.
Aufklärung
und Informationen
Aufklärung im
Sinne von Wissensvermittlung kann zum Abbau von Vorurteilen beitragen.
Dies wurde unter experimentellen Laborbedingungen nachgewiesen. In vielen
empirischen Studien wurde zudem der Zusammenhang zwischen Bildung und
Vorurteilen untersucht: Eine höhere Bildung korreliert demnach deutlich
mit einer geringeren Ausprägung von Vorurteilen.
Wirksam können
Aufklärungskampagnen oder Bildungsangebote aber nur sein, wenn die
Informationen auch die Zielpersonen erreichen. Öffentliche Kampagnen
etwa über Plakate oder Medienspots oder außerschulische Bildungsangebote
erreichen in erster Linie Personen, die bereits für das Problemfeld
sensibilisiert sind. Menschen mit Vorurteilen entziehen sich demgegenüber
Gegeninformationen und "schalten ab" - im wörtlichen wie
übertragenen Sinn.
Der Ansatz der Wissensvermittlung
ist deshalb vor allem bei der Prävention von Vorurteilen hilfreich
und bei Menschen, die nur oberflächlich Vorurteile übernommen
haben. Als wenig oder gar nicht wirksam gilt er, wenn Vorurteile tief
in der Psyche des Einzelnen bzw. im sozialen Umfeld verankert sind.
Aufklärungsarbeit
gegen Vorurteile kann auf recht unterschiedliche Weise erfolgen: Informationen
können sich auf Gruppen beziehen, die Zielscheibe von Vorurteilen
sind. Sie können die historische Tradierung oder gesellschaftliche
Verankerung bestimmter Vorurteilsstrukturen zum Gegenstand haben. Aufklärungsarbeit
kann aber auch die Entstehungs- und Funktionsbedingungen von Vorurteilen
zum Thema machen, in dem Kenntnisse über die Prozesse und Mechanismen
vermittelt werden, die dem Urteilen und der Ausbildung und Verbreitung
von Vorurteilen zugrunde liegen. Letzteres wird in der Pädagogik
insbesondere als Präventionsmaßnahme in der Arbeit mit Heranwachsenden
favorisiert.
Anmerkungen aus rassismuskritischer Perspektive
Sowohl die Erklärungsansätze
von Vorurteilen als auch die Auseinandersetzung mit ihren Funktionsweisen
sowie die Entwürfe von Gegenstrategien basieren auf der Grundannahme,
dass sich Vorurteile auf ein "fremdes", "anderes"
Gegenüber beziehen. Erst die Präsenz des Fremden und Anderen
rufe das Vorurteil hervor - das dann ggf. über Generationen hinweg
tradiert wird. Diese Annahme wird aus rassismuskritischer Perspektive
problematisiert:
Vorurteile, seien
sie nun bezogen auf rassistische, sexistische oder andere Differenzlinien,
unterscheiden zwischen "Wir" und "Nicht-Wir", zwischen
fremd/anders einerseits und nicht-fremd/gleich andererseits. Diese Unterscheidung
wird jedoch nicht problematisiert, sondern dient vielmehr als Grundlage
der Vorurteilsforschung. |
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"Die historisch und gesellschaftlich spezifische Weise, in der
zwischen Fremden und Nicht-Fremden unterschieden wird, ist in den psychologischen
Erklärungsangeboten bereits vorausgesetzt und wird damit in den
anwendungsorientierten' Vorschlägen, die sich auf die Frage
Was sollen wir tun?' beziehen, implizit reproduziert. (
)
Die sozialen, rechtlichen, kulturellen und historischen Voraussetzungen
der spezifischen Unterscheidung zwischen Fremden und Nicht-Fremden sind
in der Regel nicht Gegenstand psychologischer Erklärungen. Wenn
solche Ansätze nun benutzt werden, um Fremdenfeindlichkeit'
zu erklären, tragen sie, eben weil sie letztlich nur über
(sozial-)psychologische Mechanismen des Umgangs mit einmal als fremd'
Bezeichneten Auskunft geben, durch Nicht-Thematisierung zu einer Bestätigung
des weder natürlichen' noch notwendigen, sondern vielmehr
historisch kontingenten Schemas bei, dass in einer spezifischen Weise
Fremde von Nicht-Fremden unterscheidet." (Mecheril 2004, S. 184f)
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Wenn also Vorurteile
bekämpft werden sollen, so muss folgerichtig nicht die Frage lauten,
wie wir "besser" mit Fremden umgehen. Vielmehr ist die Frage
zu thematisieren, warum und in welcher Weise eine Person als fremd/anders
definiert wird, warum zwischen "Wir" und "Ihnen" unterschieden
wird bzw. diese Unterscheidung an sich wäre in Frage zu stellen.
Konkret hieße das, nicht die vermeintlich fremde Kultur, die andere
sexuelle Orientierung oder körperliche Differenz in ihrem Anderssein
zu fokussieren, sondern vielmehr die Konsequenzen der Diskriminierung,
die das fremd-gemacht-werden (Othering) für die jeweils betroffenen
Personen mit sich bringen, zu fokussieren. Gleichzeitig gälte es,
Gemeinsamkeit mit dem vermeintlich Fremden und Anderen darzustellen bzw.
Differenzen in der jeweils als "Wir" interpretierten Eigengruppe
wahrzunehmen, d.h. Sensibilität für das vermeintlich Eigene
und angeblich Fremde wachzurufen. Damit würden die sozialen Verhältnisse
von Diskriminierungserfahrungen, Ausgrenzung und Machtasymmetrie in den
Vordergrund der Betrachtung geraten. Die hierarchisierende soziale Ordnung
würde ins Blickfeld der Auseinandersetzung kommen und auch die Vorteile,
die nicht nur die "bestehende Ordnung" (staatliche Einrichtungen
wie Schulen und Behörden etc.), sondern auch die Individuen von der
diskriminierenden, unterdrückenden Realität hätten, würde
thematisiert werden.
Aus diesem Blickwinkel
ließen sich Fragen ableiten, die über das individuelle Verhalten
bzw. die Verhaltensänderungen hinaus wiesen. Nur einige mögliche
Perspektiven seien hier genannt:
- Welche Bedeutung
kommt dem Nationalstaat und der Festung Europa' im Umgang mit
Migrantinnen und Migranten zu?
- In welcher Weise
wirken sich bis heute Kolonialismus und Nationalsozialismus auf unsere
Sichtweisen auf Migrantinnen und Migranten, Alte, Menschen mit Behinderungen,
Jüdinnen und Juden
aus?
- Welche Konsequenzen
hat die monolinguale und monokulturelle Schule auf die Bildungschancen
von bilingualen und bikulturellen Migrantenkindern?
- Welche Auswirkungen
hat die "freie Marktwirtschaft" auf Menschen mit Behinderungen,
alte Menschen, Frauen
, die dem Kriterium des jungen, dynamischen,
allzeit und allseits flexiblen Mannes nicht entsprechen?
- Warum stellt die
Gleichstellung homosexueller Paare mit heterosexuellen Paaren eine solche
Provokation für die katholische Kirche und konservative Parteien
dar?
Die Liste wäre
beliebig fortzusetzen, doch wird wohl schon anhand dieser wenigen Fragen
deutlich, wie sehr sich ein hier angedeuteter Ansatz von dem auf den Abbau
von individuellen Vorurteilen bezogenen Ansatz unterscheidet. |
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letzte Aktualisierung: 20.09.2006
©
IDA-NRW 2001
www.ida-nrw.de
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